Jülich - Müttern helfen, den Anschluss nicht zu verlieren

Müttern helfen, den Anschluss nicht zu verlieren

Letzte Aktualisierung:
15075116.jpg
Demonstranten nehmen im vergangenen Jahr am Equal Pay Day „Recht auf mehr!“ vor dem Brandenburger Tor in Berlin teil. Ungleiche Bezahlung ist ein klassisches Gleichberechtigungsthema. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
Rebecca Fischer Gleichstellungsbeauftragte
Rebecca Fischer achtet in Jülich auf das Thema Gleichstellung. Foto: Driefert

Jülich. Die Stadt Jülich hat eine neue Gleichstellungsbeauftragte. Seit dem 1. Juni ist Rebecca Fischer im Dienst. Zuvor war sie im Amt für Rats- und Rechtsangelegenheiten eingesetzt. Im Gespräch mit unserer Mitarbeiterin Daniela Driefert erzählt sie über ihre neuen Aufgaben und an welchen Stellen in der Gleichstellung von Mann und Frau nachgebessert werden muss.

Frau Fischer, Sie sind die neue Gleichstellungsbeauftragte in Jülich. Herzlichen Glückwunsch. Ist das eine Beförderung?

Rebecca Fischer: Nein, es ist keine Beförderung. Ich habe meine Stundenzahl reduziert.

Es ist insgesamt eine halbe Gleichstellungsstelle für die Verwaltung der Stadt Jülich und auch für die Belange der Bürger der Stadt…

Fischer: Es ist eine halbe Stelle für alles, was das Gleichstellungsthema umfasst, intern und extern. Wie sich das in den verschiedenen Anteilen darstellt, muss sich für mich noch ausloten. Intern sind die Arbeiten gesetzlich normiert, in welchen Gremien ich teilnehmen muss, extern habe ich mehr Gestaltungsfreiheit, inwiefern man da aktiv wird, sich in die Netzwerke einbringt und Veranstaltungen organisiert, das obliegt jedem, wie er das zeitlich vom Engagement her hinbekommt.

Sie haben starke Vorgängerinnen. Katharina Esser hat den Kunsthandwerkerinnenmarkt ins Leben gerufen, Kirsten Müller-Lehnen, die erste Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Jülich, gab mit Brigitte Habig den Impuls zur Einrichtung „Frauen helfen Frauen“ in Jülich. Haben Sie eine Idee, wie Sie sich positionieren möchten?

Fischer: Ich bin aktuell in der Findungsphase, habe eine klassische Verwaltungsausbildung, bin Diplom- Verwaltungsbetriebswirtin, habe bis jetzt im Ordnungsamt und, seitdem die Kinder da sind, im Amt für Rats- und Rechtsangelegenheiten gearbeitet. Es gibt bestimmt viele Themenfelder, wo ich sage, da möchte ich aktiver werden, die aber erst einmal auf interner Ebene liegen. Die externe Arbeit sehe ich in der Netzwerkarbeit, durch Kontakte mit Menschen, die einem Anregungen geben, wo noch Bedarf da ist. Ich kann mir vorstellen, dass ein großer Bedarf vorhanden ist im Thema Flüchtlinge und Zuwanderung. Ich sehe die externe Aufgabe in einer Vermittlerstelle, einer Erstanlaufstelle. Wir haben genug sehr gut arbeitende Vereine in Jülich und im Kreis Düren, die tiefer in die Beratung einsteigen können, als ich das hier tun könnte.

Mein Büro steht für jedermann offen und für Frau im Speziellen, um Kontakt herzustellen und zu vermitteln. Ich habe hier einige Informationsbroschüren ausliegen, die ich als Ersthilfe an die Hand geben kann. Ich will das Thema Gleichstellung in Jülich noch öffentlicher machen, ein Bewusstsein für die Gleichstellung schaffen, auch insbesondere am Weltfrauentag oder Equal Pay Day und vielleicht gemeinsam mit anderen Organisation Aktionen auf die Beine stellen, die das Ganze nach außen tragen. Intern sind die Aufgaben klar normiert im Landesgleichstellungsgesetz. Die Gleichstellungsbeauftragte ist an allen Maßnahmen in personeller, organisatorischer oder sozialer Hinsicht zu beteiligen. Das betrifft alles, was irgendwie die Gleichstellung von Mann und Frau berühren könnte.

Zum Beispiel?

Fischer: Das fängt klassisch an bei Auswahlverfahren, mir werden Stellenausschreibungen im Vorfeld vorgelegt, im gesamten Verfahren, im Vorstellungsgespräch, in der Bewerberauswahl, im Beurteilungswesen. Dann gibt es das Thema Inklusion und Integration, da ist die Gleichstellung beteiligt, ganz normale Personalmaßnahmen, wenn jemand Stunden aufstocken will oder reduzieren möchte aus familiären Gründen.

Werden im Verwaltungswesen Männer und Frauen eigentlich gleich bezahlt?

Fischer: Ja, es gibt ja ein klares Raster, wo man sich gerade befindet. Es gibt die Besoldungsgruppen, man muss befördert werden, um eine Stufe weiter zu kommen, und dann gibt es noch die Erfahrungsstufen. So kann man bei jedem Mitarbeiter – unabhängig, obMann oder Frau – einsehen, wieviel derjenige verdient.

