Lutz Görner im Interview über sein Gastspiel in Jülich

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Mehr über jemand erfahren, den sie überhaupt nicht kennen: Lutz Görner vereint in Jülich Texte von Heinrich Heine und Musik von Giacomo Meyerbeer, dem erfolgreichsten Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts. Foto: Mengel-Driefert

Jülich. In seinem neuen Programm liest der Rezitator Lutz Görner Texte von Heinrich Heine und stellt den Komponisten Giacomo Meyerbeer vor. Sprache trifft auf Musik, der Dichter Heine auf den Musiker Meyerbeer. Dazu spielt Nadia Singer die Musik aus den Meyerbeer-Opern in Klavierfassungen von Franz Liszt.

Im Interview mit Daniela Mengel-Driefert erzählt Görner, warum Meyerbeer – er war der erfolgreichste Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts – in Vergessenheit geraten ist und was das Programm mit Liszt zu tun hat.

Herr Görner, sie werden am Samstag in der Schlosskapelle mit ihrem neuen Programm „Heinrich Heine schreibt Briefe an Giacomo Meyerbeer“ zu sehen und zu hören sein. In der Vergangenheit stellten sie einen Chopin-, einen Wagner- und Beethovenabend zusammen, warum jetzt Meyerbeer?

Lutz Görner: Der Meyerbeer ist unser sechstes Programm. Alle Programme haben mit Franz Liszt zu tun. Das ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Das ist sicherlich neben Mozart und Beethoven der bedeutendste deutsche Komponist. Da er in seiner virtuosen Zeit 100 Millionen Euro verdient hat, davon aber 60 Millionen verschenkt hat, hat er ganz viele Komponisten unterstützt ….das war so ein großer Spender. So nach dem Goethe-Motto: ,Edel sei der Mensch, hilfreich und gut‘.

Diesen Liszt und seine Musik, den will ich den Leuten vorführen, da der Liszt nicht nur selber komponiert hat, sondern auch Kompositionen von anderen aufs Klavier übertragen hat, um diese Musik populär zu machen. Damals gab es ja noch keine Tonträger. Wenn jemand in einem Ort lebte, wo es keine Oper gab, konnte der keine Oper sehen. Aber anhand der Noten, die der Liszt von dieser Oper auf das Klavier übertragen hat, konnte er das zumindest hören. Von diesen Klavierübertragungen und der Klaviermusik, die er selber komponiert hat, gibt es 94 CDs. Ich habe ein Liszt-, ein Beethoven-, ein Chopin- und ein Wagnerprogramm gemacht, wir haben die Italienische Nacht gemacht und jetzt eben Meyerbeer.

Giacomo Meyerbeer ist in Vergessenheit geraten. Umso interessanter ist es, mehr über ihn zu erfahren. Wer war Meyerbeer?

Görner: Giacomo Meyerbeer war ein Berliner Jude, hat in Italien und in Frankreich große Erfolge gefeiert. Aber nicht in Deutschland. Als Jude und dann noch im Ausland erfolgreich, das war für die Deutschen nicht so schön. Dann hat es drei riesige Kriege gegen die Franzosen gegeben. Diese Kriege haben dazu geführt, dass die Franzosen irgendwann gesagt haben: Dieser Meyerbeer, der ist ja ein Deutscher. Danach ist er in Frankreich dann auch nicht mehr so bekannt gewesen. Jetzt versuchen bestimmte Leute, unter anderem auch wir, Meyerbeer wieder ins Bewusstsein zu holen. Die Deutsche Oper in Berlin hat in der vorherigen Spielzeit eine Preußen-Oper, die er geschrieben hat, konzertant aufgeführt, und am 4. Oktober hatte „Vasco da Gama“, die letzte Oper, die erst nach seinem Tod aufgeführt worden ist, Premiere. Die Deutsche Oper Berlin will nun jedes Jahr eine Meyerbeer-Oper inszenieren.

Dann passt ihr Programm zeitlich gut.

Görner: Ja, das ist auch Trendsetting irgendwie. Wenn diese Aufführungsserien in der Deutschen Oper erfolgreich sind, dann werden die anderen Opern sagen, wir spielen jetzt auch mal ein bisschen Meyerbeer.

Sie sind also einen Schritt voraus mit ihrem Programm.

