Jülich - Lesung von Lioba Werrelmann: Heimspiel mit Fankurve

Lesung von Lioba Werrelmann: Heimspiel mit Fankurve

Von: Silvia Jagodzinska
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Die Mut machende Journalistin Lioba Werrelmann liest in Jülich über Erwachsene mit angeborenem Herzfehler. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Ich möchte den „Emahs“ eine Stimme geben, dieser großen, ständig wachsenden und doch im öffentlichen Leben unsichtbaren Gruppe von Menschen. Die im Bus ausgeschimpft werden, wenn sie auf dem Behindertenplatz sitzen – sie sehen jung und gesund aus und sind doch zu schwach, um die Fahrt zu überstehen“.

Das sind die Worte von Lioba Werrelmann, die in ihrem Buch „Stellen Sie sich nicht so an“ ihre Odysee durch das deutsche Gesundheitssystem beschreibt. „Das ist harter Tobak, das wird Ihnen an die Nieren gehen“, mit dieser Vorwarnung lag Gastgeberin Eva Behrens-Hommel in der Buchhandlung Fischer nicht falsch. Ans Herz geht die Geschichte der „Ehma“, das ist ein Erwachsener mit angeborenem Herzfehler. Empörend ist die Ignoranz von Ärzten und Pflegepersonal, aus deren Mund der Satz kam, den die Autorin als Titel für ihr erste Buch auswählte.

Leicht und flüssig hingegen, gewürzt mit einer Prise Humor, schreibt und liest die charmante Journalistin und ehemalige WDR-Hauptstadtkorrespondentin ihr sehr persönlich gefasstes Buch. Weil sie bei der Lesung in ihrer Heimatstadt „sehr erfreut, aber doppelt aufgeregt war“, wurde sie von ihrer „Fankurve“ unterstützt, bestehend aus den Eltern, zwei Onkeln, ihren liebsten Freundinnen und Wegbegleitern.

Ihre Lesung startete Werrelmann mit ihrem Lieblingsgedicht von Hilde Domin: „Nicht müde werden, dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinzuhalten“. Wunder hat sie einige erlebt. Als schwaches Kind mit „einem großen Loch in der Trennwand zwischen den Vorhöfen“ geboren, gaben die Ärzte dem „nicht lebensfähigen“ Kind eine Lebenserwartung von höchstens sechs Jahren.

Weil die Eltern „Angst hatten, dass ich auf der Warteliste sterbe“, zahlten die Bäckersleute 26 000 DM aus eigener Tasche, um ihrer damals zweieinhalbjährigen Tochter in der Uniklinik Düsseldorf die Operation am offenen Herzen zu ermöglichen – damals noch Neuland. Das Loch wurde mit Teflon verschlossen. In der Euphorie der 70er Jahre wurde die Patientin als geheilt entlassen, das Drama aus Kindertagen vergaß sie.

Jahrzehntelang lebte sie beschwerdefrei, bis sie als Mittdreißigerin plötzlich mit schweren Herz-Rhythmus-Störungen „auf einem Steinquader“ an der Spree saß und nicht mehr gehen konnte, ihre Odyssee begann.

Heute nimmt sie ein Herzmedikament und verzichtet konsequent auf Kaffee und Alkohol. Sie fühlt sich wieder gut und arbeitet als Journalistin in Köln. In der Gesprächsrunde mit dem Publikum nach der Pause kamen auch die Mutter, eine Freundin, eine Mitpatientin und ein ehemaliger Kollege zu Wort. Ihre Freundin Gaby erinnerte sich: „Es war immer ein Wechselbad. Wenn Sie nicht ihren Beruf hätte, wäre sie nicht soweit gekommen“.

Interview

Frau Werrelmann, Sie sagten, es sei „ganz schmerzhaft gewesen, dieses Buch zu schreiben. Ist nicht jede Lesung genauso schmerzhaft?

Lioba Werrelmann: Nein, ich freue mich super, dass ich hier in meinem Heimatort bin und bin doppelt aufgeregt.

Sie mussten Ihr Leben völlig neu arrangieren. Wofür sind Sie am meisten dankbar und was können Sie immer noch nicht verkraften?

Werrelmann: Es ist total schwer, dass ich nicht mehr in Berlin bin, ich vermisse die Stadt und die Menschen, ich habe da viele Freundschaften geschlossen. Aber die Krankheit hat mir auch unheimlich viel geschenkt. Ich habe eine große innere Gelassenheit und eine große innere Freude. Ich rege mich kaum noch auf. Ich bin wirklich ein anderer Mensch geworden durch die Krankheit. Ich war früher ein HB-Männchen, das schnell durch die Luft ging. Jetzt bin ich froh und dankbar, dass ich dieses Leben jetzt führen kann, wie ich es führe. Es gab ganz viele schreckliche Erfahrungen. Ich bin immer wieder auf Ärzte gestoßen, die mit mir nichts anfangen konnten, die versucht haben, mich für verrückt zu erklären. Ich bin in einem Gesundheitssystem, das auf mich nicht vorbereitet ist, immer kränker geworden. Ich hätte viel schneller wieder gesund werden können und wäre auch auf Dauer gesünder gewesen, wenn ich nicht in dieses fatale System hineingeraten wäre, wo mir keiner geholfen hat. Das war das Schlimmste. Ich war auch wirklich keine einfache Patientin, aber wenn ich nicht so eine Schreckschraube gewesen wäre, wäre ich gestorben.

Früher hielten Sie das Mikro oder standen hinter der Kamera, heute stehen Sie im Fokus des medialen Interesses. Wie fühlt sich das an?

Werrelmann: Ganz schrecklich! (Lioba Werrelmann lacht). Noch bin ich ja guter Dinge, aber das ist so anders! Jetzt hier vor 70 Leuten zu sitzen (es waren 90), die mich alle angucken, das ist wahnsinnig aufregend.

Wie sieht Ihr Tourneeplan aus?

Werrelmann: Es gibt keinen. Das ist erst meine zweite Lesung nach einer in Berlin. Es steht noch eine Lesung in Wismar auf dem Programm, dann werde ich viel Werbung machen für uns Ehma. Ich bin jetzt auf Kongresse und zu Podiumsdiskussionen eingeladen. Ich wünsche mir aber, dass das Thema noch viel mehr in die Öffentlichkeit kommt. Es ist wirklich schwierig, für Erwachsene mit angeborenem Herzfehler eine Lobby zu schaffen, denen man das nicht ansieht. Es gibt 300 000 Ehmas in Deutschland, aber nur 80 000 HIV-Positive. Aids kann jeden treffen, dafür gibt es Fernsehgalas. Einen angeborenen Herzfehler hat man oder hat man nicht – von Ehmas hat noch nie einer was gehört. Wir sind auch deshalb unsichtbar, weil es uns (aufgrund unserer körperlichen Schwäche) gar nicht erst gelingt, in eine entsprechende gesellschaftliche Position zu kommen, in der wir auf uns aufmerksam machen können.

Haben Sie weitere Bücher geplant?

Werrelmann: Ja, ich habe festgestellt, dass es total wundervoll ist zu schreiben. Ich habe das ganze Buch in einem Monat in einem Rutsch runtergeschrieben. Ich habe das Schlimme, das mir passiert ist, gewandelt in was Schönes. Ich habe bisher keine Arbeit gemacht, die beglückender war, als dieses Buch zu schreiben. Ich möchte unbedingt weitere Bücher schreiben und habe auch schon was im Kopf.

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