Mischehenkind in der NS-Zeit: Friederike Goertz schildert ihre Odyssee

Von: ptj
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Gebannt hängen die Zuhörer an den Lippen der Zeitzeugin. Friederik Goertz überlebte als jüdisch-katholisches Kind die NS-Zeit. Foto: Jagodzinska

Rödingen. Durch Gedenkveranstaltungen und Symbole wie Stolpersteine seien „Überlebende (des Nazi-Regimes) praktisch wieder aufgenommen in unsere Gesellschaft. Und das finde ich sehr, sehr wichtig.“ Mit diesem Satz beendete Friederike Goertz ihre aufwühlende „Lebensgeschichte“ in der gleichnamigen Reihe im LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen.

Wieder war die ehemalige Synagoge überfüllt, und man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Als Moderatorin teilte Historikerin Dr. Codula Lissner, deren Forschungen sich mit Migration, Exil und Rückkehr beschäftigen, die Erzählung in einzelne Kapitel ein. Dazu zeigte sie alte Schwarz-Weiß-Fotos auf Leinwand.

Aufgehetzt

Friederike Goertz wurde 1934 in Mönchengladbach geboren. Ihre Mutter Martha Herz entstammt einer alteingesessenen jüdischen Viehhändler-Familie in Erkelenz. Ihr Vater Franz van der Weyden war Katholik, das Mädchen wurde katholisch getauft. Schon eineinhalb Jahre später kam es zur Scheidung, „Vater war von der Verwandtschaft aufgehetzt.“ Damit waren Mutter und Tochter nicht mehr von der nationalsozialistischen Judenverfolgung geschützt. Eine Odyssee mit vielen lebensbedrohlichen Trennungen und etlichen Schulwechseln begann.

Friederike landete sogar im Waisenhaus, weil die Mutter Arbeit als Haushälterin eines Metzgers bekam, der aber das Kind nicht mit aufnehmen wollte. Die Folgen der Novemberpogrome erlebte das Mädchen an der Hand der Mutter. Großvater und Onkel Oskar wurden verhaftet und drangsaliert, kehrten aber 1938 heim, und die ganze Familie feierte ein schönes Weihnachtsfest. Friederike, das katholische Kind in der jüdischen Familie, sah „gar keinen Unterschied zwischen den Religionen“.

Hier wie dort wurde gebetet und Weihnachten gefeiert. Unklar bleibt, ob das Mädchen den Unterschied zwischen dem jüdischen Lichterfest Hanukka und dem christlichen Weihnachtsfest nicht wahrnahm oder tatsächlich Weihnachten gefeiert wurde.

Als Folge des Pogroms kümmerte sich die „lebenstüchtige Tante Grete“ um die Emigration der Familie nach Shanghai. Onkel, Tante und Großeltern brachen in die fremde Welt auf. Friederikes Vater, inzwischen ein überzeugter Nazi, hatte aber dafür gesorgt, dass die Ausreise von Friederikes Mutter verboten wurde. So landeten Mutter und Tochter im März 1941 zunächst im Dürener „Judenhaus“, später in der Kirchberger Villa „Buth“.

Im Dürener Judenhaus lernten sie Familie Lichtenstein aus Geilenkirchen kennen, nach der heute die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule benannt ist. Die gleichaltrige Anita Lichtenstein wurde Friederikes beste Freundin. Mit tränenerstickter Stimme schilderte die heute 80-jährige Dame die Trennung der beiden Mädchen bei der Deportation der Familie. Anita überließ Friederike Puppe und Puppenwagen.

Der Dürener Dechant Johann Josef Fröltz überredete Friederikes Mutter, das Mädchen zur Kommunion gehen zu lassen. Ein großer Tag für Friederike, obwohl ihre Mutter während der Messe von der SA aus der Kirche geschleift wurde. „Kinder aus solchen Mischehen hatten einen katholischen Vormund.“ Dieser erwies sich als lebensrettend, nachdem die Kirchberger Fabrikantenvilla aufgelöst und die Mutter nach Theresienstadt deportiert wurde. Das kinderlose Ehepaar Lieck in Mönchengladbach nahm das Mädchen wie eine Tochter auf.

„Irgendwas stinkt“

Friederike wurde genauestens darüber aufgeklärt, was sie sagen durfte und was nicht. Ferner wusste das Mädchen: „Mutter muss arbeiten und hätte gar keine Zeit für mich.“ Jedes Mal, wenn in der Schule jemand merkte, „irgendwas stinkt“, veranlassten die Liecks ihre Pflegetochter zum Schulwechsel. Einmal wurde sogar ein zweiter Waisenhausaufenthalt nötig. Dort traf Friederike glücklicherweise ihre geliebte Ordensschwester Feraldis aus dem ersten Waisenhaus wieder.

Kurz nach dem Tode ihres Pflegevaters 1945 „war auf einmal wieder ihre Mutter da“, was Friederike in ein Wechselbad der Gefühle stürzte. Onkel Oskar und die Großeltern kehrten aus China zurück, Onkel Max und Tante Grete gingen nach Amerika.

„Wir hatten Glück bei allem Unglück. Uns ist viel geholfen worden. Ich habe trotz allem noch eine glückliche Kindheit gehabt“, betonte die Zeitzeugin. Traurig verglich sie abschließend ihr Schicksal mit dem ihrer besten Freundin: „Anita ist vernichtet worden“.

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