Jülichs Stadtheilige entsteht mit modernster Kriminaltechnik

Von: Volker Uerlings
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Aufwändig mit kriminaltechnis
Aufwändig mit kriminaltechnischen Methoden von der Frankfurter Gerichtsmedizinerin Constanze Niess rekonstruiert: Der Kopf von Christina von Stommeln. Sie soll als erste bekannte Frau der Geschichte die Wundmale Christi getragen haben.

Jülich. Ein paar Tropfen aus der Pipette, eine purpurne Verfärbung: menschliches Blut! Und zack: Die DNA-Analyse ist binnen Sekunden auch fertig. Minuten später spuckt die Datenbank den Täternamen aus, samt Foto, Adresse, Sozialversicherungsnummer. Wie praktisch.

Die Show hat einen Haken: Das gibt es nur in Fernsehserien wie „CSI” (Crime Scene Investigation/Tatortermittlungen). Die realen und modernen Methoden der Kriminaltechnik kamen jetzt in Jülich zum Einsatz, um einer seit 700 Jahren toten und religiös hochverehrten Frau auf die Spur zu kommen: der seliggesprochenen Christina von Stommeln. In „CSI Christina” bekommt sie sogar wieder ein Gesicht. Bald zu sehen in Jülich.

Ab dem 24. Oktober zeigt das Museum Zitadelle Jülich eine faszinierende Ausstellung über die Mystikerin Christina von Stommeln. Sie ist die erste Frau überhaupt, deren Stigmatisierung geschichtlich überliefert ist; sie soll die Wundmale Christi getragen haben. Ihre sterblichen Überreste ruhen seit 420 Jahren in der Propsteikirche Jülich.

Es gibt nicht oft die Gelegenheit, einer historischen Person aus dem Hochmittelalter ohne nennenswert erhaltene Bilddokumente ins Angesicht zu schauen. Die „Gesichtsweichteilrekonstruktion” der Gerichtsmedizinerin Constanze Niess (Frankfurt) erlaubt genau das. Und so blickt man einer 40-Jährigen mit rötlich-blonden Haaren in die Augen, die freundlich wirkt und zunächst so gar nicht den Eindruck erweckt, dass sie zeitlebens von schrecklichen Visionen heimgesucht wurde, über Tage der Realität entrückt war und mit dem Satan persönlich kämpfte... „Immer nur Schmerzen und Leiden. Es ist beeindruckend, wie sehr sie auf ihre Art für andere gekämpft hat”, sagt Veronique Kentzinger, die sich im Jülicher Museum mit den mittelalterlichen Schriften befasst hat.

Hohe Übereinstimmung

Die Wahrscheinlichkeit, dass die geschichtlich überlieferten Daten mit den sterblichen Überresten in der zentralen Jülicher Kirche übereinstimmen, ist sehr hoch. Das haben die Untersuchungen ergeben, die nur möglich waren, weil Schädel und Skelett, die im Schrein ruhen, weitgehend unversehrt geblieben sind - und weil quer durch die Republik in Köln, München, Aachen und Frankfurt die besten Experten die Reliquien mit den modernsten Methoden untersucht haben - unentgeltlich, nur gegen Materialkostenerstattung!

Dabei kam heraus: Es handelt sich um das Skelett einer Frau. Alle Knochen stammen von einer Person. Die Überreste sprechen für einen Todeszeitpunkt zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr. Christina von Stommeln soll mit 70 Jahren gestorben sein. Auch der Todeszeitpunkt vor 700 Jahren ist plausibel. Die Untersuchungen liefern über die Verstorbene noch mehr Informationen: Sie soll anfangs gut genährt gewesen sein, im Alter Mangel gelitten haben.

Das passt zur 1908 seliggesprochenen Christina, die zuletzt zurückgezogen lebte und seit ihrer Jugend ein Dasein „in Üppigkeit” ablehnte. Auch zeigen Einlagerungen in Knochen, dass die Verstorbene den Großraum Köln höchstwahrscheinlich nie länger verlassen hat. Das lässt sich durch eine Isotopenanalyse feststellen. Aus Nahrung und Trinkwasser gelangen Isotope von Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel in unterschiedlicher Häufigkeit in das (Knochen-)Gewebe, die auch nach Jahrhunderten nachweisbar sind.

Spektakulär ist die Gesichtsrekonstruktion. Deren Grundlage bildet der knöcherne Schädel, der das Gerüst für das Gesicht bildet. Constanze Niess schreibt: „Da die Anordnung der Schädelknochen eines Jeden so individuell wie sein Gesicht ist, wird es möglich, durch exakte Orientierung an den Knochen ein einmaliges Gesicht zu schaffen.” Wie nah ist die Rekonstruktion am Original? Niess ist sich sicher, dass Personen, die Christina gekannt haben, sie anhand des Modells erkennen würden. Dieser Nachweis gestaltet sich nach 700 Jahren schwierig. Mimik, Augen- und Haarfarbe sind interpretiert im Rahmen des „künstlerischen Finishs”.

Informationen über Christina haben sich erhalten, weil sie im mittelalterlichen „Codex Juliancensis” niedergeschrieben sind. Die Prachtschrift beinhaltet auch Briefe zwischen Christina und dem Mönch Petrus von Dacien.

Im Schrein der später Seliggesprochenen wurden bei dessen Erstöffnung 1897 kostbare Grabbeigaben entdeckt - zum Beispiel Andachtstäfelchen. Auch sie wurden nun untersucht und restauriert und sind in der Jülicher Ausstellung zu sehen. Vor allem die Tafeln sind nach Meinung der Verantwortlichen des Museums „von unschätzbarem Wert”. Es handelt sich um Unikate aus dem 14. Jahrhundert - Vergleichbares ist nicht bekannt. Sie sollen Reliquien größter Bedeutung beinhaltet haben, so einen Rest des „heiligsten aller Kreuze”. Deren Überprüfung wäre eine noch spannendere Aufgabe für die Wissenschaft geworden. Sie sind aber lange verschwunden.

Die Jülicher Schau und alle Untersuchungen verursachen Gersamtkosten von rund 100.000 Euro, finanziert von Land, Landschaftsverband Rheinland und zwei privaten Stiftungen.

Die Ausstellung „Gottesschau & Gottesliebe - Die Mystikerin Christina von Stommeln” ist von Mittwoch, 24. Oktober, bis zum 13. Januar 2013 im Südostturm der Zitadelle Jülich zu sehen.

Öffnungszeiten: Mo - Fr 15 bis 17 Uhr; Sa 14 - 17 Uhr; So 11 - 17 Uhr. Eintritt: 4 Euro Erwachsene, 3 Euro Kinder, 6 Euro Familien.

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