Gevelsdorf - Mutterkuhhaltung: Nur wenige Betriebe pflegen „Familienidyll“

Mutterkuhhaltung: Nur wenige Betriebe pflegen „Familienidyll“

Von: ptj
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Fütter- und Kuschelstunde: Hans-Gerd Erven verwöhnt seine Tiere mit Möhren und Rübenschnitzeln. Foto: Jagodzinska

Gevelsdorf. Auf großflächigen Weiden zweier Landwirte in der Gemeinde Titz laufen Kälber neben ihren Müttern in der Herde und werden von ihnen gesäugt. Nachts und im Winter stehen sie zusammen im Stall. Die Befruchtung erfolgt auf natürlichem Wege durch den Bullen. Sechs bis elf Monate lang werden die Kuhmütter nicht gemolken, auf Milchaustauscher (Ersatzmilch für die Kälber) wird verzichtet.

Diese Haltungsform nennt sich Mutterkuhhaltung und ist die „tiergerechteste Art der Fleischrindhaltung“, wie es das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz formuliert. Weit verbreitet unter Landwirten ist diese Haltung nicht.„Es sind wenige, im Nordkreis noch weniger als im Südkreis“, weiß Erich Gussen, Vorsitzender der Kreisbauernschaft.

Nach einer Statistik der Landesdatenverarbeitungszentrale „Information und Technik Nordrhein-Westfalen“ für das Bundesland NRW aus 2011 sind nur 53 (sechs Prozent) von 857 landwirtschaftlichen Betrieben als Mutterkuhbetriebe eingetragen. Milchviehbetriebe sind 117 verzeichnet (14 Prozent). Heute, drei Jahre später, sind es „eher noch weniger.

Landwirte verdienen mit Ackerbau und Viehzucht ihren Lebensunterhalt. Schon deshalb sind sie immer darauf bestrebt, dass es den Tieren optimal gut geht“, betont Gussen.

Spezielle Rassen

Für die Mutterkuhhaltung seien „spezielle Rassen geeignet, die mehr Fleisch ansetzen und weniger Milch geben“. Beispiele sind robuste Fleischrassen wie Charolais oder rote oder schwarze Angusrinder. Man unterscheidet zwischen extensiven Rassen, die besonders für extensive Standorte wie Mittelgebirge oder Feuchtbiotop-Flächen geeignet sind, dann den gewichtsmäßig schon schwereren mittelintensiven Rassen wie das Angusrind und intensiven Rassen mit hohen täglichen Gewichtszunahmen wie das Charolais-Rind. Bei der Rassewahl ist aber auch der Standort des Betriebes und die vorgesehene Vermarktungsform wichtig.

Nach dem Absetzen von der Mutter werden die Kälber entweder zur Weitermast oder zum Schlachten verkauft, das nennt man Absetzerproduktion. Oder die Kälber werden nach dem Absetzen eine gewisse Zeit im eigenen Betrieb weiter gehalten und dann zum Schlachten verkauft. Die dritte Art des Produktionsverfahrens ist der Verkauf von Zuchttieren.

Viele Betriebe lassen sich zertifizieren, „um eine gewisse Außenwirkung zu erzielen“, wie Gussen es ausdrückt. „Bei den verschiedenen Zertifizierungen werden unterschiedliche Standards gefordert“, klärt der Landwirt auf.

Ein Beispiel für die Mutterkuhhaltung ist der Betrieb Hans-Gerd Erven in Gevelsdorf im „Förderprogramm für artgerechte Tierhaltung“. Die 100 bis 110- köpfige Rinderherde, reinrassig oder gekreuzt aus den Rassen „Blonde d‘Aquitaine“, Limousin, Piemonteser und Fleckvieh, grast auf Weiden in Gevelsdorf, Jackerath, Gut Isenkrott und Linnich.

Die Tiere stehen nachts und im Winter im offenen Stall mit täglich zwei Ballen Einstreu „zur freien Aufnahme“. Auch Heu und Mais-Sillage werden jeden Tag gefüttert, dazu gibt es „Rübenschnitzel“ aus der Zuckerfabrik. „Davon werden die Tiere ruhiger“, weiß Landwirt Erven.

Wenn er seine Weiden abfährt mit einem Eimer Rübenschnitzel in der Hand, stürmt die ganze Herde auf ihn zu, will fressen, aber auch eine Liebkosung. Die Tiere – neben Rindern leben noch Pommerngänse und eine gerettete Krähe auf dem Hof – sind augenscheinlich Ervens Leidenschaft. „Ich will zeigen, dass man Rindfleisch auch anders produzieren kann“, betont der Landwirt.

Zuchtbulle „Dream“ wiegt stolze 1320 Kilo und ist nach Ervens Bekunden auch geeignet, unter seiner Führung ausgebrochene Rinder wieder zurückzuführen, Erschießungen seien da gar nicht notwendig.

Keinen Stress

Seine Kühe kalben von September bis Mai. Trotz aller Tierliebe werden die Rinder zur Fleischproduktion gezüchtet. Alle 14 Tage fährt Erven mit einem Tier selbst zum Metzger nach Grevenbroich. Beim Schlachten bleibt er dabei, damit „das Tier keinen Stress hat“. Obwohl er alle drei Produktionsverfahren anwendet, wird bei ihm kein Rind unter zwei Jahren geschlachtet. Früher zählten auch Milchkühe zu seinem Betrieb, die musste er wegen einer langwierigen Erkrankung abgeben. Erven will seine Tiere weiterhalten, kann es aber nur, „weil ihn Frau und Tochter unterstützen“.

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