Mit dem Regisseur über Film fachsimpeln

Von: ptj
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Einen erfolgreichen Regisseur hautnah erleben: Das Publikum im KuBa genießt einen interessanten und kurzweiligen Abend. Foto: Jagodzinska

Jülich. Was ist die größte Herausforderung für einen Regisseur? Die Besetzung. „Wenn du falsch besetzt, hast du verloren.“ Das betonte Wolfgang Dinslage, der auf Einladung von René Blanche, Gründer der Aachener Schauspielschule, zu Gast im Jülicher KuBa war. Gezeigt wurde sein dritter Film „Für Elise“ aus 2012, für den Dinslage mit dem Deutschen Filmkunstpreis ausgezeichnet wurde.

Die Kinos hat der erfolgreiche Streifen bereits durchlaufen und wird ab September im Fernsehen gezeigt. Als besonders interessant erwies sich die anschließende Diskussion des durchaus fachkundigen Publikums mit dem Regisseur, der bereits mit seinem Abiturjahrgang am Dürener Burgau-Gymnasium eine Persiflage auf die Winnetou-Filme drehte.

Wie das Publikum im KuBa selbst herausarbeitete, handelt es sich bei „Für Elise“ um ein „sehr detailgetreues“ Mutter-Tochter-Drama mit übergriffiger Missbrauchsszene nach Art eines französischen Films, mit differenziert gezeichneten Charakteren und „sehr passender Musik“. „Wir haben versucht, stille Momente herauszuarbeiten“, kommentierte der Inszenator.

Eine Überraschung – nach seiner Vertragsunterzeichnung damals sogar für Dinslage – war die Tatsache, dass es sich um die Verfilmung einer wahren Geschichte handelte. Drehbuchautorin Erzébet Rácz war nach dem Unfalltod ihres Vaters einst selbst in der Lage der 16-jährigen Elise (Jasna Fritzi Bauer), die eher ihre alkoholkranke Mutter Betty (Christina Große) erzieht als umgekehrt.

„Es ist nicht die ganz typische Täter-Opfer-Rolle. Elise ist stark“, stellte eine Zuschauerin mit Blick auf die Missbrauchsszene mit dem etwa 40-jährigen Journalisten Ludwig (Hendrik Duryn) heraus. Denn zwischen beiden hat sich eine vertraute Nähe entwickelt, und Elise provoziert den Missbrauch. Sie bleibt aber weiterhin die Heldin, „hält dem stand“.

Weil die Geschichte echt ist, durfte Dinslage die eigentliche Handlung nicht verändern. Nach etlichen „Testscreenings“ schnitt er damals auf Anraten vor allem seiner weiblichen Fans jedoch die einführende, dramatisch gefühlvolle Szene heraus. Mit gutem Grund. So fängt der Film „elegisch an und nimmt langsam Fahrt auf“. Auch am Ende des Streifens wurde geschnitten. So deutet Dinslage einfühlsam daraufhin, dass nach Bettys Entziehungskur Mutter und Tochter wieder zusammengehören. „Ludwig ist der Einzige, der nicht erlöst wird“, verlassen von seiner Familie und ohne Vergebung.

Sind die herausgeschnittenen Szenen auf der Original-DVD zu sehen? Nein, nur berühmte Regisseure bekommen laut Dinslage einen „Director‘s cut“. War die Drehbuchautorin mit der Umsetzung Dinslages zufrieden? Dieser hatte Erzébet Rácz erst bei der Filmpremiere kennengelernt – sie umarmte ihn.

Der sympathische Regisseur vertuschte weder die zahlreichen Rückschläge seiner Karriere bis zum Erfolg noch, dass „Für Elise“ oft kritisiert wurde. Etwa für seine vermeintliche Nähe zu „Fish Tank“, was er allerdings „nie verstanden“ habe.

Erwähnenswert sind weitere Fakten: So dauert die Produktion eines Kinofilms mit Regiefassung, Vorbereitung, Drehen, Schnitt, Vertonung und Musik eineinhalb bis zwei Jahre. Erheblich schneller, nämlich nur sechs Monate, wird ein Fernsehfilm gedreht. Durch die „German Films“ nutzte Dinslage seine Chance, „Für Elise“ in Brasilien, Südkorea und schließlich in Jülich zu präsentieren.

Als Einführung auf die Filmvorführung hatte die veranstaltende Aachener Schauspielschule einen kurzen, amüsanten Sketch gezeigt, verkörpert von Andrea Royé und René Blanche. Schlussszenario eines interessanten und kurzweiligen Abends war die Signierstunde Dinslages einiger überschüssiger Filmplakate.

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