Maria Birngruber blickt auf ereignisreiche 96 Lebensjahre zurück

Von: Antonius Wolters
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Hat in den vergangenen 96 Jahren schon sehr viel erlebt: Maria Birngruber aus Jülich ist eine Zeitzeugin ersten Ranges. Am Sonntag feiert sie Geburtstag.

Jülich. Als an der Grünstraße die SA das Inventar aus der Synagoge räumte und anzündete, war Maria Birngruber gerade 18. Am Sonntag wird sie 96 Jahre alt, die erfüllt sind mit Erinnerungen an das alte Jülich und ihre private Familiengeschichte, zu der fünf Kinder, sieben Enkel, acht Urenkel und ein Ururenkel zählen.

Als Maria Schmitz wurde die inzwischen stark sehbehinderte Zeitzeugin, die trotz ihres Alters noch sehr munter ist, 1920 in Aachen geboren. Ihre Mutter hatte dort ein Krankenhaus aufgesucht, denn die kleine Maria brachte ein Geburtsgewicht von rund sechs Kilogramm auf die Waage. Mit ihren Eltern wohnte sie damals in Aldenhoven, zog danach nach Barmen. 1928 bezog die Familie ein Haus an der Grünstraße, wo sie später in einem Milchgeschäft arbeitete.

Von dort waren es nur ein paar Schritte zum Victoriasaal, wo 1938 ein Ball den Teenager lockte. „Mein Vater war streng, ich durfte nur bis 10 Uhr zum Tanzen“, erinnert sich die Seniorin an den schicksalhaften Abend, als ihr späterer Ehemann ihr Interesse weckte, weil er betrunken die Treppe herunterkam. Einen Tag später war Reinhold Birngruber mit seinen Kumpels erneut zur Stelle und gefiel Maria schon weitaus besser. Den Schuhmacher aus Göppingen hatte es nach Stolberg verschlagen, bevor Amors Pfeil ihn in der Herzogstadt ereilte. Viel Zeit zum Kennenlernen blieb den Jungverliebten allerdings nicht, denn kurz darauf musste Reinhold zum Wehrdienst, der in einer Kaserne in Neustrehlitz begann. So entwickelte sich eine Fernbeziehung, die Briefe belebten.

Einigermaßen kurios war auch die Heirat des Paares 1941, die in Form einer Ferntrauung erfolgte. Bei einem Heimaturlaub hatte der Bräutigam zwar zuvor aus Frankreich ein Kostüm für seine liebe Frau mitgebracht, doch dann wurde seine Panzerdivision nach Griechenland abkommandiert, so dass die Hochzeit noch warten musste. Die Ferntrauung war deshalb vor allem ein Mittel, um seine Braut abzusichern. Reinhold schickte seine Papiere ins Jülicher Rathaus, Maria ihr Führungszeugnis nach Griechenland. Am 12. März erschien die 20-jährige Braut mit ihren Eltern im Standesamt, wo auf einem separaten Stuhl ein Stahlhelm drapiert worden war. „Der weiße Fliederstrauß war wunderschön“, blieb der Braut ein geringer Trost. Erst im Juni beim nächsten Heimaturlaub konnten sich die Birngrubers als Ehepaar wieder in die Arme schließen.

Als im September 1944 ihr ältester Sohn geboren wurde, erfolgten gerade die Luftangriffe auf Köln. „Wir hatten das Ohr am Radio“, erinnert sie sich an eine aufregende Nacht, bei der ihre Wehen nachließen, so dass ihr Baby „halb blau herausgezogen werden musste“. „Bei Fliegeralarm ging es damals immer ab in die Zitadelle, wo in den Kasematten Betten standen“. In der vermeintlichen „Festung Jülich“ waren jedoch nur blutjunge Soldaten stationiert. Als Anfang Oktober 1944 Jülich erstmals unter Artilleriebeschuss geriet, flüchtete Maria mit Mutter, Schwester und Sohn zum Bruder ins emsländische Börje und später weiter nach Stuttgart.

Auf Waggons und mit einem amerikanischen Passierschein kehrte sie im September 1945 nach Jülich zurück, wo ihre Eltern eine Kellerwohnung unter einem Café an der Neusser Straße organisiert hatten. 1947 zog sie in die Baracken der Schweizer Siedlung, von wo aus sie 1954 in ein Reihenhaus An der Vogelstange umzog.

Ihr Ehemann kehrte erst 1950 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück, von wo aus er ihr 1946 zwei Karten geschrieben hat, die sie bis heute aufbewahrt. „Meine Gedanken sind Tag und Nacht immer bei Euch. Grüße und Küsse“, schreibt er unter anderem mit Datum ihres Geburtstags. Den abgemagerten Spätheimkehrer hat sie später so weit aufgepäppelt, dass es den Eheleuten sogar noch vergönnt war, 1991 ihre Goldene Hochzeit zu feiern.

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