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Nach Silvester: Ein Flüchtling reicht die Hand und sagt „Sorry!“

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
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„Viele Menschen sind mir mit Nähe und Freundlichkeit begegnet. Da habe ich mich noch mehr geschämt wegen Silvester“, sagt er. Foto: Tavakkoli
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Er wollte Aufsehen erregen, sich entschuldigen und damit gegen Vorurteile aktiv werden. Foto: Tavakkoli
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Will den Menschen in Deutschland ein anderes Bild von Flüchtlingen zeigen: Hessam Aldin Tavakkoli. Foto: privat, Jansen
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„Viele Menschen sind mir mit Nähe und Freundlichkeit begegnet. Da habe ich mich noch mehr geschämt wegen Silvester“, sagt er. Foto: Tavakkoli
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„Viele Menschen sind mir mit Nähe und Freundlichkeit begegnet. Da habe ich mich noch mehr geschämt wegen Silvester“, sagt er. Foto: Tavakkoli

Jülich/Düren. „Ich bin ein Flüchtling aus dem Iran. Ich bin Moslem. Für das Verhalten der Flüchtlinge an Silvester entschuldige ich mich. Wenn Sie denken, nicht alle Flüchtlinge sind so – bitte geben Sie mir die Hand!“ Das stand in weißer Schrift auf einem blauen Plakat, mit dem Hessam Aldin Tavakkoli am Donnerstag losgezogen ist.

Seine Kleidung, sein Gesicht und seine Haare hatte er silbergrau lackiert. Tavakkoli wollte auffallen. Denn seine Botschaft war dem Mann wichtig, der seit Ende Dezember im Jülicher Flüchtlingscamp auf der Merscher Höhe lebt. „Ich habe mich geschämt, als ich erfahren habe, was in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof passiert ist“, sagt Tavakkoli.

Ursprünglich, so berichtet der aus dem Iran geflohene Mann mit Hilfe der in Jülich lebenden Studentin und Übersetzerin Awid Aghajamali, wollte er seine Aktion in Köln durchziehen. Aufgrund einer zeitgleichen Veranstaltung der Partei Alternative für Deutschland (AfD) habe Tavakkoli davon abgesehen.

Stattdessen ist er in die Dürener Innenstadt gefahren. Zu Beginn habe er Angst gehabt, dass die Menschen nach der Silvesternacht ausländerfeindlich reagieren könnten. Unbegründet, wie er inzwischen weiß. Einige hätten ihn schlicht ignoriert, seien weiter gegangen. „Viele Menschen sind mir mit Nähe und Freundlichkeit begegnet. Da habe ich mich noch mehr geschämt wegen Silvester“, sagt er. Viele Menschen hätten ihm die Hand gereicht.

Tavakkoli ist 35 Jahre alt, nicht verheiratet und hat keine Kinder, er lebte bis Ende vergangenen Jahres in Teheran und ist studierter Filmemacher. „Ich habe mich verpflichtet gefühlt, diese Aktion zu machen, weil ich den Menschen hier als Regisseur eine andere Seite der Flüchtlinge zeigen wollte. Und ich habe mich als Flüchtling verpflichtet gefühlt, um Entschuldigung zu bitten und zu zeigen, dass nicht alle so sind.“

Wegen seiner Werke sei er im Iran verfolgt worden. Zum ersten Mal, als er einen Kurzfilm über die Steinigung von Frauen auf dem Land im Iran gemacht habe. „Die Polizei hat mich deswegen verprügelt.“ Dann machte er einen Film über die Ermordung von Fereydoun Farokhzad, einem iranischen Schriftsteller, der 1992 in Bonn mit 40 Messerstichen getötet wurde, nachdem die iranische Führung die Todesstrafe ausgesprochen hatte. Nach dem zweiten Film sei die Polizei bei ihm zu Hause gewesen. Tavakkoli konnte fliehen, weil er gewarnt worden ist.

Wie es für ihn in Deutschland weiter geht, weiß er nicht. Jülich ist eine Notunterkunft, irgendwann wird ihm ein anderer Ort zum Leben zugeteilt. Derzeit lernt er Deutsch, irgendwann will er auf Deutsch einen Film über die politische Situation im Iran machen.

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