Niederau - Kein Knuddeln und Kuscheln: „Exoten-Alarm” im Tierheim

Kein Knuddeln und Kuscheln: „Exoten-Alarm” im Tierheim

Von: Christina Handschuhmacher
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Eine aufgetaute Babymaus pro W
Eine aufgetaute Babymaus pro Woche steht auf dem Speiseplan der Kornnatter. Die Natter gehört zu den derzeit acht Exoten im Dürener Tierheim. Foto: chh

Niederau. Eigentlich ist das Prozedere überflüssig: Das Mittagessen ist im wahrsten Sinne des Wortes schon mausetot, aber auf ihr Fressritual möchte die Kornnatter trotzdem nicht verzichten. Mit ihrem Körper umzingelt die Schlange die aufgetaute Babymaus einige Minuten, bevor sie ihren Kiefer ausrenkt und die kleine Maus im Maul verschwindet.

Seit Tagen herrscht im Dürener Tierheim „Exoten-Alarm”: Lederne Haut statt flauschigem Fell, leises Zischen statt lautstarkem Bellen und in den Futternapf kommen Heuschrecken oder tiefgefrorene Ratten.

Für das Team um Tierheimleiterin Stefanie Blank waren die vergangenen Wochen eine echte Herausforderung: „Ein Tierheim ist für solche exotischen Tiere einfach nicht ausgelegt.” Die ausgebildete Zootierpflegerin muss sich jetzt nicht nur um Hunde und Katzen, sondern auch um die Boas Khan und Hiss, die Vogelspinnen Romeo und Julia, zwei Geckos und zwei noch namenlose Kornnattern kümmern, die vor einer Woche die Gruppe exotischer Tiere im Tierheim vergrößerten.

„Bei den Leuten muss ein Bild entstanden sein, dass es schick ist, solche Tiere zu halten”, sagt Günther Oltrogge. Der Vorsitzende des Tierschutzvereins für den Kreis Düren schüttelt den Kopf. „Wenn der Kanarienvogel zu langweilig wird, kauft man sich scheinbar mal eben eine Boa.” Oltrogge fordert, dass dem Handel mit Reptilien und anderen wilden Tieren „ein Riegel vorgeschoben wird”, denn viele könnten die Tiere nicht artgerecht halten und wären auch schnell überfordert.

Dann landen die Tiere im Tierheim. Grundsätzlich muss das Tierheim aber nur Fundtiere aufnehmen. Bei Tieren, die abgegeben werden, bestehe keine Aufnahmepflicht, sagt Oltrogge. Bei den beiden Boas, die vor zwei Wochen morgens in einer Tonne verpackt vor dem Tierheim standen, blieb den Mitarbeitern aber keine andere Wahl. Die Vogelspinnen fand die Polizei mit zwei Hunden im Haushalt einer verstorbenen Frau und brachte sie zu den Tierpflegern. Einige Tage später entdeckten die Beamten dann auch noch die Kornnattern auf dem Dachboden.

Jeder Exot ist eine neue Herausforderung für das Improvisationstalent der Tierfreunde. Dürener Bürger spendeten zwei große Terrarien für die Kornnattern und die Boas, die nun im Besprechungsraum des Tierheims wohnen. Die Terrarien der Geckos und der Vogelspinnen stehen auf dem Flur neben dem Kopierer.

Was isst das Tier? Wie wird es gepflegt? In welcher Umgebung fühlt es sich wohl? In solchen Fragen wendet sich die Tierheimleiterin an Experten des Veterinäramtes. Auch die Grundkenntnisse aus ihrer Ausbildung zur Zootierpflegerin helfen ihr in der Regel weiter. „Aber letztlich muss ich mich mit den Tieren auseinandersetzen und sie versorgen, aber ich habe natürlich einen Heidenrespekt”, sagt die 33-Jährige.

Auf dem Tisch im Besprechungsraum taut gerade eine tiefgefrorene Ratte auf. Die Boas im Terrarium nebenan sind schon etwas unruhig und zischeln, nach drei bis vier Wochen wird es mal wieder Zeit für eine Portion Ratte am Stück. „Man kann sie nicht auf den Arm nehmen, nicht mit ihnen kuscheln. Sie sind eben keine normalen Haustiere”, sagt Stefanie Blank. Fast klingt es bedauernd.

Der Ansturm von Tieren aus tropischen Klimabereichen ist neu für die Mitarbeiter im Tierheim. Bislang wurden ab und an kleinere Schlangen abgegeben. Auch heimische Ringelnattern waren schon dabei, die einfach wieder in die Freiheit entlassen werden konnten.

Einzig ein zwei Meter langer Waran sorgte schon für Aufsehen. „Der Exotenhandel hat definitiv zugenommen”, ist sich Oltrogge sicher. „Bei Reptilienbörsen bekommt man Giftschlangen schon für 25 Euro, ohne dass der zukünftige Halter kontrolliert wird”, weiß Stefanie Blank. Beide gehen davon aus, dass sich die Tierheime in den kommenden Jahren darauf einstellen müssen, zunehmend exotische Tiere aufzunehmen.

Ob die Vogelspinnen Romeo und Julia oder die Boas Hiss und Khan bald ein neues Zuhause finden werden? Die Vermittlung sei wesentlich schwieriger, sagt Oltrogge. „Es wird eine sehr genaue Prüfung von uns geben, bis wir die Tiere wieder aus der Hand geben.”
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