Jülich - Klage gegen Mondi: Günter Wallraff schaltet sich ein

Klage gegen Mondi: Günter Wallraff schaltet sich ein

Von: hfs.
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Im Koslarer Werk von Mondi wurde Emir Imamovic im August 2006 bei einem Arbeitsunfall schwer verletzt. Für ihn setzt sich der Schriftsteller Günter Wallraff ein - trotz vieler abschlägiger Gerichtsurteile. Foto: hfs.

Jülich. Dass er noch am Leben ist, grenzt an ein Wunder. Denn die Verletzungen, die sich der heute 42-jährige Emir Imamovic bei einem Arbeitsunfall im August 2006 bei der damaligen Koslarer Papierfabrik Schleipen und Erkens zuzog, lassen dies nicht vermuten.

Seit damals kämpft der ehemalige Maschinengehilfe um Schmerzensgeld, verklagte den Rechtsnachfolger der Firma, den Papier-und Verpackungskonzern Mondi. Aber Imamovic unterlag in sämtlichen in Frage kommenden Instanzen. Jetzt bemüht sich der bekannte Kölner Enthüllungsjournalist und Schriftsteller Günter Wallraff um das Schicksal des Jülichers.

„Meine Haupttätigkeit besteht darin, Menschen zu helfen, denen im Arbeitsleben gravierendes Unrecht geschehen ist”, antwortet Wallraff auf die Frage seines Engagements. Mittlerweile, so sagt der Kölner, „bin ich zu einer Anlaufstelle geworden für Menschen, die nicht zu ihrem Recht kommen, die jegliches Vertrauen in die Justiz verloren haben.” Dies sei auch bei Imamowic so.

Dessen Fall er als Vermittler nach einer bestimmten Vorgehensweise zu einem guten Ende bringen wollte. „Ich versuche zuerst einmal, eine Veröffentlichung zu verhindern, in dem ich mit den Verantwortlichen Kontakt aufnehme, Vermittlungsversuche starte. Manchmal gelingt dies, aber manchmal auch nicht”, sagt Wallraff, für den eine „Nichtveröffentlichung das Allergrößte ist. Denn dann wird Menschen geholfen, sie erfahren dann ein Stück Gerechtigkeit.”

Da er, Günter Wallraff, nun die Öffentlichkeit bemüht, sei ein Zeichen, dass seine Vermittlerrolle mit Mondi gescheitert sei. Dass der Kölner Schriftsteller sich mit den Firmenbossen aus Wien getroffen hat, dies bestätigt Patrick Lennertz, ehemaliger Manager des Mondi-Standortes in Koslar. „Herr Wallraff hat sich als Vermittler angeboten. Wir haben daran die Erwartung einer gewissen Neutralität und Objektivität geknüpft, dass er ergebnisoffen in unser vertrauliches Gespräch hineingeht”, sagt Lennertz.

Er fügt aber direkt hinzu, dass Wallraff dieser Erwartung nicht entsproche habe. wörtlich: „Wir hätten von einem renommierten Autor eine differenzierte Sichtweise erwartet.” So habe Wallraff aber keinerlei Interesse an den Fakten gezeigt und habe von Mondi, ohne konkrete Argumente anzuführen, die Zahlung eines sehr hohen Betrages gefordert. „Falls Mondi nicht bereit wäre, seiner Forderung nachzukommen, würde er den Fall breit an die Öffentlichkeit bringen”, erinnert sich Lennertz.

Der Standpunkt von Mondi sei eindeutig. „Wir unterstützen unsere Mitarbeiter in einem angemessenen Umfang. Auch Herr Imamovic hat von Anfang an zahlreiche konkrete Angebote erhalten, die er aber alle stets ausschlug. Mondi lässt sich ganz klar nicht durch Mitarbeiter und von ihnen eingeschalteten Journalisten unter Druck setzen. Wir haben eine Verantwortung gegenüber allen Mitarbeitern.”

