Jutta Docter ist die heimliche „Juqueen“ im Forschungszentrum

Von: Guido Jansen
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Jutta Docter in der Jülicher Superrechnerhalle, die sie nun nach über 40 Jahren verlässt. Foto: Jansen
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Lang ist´s her: Ein Onlineraum im Jahr 1980. Foto: Docter

Jülich. Eine große Feierstunde gibt es am Samstag im Forschungszentrum nicht. Schließlich ist Wochenende. Und Jutta Docter ist auch nicht der erste und einzige Mensch, der seit 40 Jahren bei der Großforschungseinrichtung arbeitet.

Sagt man allerdings, dass Jutta Docter aus Jülich seit 40 Jahren an den schnellsten Computern der Welt arbeitet, dann wird klar, wie besonders das Jubiläum ist. Vor allem, weil die 61-Jährige Ende Oktober nach einem Berufsleben mit vielen Generationen an Supercomputern in Rente geht.

„So besonders hat sich das gar nicht angefühlt“, sagt sie. „Das war alles ein natürlicher Prozess.“ Computer haben sich entwickelt. Das, was vor 30 Jahren nach einer aberwitzigen Rechnerleistung klang, die sich der Laie kaum vorstellen konnte, leistet heute ein normales Smartphone.

Wie lange es dauert, bis die Leistung des Jülicher Supercomputers Juqueen alltäglich geworden ist, vermag die Systemadministratorin am Jülich Supercomputing Center nicht zu sagen. Im Moment ist Juqueen so leistungsstark wie 50.000 moderne Privatcomputer zusammen.

Am Anfang war die Lochkarte. Mit deren Hilfe wurden die Programme und Daten eingegeben. So auch bei Jutta Docter und ihrem Abschlussthema zur mathematisch-technischen Assistentin am Rechenzentrum der RWTH Aachen. Sie sollte ausrechnen, wie man die Fahrtstrecke beim Ausliefern von Ware optimieren kann. 1973 hat Docter, die aus Titz stammt, ihr Abitur am Mädchengymnasium abgelegt.

Anfangs keine genaue Vorstellung

„Computer – da hatte man keine genaue Vorstellung von. Aber es sah nach einem Feld mit Zukunft aus“, erklärt sie ihre Berufswahl. Zuerst war nicht klar, dass sie später über Jahrzehnte ihre Finger im Spiel haben würde bei den schnellsten Rechnern der Welt. Jülich hatte ihr 1976 eine Stelle zu bieten.

Docter arbeitete mit einer frühen Form von Computernetzwerken. „Es gab Experimentrechner in den Instituten und einen zentralen Rechner, der erfasste Daten überarbeitet hat“, sagt sie. Von dem, was man später Supercomputer nennt, waren die damaligen Rechner noch weit entfernt. Die Schnellsten ihrer Zeit waren sie trotzdem.

In den frühen 80er Jahren wurden die Netzwerke engmaschiger und schneller. Joker hieß das System (Jülicher Online Kopplungssystem für Experimentrechner), mit dem die Rechner der Institute mit dem Zentralrechner verbunden waren. Ende der 70er Jahre war das. „Wenn ein Wissenschaftler damals etwas speichern wollte, dann musste er eine Datei beantragen“, sagt Docter und lächelt.

Lang, lang ist‘s her und heute fast unvorstellbar. Das waren Zeiten, als die Wissenschaftler selbst fast nie Hand an die Rechner angelegt haben und Docter und ihre Kollegen auch eine Art „Mensch-Maschine-Schnittstelle“ waren. „Heute machen das viele Wissenschaftler selbst“, sagt die Systemadministratorin. Das bedeute aber nicht, dass die Mitarbeiter des Supercomputing Centers unterbeschäftigt sind. Ein System wie Juqueen zu warten und einsatzfähig zu halten, ist immer Teamarbeit.

Als Anfang der 80er das erste System des US-Entwicklers Seamour Cray nach Jülich kam, begann die Phase, in der Computer schlagartig immer kompakter und schneller wurden. Und weil die Jülicher Wissenschaftler immer das Schnellste benötigten, wechselten die Systeme häufig. Fünf Cray-Systeme lösten sich ab, 1992 wurde ein Intel-Rechner untersucht. Per Modem, das aktiviert wurde, indem man den dazugehörigen Telefonhörer auflegte, konnte man sich einwählen.

Bei Anruf Internet – damals Hi-Tech, heute eine Technik fürs Museum. „Das Großartige an diesen Rechnern war und ist, was die Wissenschaftler da rausholen können. Für uns als Administratoren zählte es, das System stabil und nutzbar zu machen“, sagt Docter. In diesen Jahren, als Emails und das Internet noch weit weg waren vom Privatanwender, arbeiten Docter und ihre Kollegen schon lange damit.

Eine Technikverrückte – auf Neudeutsch Freak oder Nerd – war Docter nach eigenen Angaben nie. Auch heute nicht. „Ich führe meinen Terminkalender immer noch auf Papier. Damit bin ich schneller als die Kollegen mit ihren digitalen Kalendern.“ Zu Hause steht ein recht normaler Computer, Betriebssystem Windows, nichts Wildes. „Ich werde oft von Nachbarn oder Bekannten gefragt: Du kennst dich doch aus. Kannst du mal nach meinem Rechner schauen“, erzählt die 61-Jährige.

Dann muss sie meist passen und auf ihren Lebensgefährten verweisen. Mit Supercomputern, die so viel Platz brauchen wie ein Einfamilienhaus, deren abertausend Prozessoren und vielen, vielen Kilometern Kabel kennt sie sich aus. Ein normaler PC hat damit nichts gemeinsam.

1995 kam der Cray T3E nach Jülich, und Docter wurde dessen Administrator. Damals begann auch der rege Austausch mit anderen Spitzenforschungseinrichtungen. „Im Nachhinein muss ich sagen, dass das faszinierend ist, immer mit den größten Rechnern der Welt zu arbeiten. Aber die einzelnen Schritte erschienen mir damals wie der natürliche Weg, wie normales Wachstum.“ 2004 wurde die neue Halle für Supercomputer gebaut, und das Forschungszentrum schaffte ein IBM-System an, das 48 Schränke groß war. JUMP hieß es, Jülich Multi-Prozessor.

Es wurde abgelöst von Bluegene. Auch Juqueen ist Bluegene, allerdings schon in dritter Generation. 2012 gab es den letzten Wechsel. „Das Spannende war immer, wenn wir ein neues System aufsetzen mussten“, sagt Docter. „Das sind die Erfolge, wenn wir einen neuen Supercomputer so ans Laufen gebracht haben, dass die Forscher damit arbeiten können.“ Juqueen soll noch zwei Jahre laufen, Docter übergibt also ein eingespieltes System, wenn sie Ende Oktober nach 40 Jahren in den Ruhestand geht.

Mit Spannung erwartet sie das nächste große Ding. Die Bluegene-Reihe läuft mit der Generation Juqueen aus. Das System ist ausgereizt, kann nur noch schneller werden, indem man es deutlich größer baut. Dann könnte man ein kleines Kraftwerk direkt daneben bauen – so viel Strom wäre notwendig. Das ist nicht der Weg. In Jülich arbeiten Wissenschaftler an einem neuen Prinzip, das Juqueen folgen könnte. Der Schritt wird groß sein. Das ist klar.

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