Jülich - Lesung von Krieg und Gefangenschaft des Vaters

Lesung von Krieg und Gefangenschaft des Vaters

Von: ptj
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Eine „ganz besondere Lesung“ in der Stadtbücherei: Rechts im Bild steht Büchereileiterin Mirka Reef, im Hintergrund ist Mitveranstalterin Elisabeth Vietzke vom Förderverein der Stadtbücherei zu sehen. Foto: Jagodzinska
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Hermann Petri liest aus den Kriegserinnerungen seines Vaters an der Ostfront.

Jülich. „Etwas ganz Besonderes“ war nicht nur nach Meinung der Veranstalter, des Fördervereins Stadtbücherei und des Jülicher Geschichtsvereins, die Lesung zum Thema Erster Weltkrieg im Osten. Hauptreferent Hermann Petri, Geschäftsführer im Förderverein, trug Auszüge aus den niedergeschriebenen Kriegserinnerungen seines Vaters vor.

Der gleichnamige Thüringer Architekt nahm an der „Winterschlacht in Masuren“ teil und geriet im Februar 1915 in russische Gefangenschaft in Sibirien. Erst im Oktober 1920 kehrte er heim. Der am weitesten angereiste Gast der hervorragend besuchten Lesung stammt aus Bielefeld, Petris Schwester. Zuvor führte Guido von Büren, Vorsitzender des Geschichtsvereins, ausführlich in die tieferen Kriegsursachen ein. Dazu zählen der deutsch-französische Antagonismus (Streit), die Flottenpolitik in Konkurrenz zu Großbritannien, der russische Panslawismus (Vereinigung aller slawischen Völker) und Nationalitätenpro-bleme in Österreich-Ungarn.

Weitere Ursachen waren wirtschaftliche Konkurrenz, der Mobilmachungsautomatismus, der Chauvinistische Nationalismus und das Kriegsbild des 19. Jahrhunderts. So war der „Krieg als Lösung politischer Probleme ganz selbstverständlich“, wie von Büren hervorhob. Zudem hing der „Blick auf den Ersten Weltkrieg sehr stark davon ab, wo man sich zu dem Zeitpunkt befunden hat. Der Blick außerhalb der Westfront ist etwas verloren gegangen“.

Sechs Hefte mit 932 Seiten

Umso wertvoller befand von Büren die Veranstaltung. Aus gutem Grunde nahm Petri das Nachwort aus den sechs Heften mit insgesamt 932 Seiten vorweg, die sein Vater „mit unheimlicher Energie ausführlich beschrieben hat“. Hermann Petri senior schrieb: „Die Bewertung und Deutung des Geschehens schwankt und macht Wandlungen durch.

Ganz besonders gilt dies von der Beurteilung Russlands und seiner Bewohner, die wir Gefangenen anfangs fast ausschließlich von hohem und, wie uns dünkte, unfehlbarem Standpunkte betrachteten, bis wir allmählich erkannten, dass wir es hier mit einer Welt zu tun hatten (und noch haben), die uns zwar fremd und meist unfasslich ist, die uns aber gelehrt hat, über vieles nachzudenken und umzulernen“.

Der Referent las ausgewählte Stellen über den Feldzug nach Ostpreußen, als das Infanterie-Bataillon 15 bis 20 Stunden täglich unterwegs war und doch nur 30 Kilometer bewältigte. Er beschrieb die Gefangennahme, sechs Monate in Tomsk und das mit „Deutschen, Böhmen, Tirolern, Wienern, Juden, Polen und Galiziern“ bunt gefüllte Lager und die Weiterfahrt nach Fernost. In der nordchinesischen Mandschurei lernte Hermann Petri sogar beim entfernten Vetter Leo Petri Italienisch!

Auffallend war der zunächst „ritterliche Krieg“, wie der Referent in einem Zusammenhang betonte. So gab es bis auf eine Zeit schlechter Verpflegung im Lager bei Chabarowsk und die schwierige Nahrungsbeschaffung in Krasnojarsk meist ausreichend zu essen. Zudem regelte die „Haager Landkriegsordnung“ etwa, dass Flüchtlinge wieder eingefangen, aber dann nicht mehr bestraft werden durften.

Themen waren ferner die russische Revolution, die für die gefangenen Soldaten aber „gar keine Folgen hatte“, der Bürgerkrieg 1918 und die zweieinhalb Jahre dauernde „Heimreise“ über Novosibirsk zurück nach Kansk, wo die „Heimindustrie“ der Gefangenen in allen Lagern Sibiriens an den Start ging. „Mit Eigeninitiative konnte man viel erreichen“, resümierte Petri.

Beschrieben wurden unter anderen Geschäfte mit selbst hergestellten Schuhnägeln, das Kleben, Stopfen und Verpacken von Zigarettenhülsen, selbst gebautes Holzspielzeug, Kleiderhaken, Handtuchhalter oder Kinderschreibtische. In Sibirien machte der Kriegsgefangene Bekanntschaft mit der schwedischen Diplomatentochter Elsa Brändström, bekannt als „Engel von Sibirien“, die im Ersten Weltkrieg als Krankenschwester in die Gefangenenlager Russlands ging. Als von sibirischen Läusen geplagter „Musketier“ in Omsk wurde Petri nach St. Petersburg, und von dort über Finnland nach Deutschland zurücktransportiert.

Viel Applaus für sein mit Bildmaterial und mündlich ergänzten Details illustriertes Referat erntete Sohn Hermann Petri.

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