Mut zum Blickrichtungswechsel: Autorenlesung zum Thema Demenz

Von: ptj
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Freundlichkeit und Berührung ohne Zwang: Autorin Brigitta Schröder (l.) gibt Impulse zum wertschätzenden Umgang mit Menschen mit Demenz, wie hier beispielhaft bei Elisabeth Vietzke. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Ein Neugeborenes ist wie ein Mensch mit Demenz. Menschen mit Demenz haben Fähigkeiten und Bedürfnisse wie Kinder, sind aber keine Kinder“. Das ist eine der wichtigsten Aussagen von Brigitta Schröder, die anlässlich des Welt-Alzheimertages in der Stadtbücherei ihr Buch „Blickrichtungswechsel – Lernen mit und von Menschen mit Demenz“ vorstellte.

Dabei ließ die Autorin, Diakonisse der Schwesternschaft Neumünster Zollikerberg, dem erstaunlicherweise rein weiblichen Publikum in besonders lebendiger Form an ihrem reichen Erfahrungsschatz in der Begleitung dementiell veränderter Menschen teilhaben. Ihr dadurch erworbenes Wissen wünschte sie ausdrücklich nur als „Impuls“ an ihre Zuhörerinnen weiterzugeben.

Ganz nebenbei streiften ihre Ausführungen zentrale Themen des Lebens wie dessen Endlichkeit, den Wunsch zu sterben und das notwendige Loslassen der Angehörigen, aber auch Sexualität im Alter. Die Autorin tritt mit ihren Präsentationen für einen wertschätzenden Umgang mit Menschen mit Demenz ein. Wiederholt fiel der Begriff „Validation“, der bedeutet, die Realität des Anderen für gültig zu erklären, ihn auf Augenhöhe zu betrachten. Der Blickrichtungswechsel hilft dabei, „aus einem halbleeren Glas ein halbvolles zu machen“. Mit recht einfachen und dennoch wirkungsvollen Denkmustern und Annäherungsformen gelingt die Umsetzung, die Zauberworte heißen Fantasie, Kreativität und Flexibilität.

Ihre andere Form der Lesung startete die Diakonisse mit dem gemeinsamen Einsingen eines Willkommensliedes, das für eventuell zu spät Kommende anstelle eines vorwurfsvollen Blickes gedacht war. Damit gab sie bereits die Richtung vor. Auf schuldzuweisende Sätze, die mit einem langgezogenen „Du“ beginnen, verzichten. Statt dessen gilt Freundlichkeit, leichte Berührungen, die den anderen nicht einzwängen, Mut zur Grenzüberschreitung.

„Es gibt noch ein Leben nach der Diagnose Demenz, jede Lebensphase ist einzigartig und wertvoll“. Oft seien Menschen mit Demenz gefühlsbetont, sie wollten spielen, singen, sich bewegen, lachen, herumalbern und liebten es zu schummeln. Sie seien neugierig, spontan, ehrlich und ohne Masken.

Wie Seismographen spürten sie sensibel Stimmungswechsel in der Atmosphäre auf. Von allem Materiellen seien sie frei. Sie wollten keine Fremdbestimmung und würden Anweisungen meiden, aber sie brauchten Begleitung mit Kompetenz. Menschen mit Demenz suchten Orientierungshilfen, Rituale und Strukturen, vor allem aber Wertschätzung. Sie seien Persönlichkeiten. Deshalb gelte es, Bitte und Danke zu sagen und sich zu entschuldigen, wenn auf die Annäherung kein Lächeln folgte. Menschen mit Demenz haben Bedürfnisse „wie wir alle“ und brauchten leibliche, seelische, geistige, soziale, kulturelle und spirituelle „Nahrung“. In der funktionellen Pflege gelten die drei „s“ für satt, sauber und still, in der ganzheitlichen Sichtweise die drei „z“ für Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit. Denn „Wer sich Zeit nimmt, gewinnt Zeit“. Hierbei nicht vergessen werden darf: „Wer achtsam mit sich selber ist, kann mit anderen achtsam umgehen“.

Spontan warf die Autorin zusammengerollte Strümpfe ins Publikum, die eine Überraschung wie eine singende Plüsch-Amsel verbargen. Oder Schröder verteilte Seifenblasen-Röhrchen und blies einige Blasen unbekümmert in die Luft. Die solchermaßen beschenkten Zuhörerinnen lachten fröhlich. Humor ist eine wichtige Grundlage im Umgang mit Menschen mit Demenz. Die Mut machende Präsentation endete positiv: „Heute passiert schon ganz viel“ im Umgang mit Menschen mit Demenz, nämlich Beratung und Weiterbildung, und „wir haben so viel tolle Jugend“.

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