Literaturnobelpreis: Kein Glückwunsch aus Bourheim

Von: Christina Diels
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Schriftstellerin mit rumänisch-deutscher Vergangenheit: Vera Dreichlinger, hier in ihrem Garten in Bourheim, weigert sich, über die neue Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller zu reden. Foto: Christina Diels

Bourheim. „Glückwunsch, Herta”, sagen Leute in Deutschland. Und „Glückwunsch, Herta”, sagen Leute in Rumänien. Sie gratulieren der neuen Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, 56. Weil sie eine deutsch-rumänische Geschichte hat, feiern nicht nur Berlin und Frankfurt Herta Müller, sondern auch ihr Heimatort Nitzkydorf im Westen Rumäniens.

Ihrer Schriftstellerkollegin Vera Dreichlinger (74) kommt kein „Glückwunsch, Herta” über die Lippen. Jährlich beobachtet die Frau mit den dunklen Augen die Auswahl in Stockholm. Doch dieses Jahr will sie sich nicht äußern.

„Reden wir nicht über Herta Müller”, sagt sie und schüttelt dabei den Kopf mit dem kurzen schwarzen Haar. Dreichlinger, die heute in Bourheim heimisch ist, teilt Müllers deutsch-rumänische Vergangenheit. In Temeswar geboren, wandert sie auf Druck der rumänischen Geheimpolizei 1974 mit ihrem Mann und ihrem Sohn nach Bremen aus. „Legal”, sagt sie. „Aber für sehr viel Geld.” 13 Jahre später lässt auch Müller das kommunistische Regime Rumäniens hinter sich und findet in Deutschland eine neue Heimat.

Dreichlinger kennt Müller nicht persönlich. Sie habe zwei Bücher von ihr gelesen. „Die stehen in einem der Bücherregale auf den drei Etagen”, sagt sie, zeigt erst auf das Wohnzimmerregal und dann in Richtung Treppenhaus. „So schnell kann ich das nicht mehr holen.” Beim Gehen muss sie sich auf einen Stock oder einen Rollator stützen. Früher sei sie eine Sportlerin gewesen. Im Sommer Rudern, im Winter Eisschnelllauf.

Wenn der Name Herta Müller fällt, winkt Dreichlinger ab. Ist sie verärgert über die Entscheidung der Nobelpreis-Akademie? Ein böser Blick. Kein Kommentar. „Ich mache es so wie Marcel Reich-Ranicki.” Der Literaturkritiker hat nach der überraschenden Auswahl aus Stockholm gesagt: „Ich will nicht über Herta Müller reden.”

Ja, ihre Herkunft verbinde sie mit Müller, räumt Dreichlinger ein. Doch die Parallelen spielt sie herunter. „Da liegen doch 20 Jahre zwischen”, sagt die 74-Jährige und schüttelt wieder den Kopf. „Ich will nicht über Herta Müller reden”, wiederholt sie. Punkt.

Wie Dreichlinger thematisiert Müller Unterdrückung, Verfolgung, Folter und Bespitzelung unter der kommunistischen Diktatur. Beiden Frauen gelingt die Flucht aus dem Ceausescu-Regime bevor 1990 der eiserne Vorhang fällt.

In „Blick zurück in Tills Eulenspiegel” arbeitet Dreichlinger ihre rumänisch-deutsche Vergangenheit autobiografisch auf. Sie schreibt über den Staatsapparat in Rumänien, die Zermürbungstaktik der Securitate, Ängste, totale Kontrolle und berufliche Degradierung.

Herta Müller erzählt in ihrem neuen Roman „Atemschaukel” von der Deportation deutschstämmiger Rumänen nach dem zweiten Weltkrieg in die damalige Sowjetunion. Dreichlingers neues Lieblingsbuch wird es bestimmt nicht.
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