Milch macht arm: Bauern stehen mit dem Rücken zur Wand

Von: Regine Beyß
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Warnt vor Agrarfabriken und Großbetrieben: Jakob Gebhardt aus Aldenhoven beobachtet das Höfesterben in seiner Umgebung. Foto: Beyß

Jülicher Land. „Die Zeit des dummen Bauern ist längst vorbei”, da ist sich Milchbauer Marc Flatten sicher. Und doch lässt ihn in die Politik manchmal daran zweifeln, dass sich der Ruf seiner Zunft tatsächlich geändert hat. So wie jetzt: Sinkende Milchpreise und fehlende Gegenmaßnahmen rufen bei ihm vor allem Unverständnis hervor - und Angst. Denn wenn die Lage sich nicht ändert, steht sein Familienbetrieb in Koslar bald mit dem Rücken zur Wand. Dann würde die Tradition des Hofes mit der 17. Generation enden.

Rund 23 Cent bekommt ein Milchbauer im Moment für einen Liter Milch. Mit einer kleinen Rechnung zeigt Marc Flatten, dass es nicht möglich ist, bei diesem Preis kostendeckend zu produzieren: „Wir melken am Tag rund 2000 Liter Milch. Dafür erhalten wir 460 Euro. Doch allein das täglich Futter für die Tiere kostet 300 Euro.” Von den übrigen 160 Euro müssen also alle sonstigen Kosten bezahlt werden, die auf dem Hof anfallen.

Dass es soweit gekommen ist, führt Flatten vor allem auf die Preiswirtschaft der Großhändler zurück. „Als der Milchpreis hoch war, weil kurzzeitig zu wenig Milch auf dem Markt war, stiegen die Händler auf andere Rezepturen um, die weniger Milch benötigen.” Das führte wiederum zu einer Überproduktion - der Milchpreis sank stetig. Dazu komme noch die unverhältnismäßige Aufteilung des Gewinns. „Während die Gewinnspanne des Händlers zwischen 50 und 80 Prozent und die der Molkerei bei 8 bis 15 Prozent liegt, erreicht unsere nur ein bis drei Prozent”, erklärt Flatten.

Jakob Gebhardt, Milchbauer aus Aldenhoven, führt weitere Gründe an, die den Unmut der Bauern erklären. Die Produktion in Deutschland wird durch die so genannte Milchquote geregelt, die jedem Bauern erlaubt, eine bestimmte Menge zu produzieren. „Seit Jahren ist die Milchquote so angelegt, dass sie ein paar Prozent über dem eigentlichen Verbrauch liegt”, erklärt Gebhardt. „Das ist einerseits verständlich, denn die Politik handelt für die Verbraucher, für die das Produkt so günstiger wird.” Andererseits werde so der Milchpreis gedrückt.

Doch er ärgert sich besonders darüber, dass er im internationalen Vergleich nicht dieselben Chancen hat. „Ich bin froh darüber, dass in Deutschland keine Hormone und kein genverändertes Futter eingesetzt wird”, stellt er klar. „Doch dann dürfen wir solche Produkte auch nicht aus anderen Ländern einführen.” Solchen Hilfsmittel verschaffen den ausländischen Produzenten Vorteile.

Ein halber Cent je Liter mehr

Dass die Agrardieselsteuer an die europäischen Nachbarn angeglichen werden soll, hält Jakob Gebhardt für unbedingt notwendig: „Die Steuer wurde eingeführt, um Straßen auf Vordermann zu bringen. Wenn aber 80 Prozent meiner Fahrten auf dem Feld stattfinden, kann ich doch nicht 100 Prozent der Steuer bezahlen.” Auch für Marc Flatten ist die Senkung der Steuer ein erster Schritt, auch wenn sich diese Entlastung nur geringfügig auf den Milchpreis auswirkt. Umgerechnet bekommt er für den Liter Milch einen halben Cent mehr.

Die frühzeitige Auszahlung der EU-Beihilfen, die vor einigen Tagen beschlossen wurde, hält Flatten hingegen für „Augenwischerei”. Natürlich könne man mit dem Geld im Oktober einige Lücken schließen, doch dann fehle das Geld im Dezember. „Wenn der Zustand sich nicht ändert, ist das ein Verschieben des Problems”, findet auch Gebhardt. Schon lange beobachtet er, wie in seinem Ort die Bauernhöfe wegsterben.

Nach dem Krieg arbeiteten in Aldenhoven 40 Bauern und Landwirte. Heute sind es noch acht, von denen höchstens drei einen Nachfolger haben. „Das zeigt doch, dass sich unser Beruf kaum noch lohnt.” Trotzdem steht für Marc Flatten fest: „Wir können doch nicht einfach aufhören.” Die Stilllegung seines Betriebes wäre so gut wie endgültig, denn einfach wieder einsteigen, wenn es wieder besser läuft, ist nicht möglich. Und schließlich steckt nicht nur Geld, sondern auch Herzblut und Überzeugung in seinem Hof.

Beide Milchbauern befürworten die Proteste, die in Berlin und Brüssel veranstaltet wurden. Die Bauern müssten auf ihre Situation aufmerksam machen und ein Bewusstsein bei den Verbrauchern schaffen. „Ansonsten folgt das, was die Politik nie wollte”, warnt Gebhardt. „Agrarfabriken und Großbetriebe”. Dank einiger Rücklagen und Lohnverzicht könne ein Familienbetrieb solche Gewinnverluste eine Zeit lang auffangen - doch wie lange noch?
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