Kraftakt: Jülicher Kernreaktor hängt an Haken

Von: Volker Uerlings
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Die Beton-Schutzhülle des Reaktors wurde aufgesägt. Auch die grüne stählerne Schutzhülle wird noch entfernt, dann passt der AVR-Reaktor durch die Lücke. Er wird von vier Litzenhebern (rot, hinter den Leitern oben) am blauen oberen Anschlagmittel angehoben und senkrecht einige Meter nach vorn transportiert und abgesetzt. Der Kranschlitten fährt auf den seitlichen roten Schienen. Foto: Uerlings
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Projektleiter Wilfried Hubrich auf dem Reaktorbehälter: Rechts von ihm die 1,50 Meter dicke äußere Schutzhülle aus Beton. Foto: Uerlings

Jülich. Klingt wie ein Kinderspiel: Der längliche Behälter wird von einem Kran aus der Schutzhülle gezogen und dann auf seitlichen Schienen einige Meter senkrecht transportiert. Hat er die richtige Position in der Halle erreicht, wird er vorsichtig abgesetzt – in eine Art „Eierbecher“. Das ist Teil 1 eines allerdings technisch aufwendigen Vorhabens in Jülich, denn die Fracht ist schwer und hat es in sich.

Der 2100 Tonnen schwere frühere Jülicher AVR-Atomreaktorbehälter wird im Ganzen angehoben. Der zweite Schritt folgt einige Wochen später: Wenn ein Spezialwerkzeug an der Unterseite des Reaktors angeschweißt worden ist, kann der Behälter mit kontaminierter Füllung in die „stabilen Seitenlage“ gebracht werden und ist dann transportfertig.

Das spielt sich zwischen September 2014 und Januar 2015 zunächst in der Materialschleuse der Jülicher Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH ab, die auf dem Gelände des Forschungszentrums zu Hause ist – noch. Der „Drahtseilakt“ ist der wichtigste und schwierigste Schritt beim Rück- und Abbau des früheren Kugelhaufenreaktors. Das Hebe-Manöver mit den Jülicher Apparaten wurde übrigens mit einem „Dummy“ und verschiedenen Gewichten getestet: 130, 400, 800, 1200 und 1600 Tonnen. Gleichzeitig wurde der Testbehälter mit Dehnmessstreifen überzogen, um kleinste Schwankungen der Hülle durch Spannungen feststellen zu können. Diese Tests wurden bestanden.

In acht Jahren etwa soll nichts mehr an diesen nuklearen deutschen Hoffnungsträger der 60er Jahre erinnern, der unheimlich viel Geld gekostet hat und nun ein gefährliches, weil strahlendes Erbe hinterlässt. Für 5730 Jahre, denn das ist die Halbwertzeit von Kohlenstoff 14 (C 14). Sarkastisch könnte man sagen, dass diese Zeitspanne ausreichend scheint, um ein Endlager zu finden.

Die Techniker, Ingenieure und Verantwortlichen des Rückbaus wollen bis zum Jahr 2022 eine „grüne Wiese“ hinterlassen, das gilt auch für den Boden unter dem Reaktorgebäude, der ausgetauscht wird. 1978 ist bei einem Störfall radioaktiv belastetes Wasser in das Erdreich gelangt. Es gibt Anhaltspunkte, wie tief der Boden unter dem Reaktorfundament abgetragen werden muss. Die Messergebnisse werden dann aber natürlich überprüft.

Das ist der letzte Schritt. Jetzt haben die rund 150 Mitarbeiter, die den Rückbau betreiben, ein wichtiges Etappenziel vor Augen. Die äußere Reaktorhülle ist passend geöffnet. Auch das klingt wie ein Kinderspiel, war aber keines: Die 1,50 Meter dicke Betonwand mit mehrlagiger Armierung kann man nicht einfach so zerkleinern.

Nach etlichen Test kamen Seilsägen zum Einsatz, die 41 Blöcke mit einem Gesamtgewicht von allein 720 Tonnen aus der ersten Schutzhülle trennten. Wenn nun auch die grüne stählerne Hülle aufgetrennt worden ist, dann passt der Reaktor laut Berechnungen genau durch die Öffnung – „an beiden Seiten hat er 60 bis 70 Zentimeter Luft“, sagt Franz Josef Grouls, Leiter der Anlage in Jülich.

Äußerlich kaum noch Strahlung

Der Reaktor strahlt nach Angaben der AVR-Verantwortlichen äußerlich kaum noch. Projektleiter Wilfried Hubrich, der die Anlage am 31. Dezember 1988 als Schichtleiter abschaltete: „Das ist so gut wie nichts mehr.“ In Zahlen (laut AVR): Die mittlere Jahresdosis eines im Kontrollbereich tätigen Mitarbeiters beträgt 0,5 Mikrosievert – die Strahlung ist acht Mal geringer als die im Alltag (4,0 mSv). Beim vierstündigen Aufenthalt neben dem Behälter (1 m Abstand) betrage die Dosis 0,004 mSv.

Im Behälter befinden sich keine Brennelemente mehr, denn die lagern bekanntlich in den 152 Jülicher Castor-Fässern. Im Inneren des Reaktors gibt es vor allem stark kontaminierte Stäube, die von den Graphit-Brennelemente-Kugeln stammen. Um diese zu binden, wurde der Behälter mit einer Schüttung gefüllt, die als „Bioschild“ fungiert: 700 Tonnen Magneteisenerz und Brauneisenerz verschiedener Korngrößen. Zusätzlich wurde das Innere mit Porenleichtbeton „geflutet“, der dann aushärtete, um auch jeden kleinsten Zwischenraum dicht zu bekommen.

Weil also die äußerliche Strahlung des ausrangierten Reaktors vergleichsweise gering sein soll, wird er auch nicht weiter verpackt, sondern im ersten Quartal 2015 sein 400 Meter entferntes Zwischenlager auf dem FZJ-Gelände ansteuern. Dieser Transport erfolgt – anders als ursprünglich geplant – nicht auf Luftkissen, sondern auf Rädern. Spezialfahrzeug-Module aus den Niederlanden haben schon viel schwerere Gewichte transportiert und bekommen die Entfernung in Stunden hin, während die Luftkissen-Lösung Tage beansprucht hätte.

In den nächsten 30 bis 60 Jahren „schlummert“ der innen strahlende Riese von 26 Metern Länge dann in einer Jülicher Halle, die noch durch ein Rolltor zu öffnen ist. Diese Pforte wird zugemauert, sobald der Reaktor drin ist. Die „Kern-Frage“ dieses ungewöhnlichen und sicher auch nicht ungefährlichen Jülicher Rückbau-Projektes: Warum wird der Reaktor im Ganzen transportiert?

Keine „Gut-Glück-Entscheidung“

Die Antwort gibt Wilfried Hubrich: „Weil es noch kein Endlager gibt.“ Wäre das anders, wüssten die Rückbauer in Jülich, in welche Größen sie den Reaktorbehälter zerkleinern müssten und vor allem, wie diese Teile zu verpacken wären. Die Beantwortung der Fragen ist aber unklar und hätte ein Entscheidung auf „Gut-Glück“-Basis verlangt. Franz Josef Grouls konkretisiert: „Wenn wir ihn jetzt zerlegen und in falscher Weise verpacken, haben wir eine Menge Pakete, die nicht endlagerfähig sind.“

Dann wären die Kosten noch höher gewesen. Sie betragen nun 560 Millionen Euro. Ein Teil ist geschätzt, weil man nie weiß, was kommt.

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