Lesung: Eine Seele spürt, was Heimat ist

Von: ptj
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Autor Eberhard Rathgeb im anschließenden Austausch mit dem Publikum im Bonhoefferhaus. Foto: Jagodzinska

Jülich. Was ist Heimat? Wer oder was gibt sie mir? Diesen Fragen geht Eberhard Rathgeb in seinem Buch „Am Anfang war Heimat“ nach – philosophisch, wortgewandt und in atmosphärischer Dichte.

Im Rahmen des Leitthemas „Viele Lebenswelten in der Einen Welt – und die Frage nach Heimat“ war der Autor zu Gast in der Literarischen Vesper der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Jülich.

„Ganz verlegen“ zeigte sich Gastgeberin Elke Bennetreu nach der fesselnden Lesung im Bonhoeffer-Haus, denn: „Was Sie jetzt gelesen haben, stammt aus Ihnen selbst.“ Und richtig. Der Autor, ehemaliger Feuilletonredakteur der FAZ, begibt sich in seinem romanhaft geschriebenen Heimatbuch auf die Spur der Lebensgeschichte seines Vaters.

Sie ist der rote Faden in den fließenden Übergängen der Handlung mit geisteswissenschaftlichen Exkursen. So sind Gedanken von Philosophen wie Martin Heidegger oder Ludwig Wittgenstein, des Schriftstellers Stefan Zweig, der im Exil den Freitod wählte, oder des deutsch-jüdischen Kunsthistorikers Erwin Panofsky eingewebt.

Die gefühlsintensive Handlung knüpft bei der Geburt des Autorenvaters Albrecht in einem Dorf in Süddeutschland an, führt über die Flucht der Familie 1929 aus Nazi-Deutschland nach Buenos Aires und zurück in die verlorene Heimat. Es geht um Prägungen der Seele, Sehnsucht, um Vertrautheit und Fremde. Die Geschichte endet mit Rathgebs Beistand an seines Vaters Sterbebett und dem abschließenden Wunsch, den „Vater noch mal an die Hand zu nehmen“.

Beispielhaft wird die kindlich empfundene „Alleinheit“ als Kern beschrieben. „Das Kind nimmt sich selbst als Welt wahr, das Ineinanderfließen von sich und der Welt. Es besteht (noch) keine Subjekt-Objekt-Beziehung“. Letztere setze Erkenntnis und Wortfindung voraus.

Am Lebensende entwerfe „die Kraft der Sinne noch einmal das Heimatgefühl nach vorne hin“, wie der Autor im anschließenden Austausch mit dem Publikum zusammenfasste.

Rathgeb greift die „Idee der Wiedergeburt“ auf und beschäftigt sich mit der „Geographie der Seelen, um die sich Heimatforscher hätten kümmern müssen“. Wie er in seinem Buch schreibt, „spürte eine Seele, was Heimat war. Heimat lebte vom Geist, der Bekanntes suchte, im glücklichen Fall vom Wiedererkennen, von dem Gefühl, das Dasein an einem bestimmten Ort sinnvoll ertragen zu können“. Nicht nur hier streift die Handlung den Themenkomplex um Flüchtlingskrise und Integrationsbemühungen.

Für wichtig in der Heimatfindung erachtet Rathgeb die „Körperlichkeit der Worte“, die der „Einsamkeit des Schweigens“ entgegenwirke. „Das Leben ist für einen allein zu unheimlich und zu unerträglich“, ist seine Meinung.

Den Glauben im religiösen Sinn bezeichnete er an einer Stelle als „Mantel, den ihm jemand um die Schultern legte“. „Wo ist Ihre Heimat?“ Die Frage aus dem Publikum war berechtigt, denn Rathgeb wurde 1959 in Buenos Aires geboren und kehrte als Vierjähriger mit seiner Familie nach Deutschland zurück. „Hier“, lautete seine Antwort. Er spreche nicht spanisch und habe seine intellektuelle Prägung in Deutschland erfahren.

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