Kandidaten müssen sich in Stadtgespräch bewähren

Von: Antonius Wolters
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Probeabstimmungen mit dem Publikum zu diversen Fragen lockerten die Einzel- und Gruppenbefragungen der Bürgermeister-Kandidaten auf, deren Äußerungen auf großes Interesse stießen. Foto: Guido Jansen
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Axel Fuchs wurde offenbar von seinem Fanclub unterstützt, wie die lautstarke Resonanz einzelner Äußerungen zeigte. Foto: Guido Jansen
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Konzentrierte Gespräche: Jürgen Laufs (von rechts) mit Michael Lingnau und Co-Moderator Michael Gramm auf der Bühne. Foto: Guido Jansen
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Rechts mahnt die Eieruhr zur Eile: Die Kandidaten hatten für ihre Statements in der Regel nur eine oder zwei Minuten. Foto: Guido Jansen

Jülich. Mit gut 700 Besuchern in der Spitze war das 14. Stadtgespräch des Vereins Stadtmarketing und unserer Zeitung auch das bisher bestbesuchte.

Das war sicher den besonderen Umständen geschuldet, denn die Moderatoren Michael Gramm, Wolfgang Hommel und unser Redakteur Volker Uerlings begrüßten unter freiem Himmel auf dem Schlossplatz im stimmungsvollen Ambiente der Bierbörse fünf Bewerber um das Bürgermeisteramt in Jülich. Auf deren Auftreten und Ideen waren viele Bürger gespannt, die zu einem großen Teil bis zum Ende der zweieinhalbstündigen Talkrunde blieben. Das Kandidaten-Quintett musste sich sowohl in großer Runde als auch in Einzelgesprächen bewähren. In alphabetischer Reihenfolge werden deren Aussagen in Auszügen präsentiert.

Heinz Frey (UWG Jül), den Parteifreund Christian Klems dem Publikum als Mensch vorgestellt hatte, der andere mitnehmen und begeistern kann, vertraut, wenn er denn Bürgermeister wird, im Barmener Dorv-Laden auf das Team sehr guter Leute, die dann „mehr Verantwortung übernehmen“ müssten. Frey würde Standards senken und das Engagement der Bürger fördern, um durch Eigenleistung das eingesetzte Geld mehr als zu verdoppeln und so Mittel für andere Dinge frei zu bekommen. Aus der Arbeit im Laden seiner Eltern als Jugendlicher weiß Frey, wie man aus wenig viel machen kann. Die Nutzung des ehemaligen Realschul-Gebäudes als zweitem Kulturhaus stößt bei ihm auf Bedenken.

In der Innenstadt würde er zunächst zwei Dinge anpacken: Eine Fahrradstation auf dem Schlossplatz einrichten und die Sauberkeit erhöhen. Wie das gelingen kann, habe man schon in Welldorf und Merzenhausen mit dem Einsatz von Asylbewerbern erfolgreich probiert. Um der „Krise der Parteiendemokratie“ zu begegnen und Sachpolitik nach vorn zu bringen, plädiert Frey für grundlegende Änderungen.

Er sieht dabei die „Bürger als Innovationspotenzial“, um in Jülich vieles besser zu machen. So sollen Themen von den Bürgern vordiskutiert werden, bevor sie der Politik zur Entscheidung vorgelegt werden. Das wolle er vorleben und vorgeben. Frey findet das Internet für die Verbreitung von Informationen gut, bevorzugt aber direkte Gespräche – vor allem mit der Jugend.

Einzelbewerber Axel Fuchs charakterisierte „Patin“ Dorothee Schenk als Dauerläufer, der Charme und Diplomatie mit Geradlinigkeit, Fairness und Kreativität kombiniere. Sollte der Gewerkschafter als Bürgermeister auf die Arbeitgeberseite wechseln, wüsste er jedenfalls, „wie die andere Seite tickt“. In Sachen Wirtschaftsförderung würde er zwar die heimischen Wissenschaftseinrichtungen wie FZJ und FH nutzen, darüber jedoch das produzierende Gewerbe nicht vergessen. Auf solche Unternehmen würde er zugehen, um sie nach Jülich zu holen.

Um das Arbeitsklima in der Stadtverwaltung zu verbessern, empfiehlt er die Entwicklung eines Personaleinsatzkonzeptes, eine Befragung und gegebenenfalls Hilfe von außen. Teambuilding-Maßnahmen oder gemeinsamer Betriebssport seien auch gut. Um für seine Ideen eine Mehrheit im Stadtrat zu finden, würde Fuchs auf die Fraktionen zugehen und auch die Stadtverordneten an ihre Aufgabe erinnern, sich für die Stadt einzusetzen – unabhängig von Vorgaben der Fraktionen. Bürgerbeteiligung findet Fuchs gut, eine Abstimmung übers Internet lehnt er allerdings ab und favorisiert das persönliche Gespräch. Da Fuchs seine Heimatstadt super findet, will er Leute in die Stadt holen und Leerstände offensiv vermarkten bzw. bei der Vermarktung helfen.

Bei der Bebauung des Walramplatzes ist er gegen eine Megalösung, da man ja Leute ins Zentrum holen wolle, und plädiert für Technikgeschäfte, junge Mode und einen kleineren Lebensmittler. Statt eines Dienstwagens würde er sein Auto weiter fahren, um als Bürgermeister ein Zeichen zu setzen, und versuchen, etwas für die 1200 chinesischen Studenten zu tun. Die Schließung der Lehrschwimmbecken in Koslar und Welldorf empfindet Fuchs bei mehr als 4000 Unterschriften dagegen als schlechtes Signal, denn die Kinder müssten ja Schwimmen lernen. Für eine störungsärmere Anbindung des Heckfelds ist er für die Nutzung der „Rübenstraße“.