Dass er bei dem Vermittlungsversuch nicht neutral genug gewesen sei, dies bestätigt Wallraff. „Dies stimmt, ich habe mich nur den Interessen des Geschädigten zugewandt. Das Recht ist meiner Meinung nach auf Seiten der jeweiligen Opfer. Und wenn ein Milliardenkonzern kommt, um sich um die Zahlung von lumpigen 200.000 Euro (Anmerkung der Redaktion: Die ursprüngliche Forderung lag bei einer Million Euro) vorbeimogelt, für einen Menschen, dessen Leben zerstört ist, dann muss man einem solchen Konzern in aller Öffentlichkeit vorhalten, auch als Rechtsnachfolger seiner Pflicht nicht nachzukommen.”

Dem steht die Aussage von Patrick Lennertz entgegen. „Mondi sieht sich seinen rund 23.400 Mitarbeitern weltweit verpflichtet. Die Einhaltung des Arbeitsschutzes hat in unserem Konzern oberste Priorität. Wir müssen Sorge tragen, dass sich alle Mitarbeiter daran halten und dürfen hier kein falsches Signal aussenden”, betont er.

Was die Rechtslage anbelangt, hat Mondi vor allen Gerichten, die Emir Imamovic bemühte, obsiegt. So entschied das Landesarbeitsgericht im Sommer letzten Jahres, dass dem Kläger keine Berufung beim Bundesarbeitsgericht offen stünde. Der legte daraufhin mit Hilfe seiner Anwälte eine Nichtzulassungsbeschwerde beim Bundesarbeitsgericht ein. Aber auch dieses entschied am 7. März diesen Jahres, dass die Beschwerde unbegründet sei.

Bereits vorher hatten alle Unterssuchungen von Berufsgenossenschaft, Bezirksregierung Köln, Staatsanwaltschaft Aachen, Amtsgericht Jülich und Arbeitsgericht Aachen ein Fremdverschulden an dem schrecklichen Unfall am 19. August 2006 im Koslarer Werk ausgeschlossen. Weder die Gerichte noch die mit der Untersuchung des Falls im Hinblick auf Arbeitssicherheit betrauten Behörden konnten ein Fremdverschulden feststellen.

„Damit ist Herr Imamovic für den Eintritt des Unfalls und die damit verbundenen tragischen Folgen selbstverantwortlich, so dass auch aus diesem Gesichtspunkt heraus der Gang zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte kein anderes Ergebnis bringen wird”, ist Patrick Lennertz überzeugt, der sein Bedauern über den Unfall nochmals unterstreicht.

Aber alle Urteile können den Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff nicht davon abhalten, sich weiterhin um die in seinen Augen fehlende Gerechtigkeit zu bemühen. „Ich helfe Herrn Imamovic nun beim Gang vor den Petitionsausschuss des Europäischen Gerichtshofs.” Auf die Chancen angesprochen, erinnert Wallraff an seinen eigenen Fall, bei dem er jahrelang gegen die Bild-Zeitung klagte, immer verlor, erst in der allerletzten Instanz vor dem Bundesgerichtshof Recht bekam. „Damit hatte damals keiner gerechnet. Aber seitdem habe ich Vertrauen in den Rechtsstaat.”

So sieht Wallraff denn auch für Emir Imamovic Chancen, „denn am Europäischen Gerichtshof haben wir schon viele Überraschungen erlebt.” Dass man für diesen Gang eine langen Atem braucht, dies bestätigt der Kölner. „Aber so sehr Herr Imamovic körperlich und physisch durch diesen Unfall angeschlagen, auch gehandicapt ist, er ist ein Kämpfer, er hat ein unerschütterliches Gerechtigkeitsempfinden.”

Und noch etwas bewegt Wallraff: „Wenn es eine kleine Firma wäre, wo es um deren Existenz ginge, da würde ich mich selbst nicht so hartnäckig einschalten. Aber es geht um einen Milliardenkonzern, der weltweit gesteigerte Gewinne macht.”
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