Linnicher Junge mit der Mundharmonika

Von: hfs.
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Wenn Georg Renner zu seiner Mundharmonika greift, einen von 270 Titeln aus dem Gedächnis spielt, dann vergißt er seine Umwelt. Dann ist der 76-jährige Linnicher glücklich. Foto: hfs.

Linnich. Der eine wohnt im Dürener Ortsteil Merken, der andere er in der Stadt Linnich. Beide haben eines gemeinsam - sie spielen Mundharmonika. Der Unterschied: Michael Hirte ist bekannt, wurde mit seinem Titel „Ave Maria” vor knapp einem Jahr zu Deutschlands Supertalent gewählt.

Zu einer Castingshow hat es Georg Renner noch nicht geschafft. Will er auch nicht. Wovon der 76-Jährige träumt, ist die eine oder andere kleine musikalische Darbietung. „Vor ein paar Leuten, die wie ich das Mundharmonikaspiel lieben.”

Dieser Traum beschäftigt den rüstigen Rentner seit über 65 Jahre. Damals, als er als Elfjähriger mit seinen Eltern flüchten und in die Evakuierung musste, war es eine Lehrerin, die während der Flucht vor den Kriegswirren das Talent des Jungen erkannte. „Schon als kleiner Pimpf konnte ich eine Melodie, die ich mehrmals gehört hatte, nachsingen. Als mir die Lehrerin dann eine Mundharmonika schenkte, klappte dies mit dem Instrument ebenso hervorragend.”

Klein Georg spielte damals, so oft und so viel er konnte. Als er die Volksschule beendet hatte, war für ihn klar „ich werde Musiker”. Doch sein innigster Wunsch stieß beim Vater auf taube Ohren. „Ich kann es bis heute nicht verstehen, warum mein Vater meine Begabung nicht anerkennen wollte”, hadert Renner noch heute, nach so vielen Jahren, mit seinem Vater.

„Du wirst Schuster.” - „Nein, ich werde Musiker.” In seinen Träumen wird der alte Mann noch oft an den damaligen Streit im Elternhaus erinnert. „Da ich kein Schuster werden wollte, steckte mein Vater mich in die Landwirtschaft.” Ein bitterer Moment für den damals 14-jährigen. Aus Wut feuerte er das liebgewonnene Musikinstrument in die Ecke.

Irgend jemand - Georg Renner vermutet, die Mutter - verwahrte es. Zufällig wurde die alte Mundharmonika später wiederentdeckt. „Ich hatte 55 Jahre nicht mehr gespielt. Als ich sie in die Hand nahm und einige Töne spielte, war das Gefühl für die Musik direkt wieder da.”

Georg Renner ließ seit diesem Moment die Mundharmonika nicht mehr achtlos liegen. Seine „Hohner” begleitet ihn, dazu ein kleines blaues Notizbuch. Akkribisch aufgelistet sind darin mittlerweile 270 Musiktitel. Keine Noten, nur die Titel der Schlager hat Renner vor Augen, wenn er seine Mundharmonika ansetzt. Dann spielt er, vergisst seine Umwelt, bei geschlossenen Augen rauschen die Hits der 60er, 70er und 80er Jahre an ihm und seine Frau vorüber.

Und wenn Georg Renner zum „Ave Maria” ansetzt, zieht man als Zuhörer sofort einen Vergleich. Zwischen dem 76-jährigen Linnicher, und dem 45-jährigen Supertalent aus Merken. „Dessen Musik klingt durch die Technik blechern, seine geht direkt ins Herz.”

Rein zufällig kommt die junge Dame vorbei, hört die Mundharmonika von Georg Renner, bleibt stehen und lauscht der Melodie des Komponisten Franz Schubert bis zum Schluss. „Wissen Sie”, wendet sie sich direkt an Georg Renner, „ich studiere Musik, ich erlaube mir dieses Urteil. Für mich haben sie das Talent, viele Menschen mit ihrem Mundharmonikaspiel zu begeistern.”
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