Kommissar überlebt Anschlag in Afghanistan

Von: ptj
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Paffrath mit seiner Frau Simone und dem Neugeborenen daheim in Titz. Simone Paffrath: „Ich kenne meinen Mann nicht anders als einen Abenteurer.“ Foto: Jagodzinska

Titz/Jülich. Freiwillig zog Polizeikommissar Rüdiger Paffrath aus Titz für genau 367 Tage zum Hindukusch, um dort im Rahmen einer europäischen Polizeimission afghanische Polizeioffiziere in Kabul und Mazar-e-Sharif zu trainieren und somit am Aufbau einer rechtsstaatlichen Polizei mitzuwirken.

„Paffi“, wie er von Freunden und Kollegen genannt wird, ist ein 41-jähriger Familienvater von fünf Kindern, das jüngste ist gerade mal sieben Wochen alt. In dieser Situation ein Land zu bereisen, dessen Bild in den Köpfen der Menschen vor allem durch Schreckenszenarien geprägt ist, erfordert eine ganz besondere Motivation.

Persönlich herausgefordert

„Paffi“ fühlte sich zunächst persönlich herausgefordert: „Ich wollte sehen, ob ich das noch drauf habe, was an Kriterien für die Teilnahme verlangt wird. Denn schließlich gehörte es zum Auswahlmodus, dass man sich den sportlichen und gesundheitlichen Anforderungen noch problemlos stellen konnte“. Dass ihn ein Kulturschock und ein Verzicht auf „bereits alltäglich gewordenen Luxus“ erwarten würde, war ihm völlig klar. Auf der anderen Seite streitet Paffrath weder eine „gewisse Abenteuerlust“ noch „Neugier im idealistischen Sinne“ ab: „Ich wollte wissen, wie wir uns als NRW-Polizei vor Ort einbringen können und erfahren, ob ein Einsatz dort überhaupt Sinn machen würde“. Nicht verschweigen will der Kommissar den „finanziellen Anreiz der Auslandszulage“.

Solchermaßen vielfältig motiviert, machte sich der Familienvater am 26. Mai 2011 auf, um bis zum 27. Mai 2012 afghanische Polizeioffiziere auszubilden. Wie geht das genau vonstatten? „Insgesamt ist es natürlich das Ziel, die Sicherheitslage in diesem arg gebeutelten Land langfristig und nachhaltig zu verbessern. In dem gesamten Netzwerk auf dem Weg zu innerer Sicherheit gehört eine solide aufgestellte Polizei natürlich dazu“. Das Alter von Paffraths Schülern, zu denen zeitweise auch Lehrpersonal der Akademie zählte, lag zwischen 20 und mehr als 50 Jahren. Inhalte des Unterrichts waren, „wie man sich als Lehrer und Ausbilder verhält und sich ergebnisorientiert in den Unterricht einbringt“. Erkenntnisse rund um die Pädagogik standen dabei im Vordergrund, zum Beispiel die Vorbereitung und Durchführung einer freien Rede. Inhalte waren aber auch Menschenrechte und die afghanische Verfassung. Ferner brachte der deutsche Kommissar seinen Schülern den Umgang mit modernen Medien nahe. Laptops, Beamer und diverse Kommunikationsgeräte standen in ausreichender Menge zur Verfügung.

Hauptarbeitsstätte war die „Afghan National Police Academy“ (ANPA) in Kabul, er unterrichtete aber auch in einem italienischen Camp in Kabul und arbeitete in Mazar-e-Sharif mit einem finnischen Kollegen zusammen. Dolmetscher für Deutsch/Dari oder Englisch/Dari, der am weitesten verbreiteten Landessprache, unterstützten die Arbeit.

War höchstmögliche Sicherheit gewährleistet? Die Polizeimission wohnte in „Green Village“ einem gesondert gesicherten Camp, das von Top-Sicherheitskräften von Gurkhas stets schwer bewacht wurde. Jedes Fahrzeug musste eine Sicherheitsschleuse passieren, zusätzlichen Schutz boten stahlbewehrte T-Betonblöcke.

In Zweier-Teams reisten die Deutschen in geschützten Fahrzeugen zum Unterricht in der Akademie an, entferntere Standorte wurden sicherheitshalber angeflogen. Zwangsläufig führten die Fahrtrouten auch durch die anschlagsgefährdesten Straßen Kabuls. Ein gewisses Risiko barg aber auch der Arbeitsplatz Schule, weil „Attentäter, als Außen- oder Innentäter schwer auszumachen sind“. Völlig fehl am Platze sei aber derjenige, der sich „mit Angst vor eine Klasse stellt“. Paffrath gelang es auf jeden Fall viele afghanische Freunde zu finden.

Die deutschen Polizisten hatten Gelegenheit, die auf Staatsbesuch weilenden Bundesminister Guido Westerwelle, Hans-Peter Friedrich und Dirk Niebel mit ihrem großen „Gefolge“ auf Terminen zu begleiten, mit ihnen zu essen und Gespräche zu führen.

„Friedrich hat übrigens einen recht festen, bayrischen Händedruck“, erinnert sich Paffrath.

Gab es mal Heinweh? „Ja klar, das waren nicht wenige Momente. Man fehlte eben beim Geburtstag der Frau oder eines der Kinder, nicht einmal meinen 40. Geburtstag haben wir zusammen feiern können“, bedauert der „geprägte Familienvater“. „Krassestes Erlebnis war ein schwerer Taliban-Anschlag auf uns, die Internationalen. Gewaltsam getötet und verletzt wurden andere: Zivilisten, darunter auch Kinder der angrenzenden Schule, durch Sprengungen, Autobomben, Granat- und Maschinengewehrfeuer. Das war definitiv Krieg“. Der Kommissar spricht von einer „absoluten Grenzerfahrung, die ich nie zuvor erlebt hatte“. Die Reaktionen zu Hause waren breit gefächert, zwischen dem fast despektierlichen „Paffi war im Krieg“ bis hin zu wirklicher Anteilnahme. Paffrath resümiert: „Ich kann sagen, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder anderen Kriterien fließt in allen Körpern das gleiche Blut. Da bin ich wohl interkulturell gewachsen und diesbezüglich ein Stück entspannter“, betont er.

Natürlich würde er eine „derartige Mission wieder machen. Ich habe tatsächlich vor, mich im kommenden Jahr erneut für eine Auslandsverwendung zu bewerben“, sagt er. Sein ältester Sohn will übrigens auch Polizist werden. Für seinen Einsatz wurde Paffrath durch Landrath Wolfgang Spelthahn mit der silbernen Afghanistan-Spange ausgezeichnet.

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