Görner: Das ist Zufall. Ich habe eben einfach nur gesehen, dass der Liszt wahnsinnig viel Musik von Meyerbeer aufs Klavier übertragen hat, dass diese Musik wunderbar ist. Damit die Leute aber denken, dass nicht alles unbekannt ist, habe ich die Texte von Heinrich Heine dazu genommen.

Da kommt nun der Heine dazu. Heine war ein Freund von Meyerbeer?

Görner: Es ist so. Der Heine hat ja in Bonn studiert und in Berlin sein Studium beendet. Dort ist er sehr viel in den Salons gewesen, hat auf diese Weise Meyerbeer kennengelernt, weil sie beide deutsche Juden waren. Insofern waren die sehr eng befreundet.

Dass Meyerbeer in Vergessenheit geraten ist, was sind die Gründe? Reicht es aus zu sagen, weil er Jude gewesen ist?

Görner: Sie sind nicht zu der Zeit zur Schule gegangen, in der ich zur Schule gegangen bin. Ich habe einen Deutschlehrer gehabt, der Nazi war, und Heine kam bei uns im Unterricht nicht vor. Das war ein Jude, der in Paris an Syphilis gestorben ist. Und so wie Heines Werke in der Nazizeit verbrannt worden sind, bis auf eine Sache, nämlich die Loreley, die war nicht verbrennbar, weil die deutschen Männergesangsvereine alle dieses „Ich weiß nicht was soll es bedeuten“, (singt) gesungen haben.

Der Antisemitismus ist Ende des 19. Jahrhunderts enorm gewesen. Meyerbeer ist der erfolgreichste Opernkomponist des 19. Jahrhunderts gewesen, keiner hat mehr Aufführungen gehabt als Meyerbeer. Jede Meyerbeer-Oper ist in der Pariser Oper über tausend Mal aufgeführt worden. Der „Prophet“ ist nach der Premiere in Paris in 74 Orten aufgeführt worden. Die zweite Oper ist die „Hugenotten“ und die dritte „Robert der Teufel“, das ist die erste große Oper. Und große Oper heißt einfach große Oper, hunderte Statisten, riesiges Ballett, Orchester, ein ungeheurer Zinnober, der da gemacht wurde. Das ist so wie heutzutage vielleicht Jurassic Park.

Warum hat es so lange gedauert, dass Meyerbeer erst jetzt wieder aktuell wird?

Görner: Die Opern haben immer weniger Geld, die Subventionen werden immer weiter gekürzt. Damit die Oper auch wirklich wirkt, muss es natürlich auch schon eine große Oper sein, da braucht man auch Opernhäuser, die das machen.

Also sind die finanziellen Mittel nicht da?

Görner: Gibt es in Aachen noch ein Ballett? Nein. Gibt es in Aachen Statisten, in Köln? Die Opernhäuser haben kein Ballett mehr. Bei Meyerbeer ist immer ein ganz großes Ballett dabei. Das ist also nicht so einfach, solche Opern so aufzuführen, dass sie wirklich wirkungsvoll sind. Das ist so, wie man sich im besten Fall Oper erträumt.

Nadia Singer wird die Musik aus den Meyerbeer-Opern in den Transkriptionen von Franz Liszt auf dem Klavier spielen….

Görner: Nadia Singer ist ein ungeheurer Glücksfall, sie ist ein Talent und entwickelt sich immer mehr zu einem Star.

Wenn sie den Abend in Jülich in zwei Sätzen beschreiben müssten…

Görner: Die Zuschauer können sich auf die beiden größten deutsch-jüdischen Künstler freuen, die es jemals gegeben hat. Neben Goethe den größten deutschen Dichter – und neben Beethoven und Liszt den größten deutschen Komponisten. Sie werden diesen Abend nie wieder vergessen, weil sie einen kennengelernt haben, den sie überhaupt nicht kannten und sich noch wochenlang Fragen: Wieso kannte ich den nicht? Wie kann man ein so großes Genie einfach übergehen?

Der Klavierabend von und mit Lutz Görner beginnt am kommenden Samstag, 7. November, um 19.30 Uhr in der Schlosskapelle der Zitadelle.

Karten gibt es im Vorverkauf in der Buchhandlung Fischer und an der Abendkasse.

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