Londonerin aus Körrenzig blickt sorgenvoll auf ihre Heimat

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
12413486.jpg
Sie lebt schon länger als 15 Jahre nicht mehr im Vereinigten Königreich und darf deswegen nicht für oder gegen den EU-Austritt stimmen: Patricia Mahoney-Zähe. Foto: Guido Jansen

Körrenzig. Patricia Mahoney-Zähe ist überzeugte Britin. Sie stammt aus London und ist 1995 der Liebe halber nach Deutschland gekommen. Mit ihrem Mann hat sie eine Familie gegründet und lebt in Körrenzig. Am Donnerstag gibt es in ihrer Heimat die Abstimmung über den Brexit, den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union.

Und vielleicht überlegt Patricia Mahoney-Zähe am Freitag, ob sie aufhört, Britin zu sein. Nämlich dann, wenn ihre Landsleute sich dazu entscheiden sollten, Europa den Rücken zu kehren. „Dann werde ich vielleicht die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Britin will ich dann eigentlich nicht mehr sein“, sagt sie.

Denn genau so, wie sie überzeugte Britin ist, ist sie auch überzeugte Europäerin. Die EU sei sicher nicht perfekt, es gebe viele Probleme. „Aber ich habe das Gefühl, dass die Briten, die für den Brexit sind, nicht darüber nachdenken, was ist, wenn wir nicht mehr Teil der EU sind.“ Damit meint sie beispielsweise den wirtschaftlichen Einfluss des Vereinigten Königreichs. 65 Millionen Briten hätten sicher nicht so viel Gewicht in Verhandlungen mit China, Indien, Russland oder den USA im Vergleich zu einer gesamteuropäischen Position. „Wir müssten uns dann in der Schlange weiter hinten anstellen.“

Wie die Abstimmung verläuft – dazu kann die 58-Jährige keine Vorhersage abgeben. Es könnte eng werden. Das ist das Ergebnis alle Umfragen. „Aber ich hoffe, dass wir drin bleiben“, sagt sie. Warum die Tendenz zum Ausstieg so stark ist, dafür hat Patricia Mahoney-Zähe mehrere Erklärungen. Bei den Konservativen sei der Austritt schon immer ein Thema gewesen.

Deswegen habe Premierminister David Cameron die Abstimmung 2013 zugelassen. „Er hat wohl gedacht: Wir stimmen ab, das Ergebnis ist ein Verbleib und dann haben wir Ruhe. Aber danach ist in Europa so viel passiert“, erklärt die Frau aus Körrenzig. Viele EU-Staaten stecken in einer Finanzkrise, dazu kommt die Flüchtlings-Problematik. „Ich glaube, dass viele Briten Angst haben, dass ihnen was weggenommen wird“, sagt Mahoney-Zähe. Diese Angst sei irrational. „Großbritannien hat zugesagt, über fünf Jahre 20.000 Flüchtlinge aufzunehmen. Die Stadt Aachen hat alleine 3500 aufgenommen“, stellt sie einen Vergleich an.

Die Insellage

Dabei gebe es auf der Insel so viele Beispiele für gelungene Integration. In ihrer Nachbarschaft sei in den 80er Jahren eine Familie aus Sri Lanka mit zwei kleinen Kindern eingezogen. „Meine Mutter hat ihnen Englisch beigebracht. Heute ist eines der Kinder Arzt, das andere Steuerberater, beide sind voll integriert. Dafür gibt es so viele Beispiele.“ Beispielsweise den neuen Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, ein Muslim pakistanischer Abstammung.

Vielleicht sorge auch die Insellage für einen anderen Blickwinkel auf Europa. Früher habe sie nie das Gefühl gehabt, auf einer Insel aufzuwachsen. „Heute stelle ich fest, dass die Nachbarschaft der Länder auf dem Festland eine andere ist, die Verbindung ist enger.“ Das könne am Stolz der älteren Generation darauf liegen, dass das Königreich nach dem Zweiten Weltkrieg alleine wieder auf die Füße gekommen ist. Und am Geschichtsunterricht, in dem es sehr häufig darum gehe, dass das Königreich mal eine Weltmacht war. „Hier in Deutschland wird mehr vermittelt, was die EU bedeutet.“

Zudem hätten die Austritts-Befürworter die griffigeren Argumente. „Es ist so leicht, von Souveränität und eigener Stärke zu reden. Zu erklären, warum Europa besser für Großbritannien ist, dauert dagegen länger“, sagt Mahoney-Zähe. Und dieser Polemik würden viele Briten folgen. „Da nutzt es oft nichts, wenn viele Experten vor dem Austritt warnen. Das wischen die Befürworter mit einer Antwort weg: Das ist Quatsch!“

Eine Folge hat das Brexit-Referendum aus Mahoney-Zähes Sicht, selbst dann, wenn der Austritt nicht kommt. Die Vertreter von Pro und Kontra bekriegten sich in der Öffentlichkeit hart, härter noch als der ohnehin schroffe britische Ton bei Wahlkämpfen. „Man merkt, dass da momentan ein Riss durch die Gesellschaft geht“, sagt sie.

Für morgen erwartet Patricia Mahoney-Zähe Besuch aus der alten Heimat. Zwei Freunde aus England sind in der Nähe und kommen zu Besuch. „Wir werden uns am Abend zusammensetzen, deutsches Bier trinken und verfolgen, wie die Abstimmung verläuft.“ Alle hoffen sie, dass am Ende ein Nein gegen den Austritt steht. „Ich kenne aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis niemanden, der mit Ja stimmen will.“

Apropos Abstimmen: Das darf Patricia Mahoney-Zähe nicht, obwohl sie einen britischen Pass hat. Zu lange schon lebt sie im Ausland. „Es macht mich sehr wütend, dass ich nicht abstimmen darf.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert