Mahnmal in Jülich steht zehn Jahre „im Weg”

Von: Sarah Plahm
Letzte Aktualisierung:
Ex-Bundesminister Wolfgang Cle
Ex-Bundesminister Wolfgang Clement (l.) und NRW-Minister Harry K. Voigtsberger (r.) nahmen mit Gabriele und Heinz Spelthahn sowie einigen Jülichern das Mahnmal in Augenschein. Foto: Uerlings

Jülich. „Sicherheit gibt es nicht”, sagte der ehemalige Bundesminister Wolfgang Clement am Sonntag beim Festakt der „Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz” in Jülich.

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Mahnmals zum Gedenken an die jüdischen Opfer des Naziregimes im Jülicher Land war der Schirmherr des Projekts eigens angereist.

So erinnert die Skulptur aus zwei geschwungenen schwarzen Granitblöcken und zwei sich gegenüberstehenden Figuren nicht nur an die entsetzliche Verfolgung und Ermordung zahlreicher Juden, sondern sie appelliert auch. Schließlich steht das Mahnmal auf dem Propst-Bechte-Platz sozusagen im Weg, um jeden Einzelnen zu mahnen, dass es eben keine Gewissheit für ein friedvolles Miteinander ohne Ausgrenzung und Gewalt gibt.

Daher bezog sich Ex-Minister Clement in seiner Rede auch auf das aktuelle Zeitgeschehen. Denn eine Sicherheit, dass Fremdenhass, Stigmatisierung und Mord kein Oberwasser gewinnen, scheint es tatsächlich nicht zu geben.

„Heute sind es vor allem die Ausländer, gegen die sich der Hass richtet”, sagte Bürgermeister Heinrich Stommel in seiner Ansprache. Deutlich macht das nicht zuletzt die erschreckend lange unaufgeklärte Mordserie hierzulande durch eine Gruppe von Naziterroristen. Die Ereignisse gehen nicht nur seit Wochen durch die deutsche Presse, sondern wohl auch durch die Köpfe vieler Deutschen.

Da bringen es die Worte von Stadtoberhaupt Stommel auf den Punkt: „Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wähnen”, mahnte er eindringlich. Er kenne die Frage „Muss das Erinnern denn immer noch sein?”, betonte aber, wie wichtig die gemeinsame Erinnerung sei, wenn die individuellen Erinnerungen durch Überlebende immer weniger vorhanden sind.

Auch NRW-Verkehrs- und Wirtschaftsminister Harry K. Voigtsberger machte auf diesen Umstand aufmerksam. Die Ereignisse seien für viele Menschen schon zu weit weg, nicht nur zeitlich, sondern auch was das Bewusstsein betreffe. „Wer kann denn heute noch nachvollziehen, dass alle jüdischen Schulkameraden von heute auf morgen verschwinden, ohne dass etwas passiert?” Die Geschehnisse des Holocaust sprengten jede moralische Grenze, ebenso wie das Vorstellungsvermögen.

Gerade deshalb betonten alle Vortragenden, wie wichtig es sei, die Erinnerung lebendig zu halten. „Gedenken lebendig halten, heißt ja, sich bewusst zu machen, dass so etwas nie wieder geschehen darf”, erklärte Clement nachdrücklich.

Damit erklärt sich auch die Mehrfachfunktion des Mahnmals am Propst-Bechte-Platz. Rabbiner Mordechai Max Bohrer sagte dazu, dass das Aufstellen eines Steines im Judentum drei verschiedene Bedeutungen habe. Zum einen sei es ein Bund zwischen den Menschen. Zum anderen sei es ein Zeichen als Erinnerung an wichtige Ereignisse. Gleichzeitig könne es ein Grabstein sein.

Das Mahnmal in Jülich ist laut Rabbiner Bohrer also vor allem zweierlei: Ein Grabstein sowie ein Andenken, aber auch ein Zeichen und ein Bund zwischen den Menschen, damit sich solch schreckliche Ereignisse nicht wiederholen.

Die sich gegenüberstehenden Figuren der Skulptur zeigen genau das in eindrucksvoller Weise. Sie „symbolisieren die Bereitschaft zu Begegnung und Dialog und damit eine Hoffnung auf Versöhnung”, erklärte auch Gabriele Spelthahn, Vorsitzende der „Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz”, die zum Zehnjährigen des Mahnmals nach einem Ortstermin in den Kaiserhof eingeladen hatte.

Begegnung und Dialog war auch Thema des Vortrags von Dr. Jan-Robert von Renesse. Der Sozialrichter zeigte auf, wie schwierig es oft für Überlebende des Holocaust sei, eine Entschädigung vom deutschen Staat zu erhalten.

Um aus der Begegnung zwischen Richter und Akte eine Zusammenkunft von Menschen zu machen, reiste der Jurist mehrfach direkt nach Israel, um dort offizielle Anhörungen der Betroffenen stattfinden zu lassen.

Von Renesse präsentierte dazu einen Film, der die Geschichte eines Mannes schildert, der Rente für seine Zwangsarbeit im Krakauer Ghetto beantragt hatte. Vor der Anhörung beim Richter betonte der Überlebende vor allem eines: Ihm komme es nicht in erster Linie auf die 200 Euro Rente monatlich an, sondern vielmehr auf die Annerkennung.

So zeigte der Festakt besonders dreierlei: die Wichtigkeit von Erinnerung, Dialog und Toleranz, gerade im Hinblick auf die Gefahren des Fremdenhasses. Denn eines betonte auch Clement: „Wir sind auf Weltoffenheit angewiesen”.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert