Makaberer Streit: Bestatter ohne Auftrag nimmt Leiche mit

Von: Guido Jansen
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Schwere Stunden: Stirbt ein Mensch, dann müssen die Angehörigen nicht nur ihre Trauer bewältigen, sondern auch die Bestattung organisieren und etliche Behördengänge erledigen. Für eine Jülicher Familie gab es im vergangenen Jahr hierbei Probleme, die man kaum für möglich hält. Foto: dpa

Jülich. Am 20. Oktober ist M. im Alter von 70 Jahren im Jülicher Krankenhaus gestorben. Der Name ist der Redaktion bekannt, die Angehörigen möchten ihn aber nicht in der Zeitung lesen. Für seine Familie kam der Tod unerwartet. Er selbst hatte aber offenbar eine Vorahnung und zuvor festgelegt, dass er verbrannt und seine Asche auf einer Trauerwiese anonym verstreut werden sollte.

M. wollte, dass sein Tod für seine Familie so wenig Umstände wie möglich macht. Er musste nicht mehr miterleben, dass alles ganz anders gekommen ist. Wenigstens das war in den Tagen nach dem Tod ein kleiner Trost für seine Familie.

Das Gezerre um den toten Körper seines Vaters ging für M.s Sohn schon in die zweite Runde, als der beauftragte Bestatter am 26. Oktober bei ihm anrief und mitteilte, dass der Leichnam weg sei. „In diesem Augenblick war ich geschockt. Ich konnte mir das nicht erklären“, sagte der Sohn. Da wusste er noch nicht, dass ein Bestatter aus dem Kreis Düren, der von seiner Familie keinen Auftrag erhalten hatte, den Verstorbenen abgeholt und bereits in ein Aachener Krematorium gebracht hatte.

Er war geschäftlich im Ausland unterwegs, als sein Vater starb und kehrte nach Jülich zurück, um mit seiner Familie zu trauern und die Dinge zu regeln, die im Sterbefall auf die Angehörigen zukommen.

Am Tag nach seiner Rückkehr suchte er das Jülicher Krankenhaus auf, um den Totenschein abzuholen, damit er beim Standesamt eine Sterbeurkunde beantragen konnte. Das war am 25. Oktober, ein Dienstag.

Papiere mitgenommen

Die Unterlagen waren aber nicht da. Der Bestatter ohne Auftrag hatte sie mitgenommen. Der Sohn suchte den Bestatter auf und nahm die Unterlagen an sich. „Ich hatte danach mit diesem Bestatter gesprochen und ein Angebot bei ihm angefordert“, schildert der Sohn. „Einen Auftrag habe ich ihm dann aber nicht erteilt. Für mich war die Sache mit diesem Bestatter damit erledigt.“ War sie nicht.

Das wurde einen Tag später klar, als das tatsächlich beauftragte Unternehmen anrief und mitteilte, dass der Leichnam weg sei. Abgeholt und ins Krematorium überführt von dem Mitbewerber ohne Auftrag. Am Abend habe er dann noch per Mail eine Rechnung des nicht beauftragten Bestatters erhalten. „Ich habe den Bestatter daraufhin gefragt, ob er den Unterschied zwischen einem Angebot und einem Auftrag kennt. Danach habe ich nie wieder was von ihm gehört“, sagt der Sohn. Die gestellte Rechnung hat er nicht bezahlt.

Er habe nach der Nachricht des beauftragten Bestatters über die fehlende Leiche seines Vaters mit dem Krankenhaus telefoniert und seinem Ärger Luft gemacht. Schwere Tagen seien es damals im Oktober gewesen, voller Trauer. Und dann sei da noch dieser unnötige Ärger gewesen. „Es kann doch nicht sein, dass man bei einem Paketdienst nichts im Auftrag eines anderen abholen kann, ohne dafür eine Vollmacht zu haben, und eine Leiche wird einfach so rausgegeben“, erklärte der Sohn gegenüber der Krankenhausleitung.

Einige Tage später erhielt er ein Schreiben des Kaufmännischen Direktors Jens Hauschild mit dem Angebot, dass die Sache zeitnah aufgeklärt werden solle. Das Schreiben, in dem das Krankenhaus sich erklärte, erreichte den Sohn erst im neuen Jahr. Darin stand, dass das Haus zu dem Ergebnis komme, „dass uns kein Verschulden trifft“. Wochen später informierte M.s Sohn die Redaktion.

Damals wusste er noch nicht, dass das Krankenhaus in der Sache nicht falsch gehandelt hatte. Krankenhaussprecher Kaya Erdem erklärte auf Nachfrage, dass es nicht die Aufgabe des Krankenhauses sei, die vertraglichen Verhältnisse zwischen dem Bestatter und den Angehörigen zu überprüfen. Zudem: „Man kennt die meisten Bestatter. Da hat es bisher keinen Anlass für Argwohn gegeben.“

Mehrere Bestatter aus dem Kreis Düren haben auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigt, dass es in vielen Krankenhäusern in der Region üblich sei, dass Leichen ohne die Vorlage eines schriftlichen Auftrags seitens der Angehörigen an sie übergeben werden.

Dass die Pflicht der Prüfung nicht bei den Krankenhäusern liege, bestätigte auch Antje Bisping, Rechtsanwältin beim Bundesverband Deutscher Bestatter in Düsseldorf. „Letztlich geht es um den Vergütungsanspruch des Bestatters. Wenn der Bestatter im Streitfall nicht schriftlich beweisen kann, dass er den Auftrag zugesprochen bekommen hat, dann zieht er den Kürzeren“, sagte Bisping. Nicht das Landesbestattungsgesetz regelt das Geschäft mit dem Tod, sondern das Vertragsrecht aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch.

Nur noch mit Vollmacht

Das Krankenhaus Jülich hat seine Praxis nach dem Vorfall geändert. „An Tag eins danach haben wir beschlossen, dass wir keine Leiche mehr an einen Bestatter aushändigen, ohne dass dieser eine Vollmacht oder einen unterschriebenen Auftrag vorweisen kann“, sagte Erdem. Seitdem sei es häufig passiert, dass Bestatter das Krankenhaus ohne Leiche verlassen haben, weil sie die geforderten Papiere nicht vorweisen konnten.

Für M.s Familie endete das Gezerre um seine Leiche glimpflich. Der letztlich beauftragte Bestatter hat seinen Körper im Krematorium abgeholt und ist so verfahren, wie es der Verstorbene verfügt hatte – ohne für die zusätzliche Arbeit einen Aufschlag zu verlangen. M.s Asche wurde auf einer Wiese in Brandenburg anonym verstreut.

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