Jürgen Laufs (Bündnisgrüne) ist nach Worten von Gattin Emily ein in sich ruhender Menschenfreund, der als Arbeitstier Herausforderungen meistert und das Miteinander betont. Er stützt sich auf ein 70-seitiges Entwicklungskonzept für Jülich, seine lange Erfahrungen als alleinerziehender Vater, gut elf Jahren Ratsarbeit und seinen gesunden Menschenverstand. Es gelte, Jülich nicht nur grüner, sondern sauberer zu machen, findet Laufs.

Die Pläne für die Merscher Höhe sieht er als guten Ansatz, doch es gelte, weitere Themen anzugreifen und nötigenfalls auch Forderungen aufzustellen, etwa bei der Weiterführung der Rurtalbahn bis Baal. Zudem empfiehlt er, selber Ideen zu entwickeln, die Ratskollegen zu überzeugen und bei deren Umsetzung der Verwaltung zu vertrauen. Für die Belebung der Innenstadt setzt er sich für die stärkere Nutzung des Schlossplatzes ein, der das Gemeinschaftsgefühl stärke und bei den anstehenden Großprojekten als Forum dienen könne.

In puncto Bürgerbeteiligung sieht Laufs die Möglichkeit, Projekte via Internet gezielter vorzustellen, eine Abstimmung per PC lehnt der IT-Fachmann indes ab. Gegen eine Befahrbarkeit von Marktplatz und Fußgängerzone kämpft er, so solle die City attraktiviert werden, um die Läden mit Leben zu füllen.

Claus Nürnberg stellte Einzelbewerber Michael Lingnau als toleranten, ehrlichen Zeitgenossen voller Energie vor. Der möchte, wenn er denn Bürgermeister wird, seine Anwaltskanzlei erhalten und arbeitet dafür derzeit an Plan B. Lingnau sieht sich als Freigeist, der es als Vorteil sieht, nicht in der Verwaltung verankert zu sein und als politischer Kopf die Aufgaben per learning by doing lösen möchte. Er will Veränderungen anstoßen und in Stadt und Verwaltung das Wir-Gefühl stärken.

Wenn er die Verwaltung hinter sich hat, will Lingnau den Schwung dazu nutzen, um den Rat zu überzeugen. Einen Gegensatz zwischen Kernstadt und Dörfern mag er nicht erkennen, denn es gebe viele übergeordnete Aktivitäten. Um die Menschen in den Dörfern mitzunehmen, präferiert er die Einrichtung runder Tische. Um die Bürgerbeteiligung zu forcieren, will er zunächst die Internetseite der Stadt überholen lassen, allerdings auf Abstimmungen im Netz verzichten, um sich nicht hinter der virtuellen Welt zu verstecken. Lingnau stellte klar, dass er sich nie bei der Findungskommission der GroKo beworben, sondern nur auf dem CDU-Parteitag kandidiert habe.

Nun setze er auf die Unterstützung aus dem bürgerlichen Lager. Da der stationäre Handel im Schatten des Internets steht, ist er für die Auflockerung der Fußgängerzone aus den 1980er Jahren durch die Zulassung von Autos. Zudem unterstützt er eine barrierefreie City.

Frank Peter Ullrich, den gemeinsamen Kandidat von CDU und SPD, stellte Marco Maria Emunds als Mann vor, der in Jülich schon viele Klinken geputzt habe, weil es im wichtig sei, die Bürger zu kennen. Dabei hat er auch mit Beschäftigten aus der Stadtverwaltung gesprochen, die sich Entscheidungen wünschten. Hier strebt Ullrich eine Umgestaltung und Straffung bei der Zahl der Dezernate an. Er habe zwar die GroKo mit ihrer Gestaltungsmehrheit im Rücken, doch damit sei Friede, Freude, Eierkuchen verbunden. Es gehe darum, alle einzubeziehen und ein solides Fundament zu legen.

Ullrich möchte mit den Leuten reden, Ideen sammeln und Gesprächskreise gründen, um Jülich aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Er sieht gute Chancen, mit der Hilfe von Investoren und Familien in den nächsten 10 bis 15 Jahren 2000 Menschen in die Stadt zu holen. Dazu müssten die Potenziale in Gestalt des Gewerbegebiets Merscher Höhe und die Wohnbauflächen auf dem ehemaligen FH-Gelände entwickelt werden. Die Nachfrage in der Industrie sei riesengroß. Um das mittel- und langfristig umzusetzen und die Stadt von außen nach innen zu entwickeln, sei ein Masterplan sehr nützlich, der auch einen Kundenstrom Richtung Jülich erzeugen könne.

In Sachen Bürgerbeteiligung regt er einen transparenteren Haushalt an, damit Bürger ihre Ideen einbringen können, und plädiert vor Bauvorhaben für Planungsworkshops, in denen Bürger die Politik beraten, denn die brauche die Diskussionen. Nun gehe es darum, Ideen zu realisieren, die auf der Hand liegen und das Rad endlich ins Rollen zu bringen. Bei den Lehrschwimmbecken räche es sich, dass die angegriffene Substanz nicht frühzeitig saniert worden sei. Jetzt fehle für eine Reparatur das Geld. Zu Gerüchten, dass er sich schon in anderen Kommunen als Bürgermeister beworben habe, stellte Ullrich klar: „In Jülich steht ich zum ersten Mal auf dem Wahlzettel.“ Er werde weder ein roter noch ein schwarzer Bürgermeister, sondern einer für alle.

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