Wenn Frauen in Teilzeit arbeiten, was in der überwiegenden Zahl der Fall ist, wie sieht es dann mit den Beförderungsmöglichkeiten aus? Hat eine Frau, wenn sie zehn Jahre in Teilzeit gearbeitet hat, die gleichen Beförderungschancen wie ein Mann, der die gleiche Zeit in Vollzeit tätig war?

Fischer: Also Beförderung bedeutet bei uns, die Stelle auf der man sich gerade befindet wird neu bewertet, sprich in einer Kommission werden sich die Aufgaben der Stelle angeschaut und am Ende kommt es zu einem Bewertungsergebnis in welcher Besoldungsgruppe sich die Stelle befindet. Dann wird man, wenn man die Anforderungen erfüllt, automatisch befördert oder aber man bewirbt sich auf eine höhere Stelle.

Theoretisch hört sich das gut an, wie ist es in der Realität? Wenn Frauen zehn Jahre in Teilzeit gearbeitet haben, haben sie dann wirklich die Chance, die gleiche Qualifikation nachzuweisen wie ein Mann, der die ganze Zeit Vollzeit gearbeitet hat?

Fischer: Genau da setzt meine Arbeit an. In der Theorie ist sicherlich alles so, wie es sein sollte, in der Praxis ist es schwieriger. Ich habe selbst zwei Kinder und bin seitdem in Teilzeit tätig. Ich habe den Kontakt zur Arbeitsstelle gehalten und zum Ausdruck gebracht: Ich will beruflich noch was erreichen. Das ist auch eine Sache, da würde ich gerne ansetzen, den Kontakt zu unseren Müttern zu pflegen, die in Elternzeit sind, damit der Anschluss nicht verloren geht.

Frauen gehen mit der Familiengründung in Teilzeit, Männer eher selten. Ist diese Form der fehlenden Gleichstellung nach wie vor ein Problem?

Fischer: Was ich auch in meinem Vorstellungsgespräch zum Ausdruck gebracht habe: Ich sehe mich nicht als Frauenbeauftragte im klassischen Sinne. Es ist mir schon wichtig, dass die Stelle Gleichstellungsstelle heißt. Ich finde es sehr wichtig und auch interessant, die Männer mehr ins Boot zu holen. Gerade was den Bereich Teilzeit und Elternzeit anbetrifft. Männer haben heute die Möglichkeiten, in Elternzeit zu gehen, auch in Teilzeit zu arbeiten. Das wird zu wenig wahrgenommen. Wir Frauen sind alle gut ausgebildet. Wir bringen die besten Voraussetzungen mit, wir haben auch alle was Gutes gelernt, haben studiert, und dann kommt der Cut: Kind-Teilzeit. Wenn Männer zu Hause bleiben, ist das aber noch nicht so akzeptiert. Es ist immer noch ein kleines Lächeln im Gesicht der Kollegen und auch die Skepsis, ob der noch mal den Anschluss findet. Und da möchte ich für werben, das etwas attraktiver zu gestalten und auch mehr Verständnis unter den Kollegen zu schaffen, wenn sich ein Kollege endlich mal traut und sagt, jetzt kann meine Frau ihren beruflichen Weg weitergehen. Es ist in der Theorie alles schön und gut gesagt, die Praxis ist dann doch in vielerlei Hinsicht schwierig.

Und wenn die Kinder aus dem Haus sind, Frauen viele Jahre in Teilzeit gearbeitet haben, sich in finanziellen Abhängigkeit zum Partner befinden, oder aber die Ehe in die Brüche geht, dann rückt das Thema Altersarmut heran. Wie ist hier der Ansatz einer Gleichstellungsbeauftragten?

Fischer: Das ist die Frage. Da befinden wir uns natürlich auf einer sehr politischen Ebene. Da stellen sich so Fragen, inwiefern die Zeiten der Kinderbetreuung und Angehörigenbetreuung in irgendeiner Art in den Renten widergespiegelt werden könnte. Da kann eine Gleichstellungsbeauftragte nicht viel daran ändern. Genauso wie es natürlich jedem persönlich obliegt, sich für solche Eventualitäten mit dem Partner abzusichern, in Form irgendeiner Art von Ehevertrag: Wir haben das so abgestimmt, dafür entschädigst du mich, wie auch immer. Das lässt sich in alle möglichen Richtungen denken. Doch diese Zeiten, für die man sich mal entschieden hat, bewusst in Teilzeit zu gehen, kann man im Endeffekt nicht mehr nachholen. Die sind, was die Rente anbetrifft, verloren.

Dann kommen wir wieder zurück zum Anfang.

Fischer: Richtig. Man kann natürlich die Frauen, die wieder einsteigen möchten, wenn die Kinder größer sind, unterstützen. Da kann ich als Gleichstellungsbeauftragte ansetzen. Wir haben in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit ein Jobinfo-Frühstück für Frauen, die sagen, ich stehe jetzt wieder voll zur Verfügung, ich habe Lust und möchte wieder arbeiten. Da können wir eine Beratungsrolle einnehmen und den Einstieg ins Berufsleben begleiten. Aber die Zeiten, die einmal verloren sind, lassen sich nicht mehr aufholen. Dennoch bleibt es eine persönliche Entscheidung, nur noch halbe Tage arbeiten zu gehen.

Warum überhaupt noch Gleichstellung?

Fischer: In der Theorie ist das alles schon sehr weit. Wir haben genug Gesetze und Vorschriften, um Gleichstellung effektiv durchsetzen zu können. Aber den Gedanken Gleichstellung zu verinnerlichen – ich glaube hier liegt heutzutage das größte Problem.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert