Konfliktstruktur mit tragischen Zügen

Von: ptj
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Die dramatische Handlung im Rückblick: Bodyguard (Wolfgang Schulz) hält dem Junkie (Miriam Schweika) eine Waffe an den Kopf. Neben ihm steht der „Boss“ (David Pietzsch). DJ Djeff (Julian Heck) liegt bereits tot auf dem Boden. Bei ihm hocken die Tänzerinnen (Veronika Schoberer und Selina Granderath-Miegel). Foto: Jagodzinska

Jülich. „Jemand, der den Morgen begreift, das war er“. So beschreibt die „Abla“ (türkisch: große Schwester) den mysteriösen Tod ihres Bruders Djef. Der 21-jährige DJ war „ein Wanderer zwischen den Welten“, nämlich der deutschen und der türkischen.

Zudem war er ein besonders einfühlsamer und friedfertiger Mensch, der in der Musik Zuflucht suchte und sich trotz zahlreicher Rückschläge nach vorne kämpfte. So liebten ihn die Mädchen, während er gleichzeitig ein Stachel im Fleisch der konkurrierenden Kerle war.

In seinem jungen Leben war Djef bereits in eine Konfliktstruktur mit tragischen Zügen eingebunden. Seine beiden Schwestern, nach denen das Stück „Abla“ benannt ist, begleiten die größtenteils rückblickend ausgerichtete Handlung reflektierend.

Das sozialkritische Theaterstück, vom Jungen Theater der Stetternicher Gesellschaft „Frohsinn“ in ausdrucksstarker Interpretation auf die Bühne des Kulturbahnhofs gebracht, basiert auf einer wahren Handlung: Autor Wolfgang Vincke hat sie zu Papier gebracht, nachdem er im Rahmen eines Theaterprojekts im Jugendkulturhaus eines sozialschwachen Aachener Stadtgebiets Interviews sammelte, wo sich später, im Sommer 2003, das Drama ereignete. Vincke änderte den Namen des DJ in „Djef“.

Das aus rauer Gewalt, frustrierender Langeweile, Gleichgültig- und Hoffnungslosigkeit, Kriminalität und Drogen geprägte Milieu ist auf viele andere Migrantensituationen übertragbar. In gedämpftem Licht zu türkischer Musik beginnt das in der Umgangssprache der Jugendlichen geschriebene Stück. Die Akteure erscheinen nacheinander auf der Bühne, eine Kerze in Händen. Aus dem „Off-Sound-Effekt“ ist Djefs Stimme zu hören: „Hört ihr denn nicht das entsetzliche Schreien ringsum, das man gewöhnlich die Stille heißt? Redet einfach mit mir, wenn ihr wollt, dass ich fortlebe. Tanzt mit mir, und fürchtet euch nicht vor der Sprache. Ich werde euch verstehen“.

Die Schwestern machen sich Vorwürfe, weil sie sich zu wenig Zeit für ihn genommen haben: „Jeder hat einfach sein Leben geführt und hatte so viel zu tun. Warum waren wir nicht da?“ Detailreich sind die Rückblicke, in denen Djef (Julian Heck) im Hintergrund seine Musik auflegt, zwei Tänzerinnen (Veronika Schoberer und Selina Granderath-Miegel) ihre Körper lasziv bewegen, und der „Boss“ (David Pietzsch) auf seinem Thron sitzt, neben ihm sein brutaler Bodyguard (Wolfgang Schulz).

„Junkie“ (Miriam Schweika) lässt sich herumkommandieren und verhöhnen, sogar schlagen, um ihren Stoff zu kriegen. Immer wieder hilft Djef dem Junkie auf und beschützt ihn. Ein abseits erhöht sitzender Schriftsteller liest Passagen aus einem Buch, etwa: „In dieser Mühle des Aufgeliefertseins an das Unvermeidliche kann man sich entweder nur noch mitdrehen oder den Billardtisch verlassen“.

Die Situation im Rückblick spitzt sich zu. Anfangs werden echte Zigaretten geraucht und Bier getrunken, später wird gekokst und Billiard gespielt. Eine Waffe wird in die Handlung integriert. Dann passiert es: Djef raucht eine Droge. War es Opium oder das sogenannte „Folierauchen“ des Heroins? Das bleibt nebensächlich. Ihm geht es immer schlechter, er fällt zu Boden und stirbt. Völlig verzweifelt erschießt sich der Junkie, der ohne die Unterstützung des DJ nicht zurecht kommen wird. Djef wird in weißen Leinentüchern aufgebahrt, alle Akteure erscheinen schwarz gekleidet an seiner letzten Ruhestätte, nehmen Abschied von ihm und reflektieren die Situation.

Die Schwestern, in einem „Schwebezustand zwischen Qual und Hoffnung“, stellen fest: „Er hatte ein Lachen im Gesicht“. Bevor der Song „Mad world“ von Tears for Fears gespielt wird, erscheint Djef wiederholt seinen Schwestern: „Trauert nicht um mich, Schwestern, ich will euch lachen sehen“.

Das „Junge Theater“ erntete in seiner gut besuchten Premierenvorstellung des sehenswerten Stücks stehende Ovationen und je eine rote Rose.

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