Jülich/Siersdorf - Keine Bewährung für „armes Würstchen”

Keine Bewährung für „armes Würstchen”

Von: gep
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Jülich/Siersdorf. Es war eine Urteilsfindung „auf schmalen Grat” für Strafrichterin Claudia Wolny. Vor dem Amtsgericht Jülich musste sich D. O. (24), ein Hartz-IV-Empfänger aus Siersdorf, verantworten. Er hatte, so die Richterin, erneut „Blödsinn” gemacht.

Seit 2002 ist er polizeibekannt. Er hat „eine ganze Latte” von Straftaten vorzuweisen, begangen in verschiedenen rheinischen Städten. Es handelte sich um Körperverletzung, mehrfachen Diebstahl, Drogenvergehen, Fahren ohne Führerschein, versuchte Brandstiftung oder Sachbeschädigung.

Nun steht er erneut vor Gericht wegen versuchter Körperverletzung und schwerem Diebstahl. Die Staatsanwältin liest die Anklage vor: Er hat im Mai vorigen Jahres ein Ehepaar im Aldenhovener Römerpark mit einem Stein beworfen, aber nicht getroffen, im Sommer hat er dann mit seinem Kumpel S. W. denselben Pkw zweimal für Spritztouren geknackt.

D. O., der seit März 2011 mit seiner Freundin in Siersdorf wohnt, unterliegt der Führungsaufsicht für entlassene Straftäter. Aufgabe der Führungsaufsicht, die beim Landgericht angesiedelt ist, ist neben der Hilfe und Betreuung für den Probanden die Überwachung seines Verhaltens, damit er nicht wieder straffällig wird.

Seine Betreuerin ergriff im Gerichtssaal 210 engagiert Partei für ihren Probanden. Er sei ein „armes Würstchen”, der über „keine Impulskontrolle” verfüge und seine Straftaten nicht plane, schildert sie.

Er stamme aus „ganz schwierigen” Familienverhältnissen, die Eltern seien früh gestorben, die Großeltern überfordert gewesen. Er habe in vielen Pflegefamilien und Jugendeinrichtungen gelebt. Nach einem psychiatrischen Gutachten aus dem Jahre 2008 leide er an einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung und an einer Lernbehinderung.

Vollstationäre Unterbringung

Er habe in letzter Zeit nur kurzzeitig gearbeitet - als Reinigungskraft für Imbisswagen. Seine Schulden hatte er auf rund 4000 Euro beziffert. Ambulantes betreutes Wohnen reiche, so seine Betreuerin, bei ihm nicht. Er brauche eine feste Tagesstruktur und Beschäftigung.

Geplant sei eine „vollstationäre Unterbringung” beim Paritätischen ABK-Hilfswerk in Simmerath-Kesternich, das massiv verhaltensauffällige junge Erwachsenen mit hohem Integrationsbedarf betreut. Ziel in den Wohngruppen ist es, Verhaltensauffälligkeiten soweit abzubauen und das Sozialverhalten zu trainieren, dass eine spätere Vermittlung auf dem freien Arbeitsmarkt und eine selbstständige Lebensführung in einer eigenen Wohnung möglich werden soll.

D.O. sei einsichtig, dass eine solche Therapie zu seinem Besten sei, erklärte die Betreuerin. Doch bis die Unterbringung geklärt ist - der Landschaftsverband Rheinland muss die Finanzierung zusagen - seien zwei bis drei Monate erforderlich. Doch außerstande sei sie, eine positive Sozialprognose zu geben, auch wenn er „über Phasen gut” kooperiert habe.

Eine positive Prognose hätte vielleicht die Möglichkeit eröffnet, nur eine Haftstrafe auf Bewährung auszusprechen.

Die Staatsanwältin hielt das aber für „wenig erfolgversprechend”. Immerhin sei seine „Rückfallgeschwindigkeit” sehr hoch. Da aber eine verminderte Schuldfähigkeit nach § 21 des Strafgesetzbuches (StGB) nicht auszuschließen sei, forderte sie als Strafmaß eine Haftstrafe von einem jahr und sechs Monaten. Der Verteidiger hielt das „für zu hoch gegriffen”.

Es sei bedenklich, da seine Straftaten „nicht so schwerwiegend” seien, ihn „einfach wegzusperren”, obwohl er bereit sei, eine Therapie anzutreten, sie aber wegen des langen bürokratischen Verfahren nicht beginnen könne. Er plädiere daher für weniger als ein Jahr auf Bewährung.

Richterin Wolny verurteilte ihn schließlich zu elf Monaten ohne Bewährung und zu den Kosten des Verfahrens. Sie begründete das damit, dass er mehrfach vorbestraft sei, nicht „nicht schuldunfähig” nach § 20 StGB sei und es keine Garantie gebe, dass er nicht wieder straffällig werde.

Weiteres Verfahren

Zu seinen Gunsten spreche, dass er geständig sei. Einrücken in eine Justizvollzugsanstalt muss D. O. vorerst nicht. Sein Verteidiger kündigte Berufung beim Landgericht an. Zudem ist noch ein weiteres Verfahren gegen ihn in Kerpen anhängig. An den Verurteilten appellierte sie: „Werfen Sie die Flinte nicht ins Korn”.

Sie deutete aber auch an, welches Schicksal ihm beschieden sein könnte: § 63 (Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus). In diesem Fall, so seine Betreuerin „hat er sein Leben hinter sich”.
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