Nahost-Experte Sahm in Jülich

Von: Kr.
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Über den Alltag im Nahen Osten berichtete Auslandskorrespondent und Buchautor Ulrich W. Sahm, der schon seit 40 Jahren in Jerusalem lebt, auf Einladung der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen. Foto: Kròl

Jülich. Er kennt den Nahen Osten wie kaum ein Zweiter. Buchautor und Nahost-Korrespondent Ulrich W. Sahm lebt und arbeitet seit über 40 Jahren in Jerusalem, genießt aber auch, wie er selbst sagt, seine Aufenthalte in der alten Heimat Deutschland. Zurzeit ist er wieder auf Vortragsreise und machte zwischen Frankfurt, Bochum und München auf Einladung der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz Station in der Herzogstadt.

„Es ist der Auftakt zur diesjährigen jüdischen Woche“, erklärte die Vorsitzende Gabriele Spelthahn bei der Begrüßung der Gäste im Jülicher Kaiserhof, die auch auf die Gedenkfeier, die am 7. November am ehemaligen Standort der Jülicher Synagoge stattfindet, hinwies.

Mit Spannung wurde die Einschätzung des Referenten zur derzeitigen Situation im Nahen Osten erwartet und wie man sich in einem Land fühlt, wenn rundum Bürgerkriege toben.

„Wir leben wie auf einer Insel der Seligen“, erklärte Sahm und fügte hinzu, dass man in Israel vom arabischen Frühling nicht viel mitbekomme. Es sei dennoch eine spannende und aufregende Zeit und die Entwicklung ungewiss.

So friedlich wie noch nie...

In Israel selbst ist es nach Sahms Einschätzung so friedlich wie noch nie. Der Korrespondent packte natürlich in seinem Bericht auch heiße Eisen an: zum Beispiel die Siedlungspolitik Israels und den Umgang mit den Palästinensern.

„Palästina will gar keinen eigenen Staat. Zurzeit fließen dort regelmäßig Milliarden hinein. Sie werden allerdings nicht zum Aufbau der Infrastruktur verwandt. Es gibt nirgendwo so viele teure Autos und riesige Villen wie in Ramallah, und die Menschen dort sind von ihrer Elite sehr enttäuscht. Die sind unglaublich korrupt.“

Es fiel im Kaiserhof auch so manches provokante Wort, und nicht immer waren seine Zuhörer mit ihm einer Meinung, was den Umgang Israels mit den arabischen Nachbarn betraf.

Sahm sieht die Welt in einer Schieflage. Die Israelis seien in der arabischen Welt stets die Schuldigen. „Israel ist der Nabel der Welt, und alles dreht sich um dieses kleine Land. Die Sicht von hier ist aber eine ganz andere als die Wirklichkeit dort“, erklärte er.

So werde relativ ruhig der Konflikt zwischen Israel und Syrien betrachtet. Man sei zwar Todfeind, jeder wisse aber, dass der eine den anderen jeder Zeit „platt machen“ könne. Die Ruhe, die seit 1973 zwischen den Ländern herrsche, beruhe auf dem Prinzip der Abschreckung.

Anders schätzt er dagegen das Verhältnis Iran-Israel ein. Beinahe täglich drohe Iran mit der Zerstörung Israels. Das könne man nicht ignorieren. „Schon einmal haben die Juden solche Drohungen ignoriert, was 6 Millionen von ihnen das Leben kostete. Die Ideologie des Iran ist unberechenbar“, erklärte der Autor und Korrespondent.

Die letzte Frage, warum er denn in einem solch krisengeschüttelten Land lebe, beantwortete er sehr ausführlich. 1950 als Sohn eines Diplomaten geboren, habe er schon als kleines Kind im Ausland den deutschen Botschafter spielen müssen. Es sei nicht immer einfach gewesen. Er erinnert sich noch gut an seine Schulzeit in Frankreich, als er von seinen Mitschülern angefeindet wurde.

Damals standen ihm israelische Klassenkameraden zur Seite. Heute nun lebt er seit 40 Jahren in Jerusalem und ist nach wie vor von dieser Stadt fasziniert. Sahm: „Sie ist so multikulti, das erleben sie noch nicht einmal in New York.“ Es sei die spürbare „Heiligkeit“ dieser Stadt in ihrer Unterschiedlichkeit, die in gepackt hat.

„Hier bin ich dem lieben Gott auf den Kopf gestiegen“, berichtete er und erklärte weiter: „Als die Kuppel des Felsendoms vergoldet wurde, erhielten meine Frau und ich den Auftrag, dies zu dokumentieren und fotografisch festzuhalten.

Der Felsendom ist auf den Ruinen des Tempels gebaut, und im Alten Testament steht zu lesen, dass Gott dort seine Wohnung auf Erden genommen habe. Also sind wir dem lieben Gott aufs Dach gestiegen.“

Eindrucksvolle Bilder hat er mit seiner Frau dort aufgenommen und zur Erinnerung an seinen Besuch überreichte er Gabriele Spelthahn einen Bildband aus dieser Zeit. Seine Frau wurde dafür mit einem jordanischen Preis ausgezeichnet.

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