Jülicherin hilft den vergessenen Menschen in Kalkutta

Von: Christoph Classen
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Jülich. Wenn Dr. Paulette Lokhande-Durbach zeigen möchte, wo sie gewesen ist, dann legt sie eine Karte auf ihren Wohnzimmertisch. „Die habe ich einfach aus dem Hotel mitgenommen”, sagt sie, lächelt ein wenig verlegen, und man merkt, dass sie so etwas eigentlich nicht macht.

Auf der Karte ist die indische Stadt Kalkutta zu sehen, fünf Millionen Einwohner, die viertgrößte des Landes. „Auf dieser Seite”, sagt Lokhande-Durbach und zeigt auf ein Gebiet, das rechts von einem Fluss namens Hugli liegt, „stehen die schönen Häuser. Man kann toll einkaufen gehen, und die Fünf-Sterne-Hotels reihen sich aneinander.” Dann wandert ihr Finger auf die andere Seite des Flusses, dorthin, wo auf der Karte absolut gar nichts verzeichnet ist. „Hier bin ich gewesen”, sagt Lokhande-Durbach.

Auf der Karte sieht es aus, als würde der Fluss die Stadt auf eine natürliche Art begrenzen. In Wirklichkeit aber teilt er die Stadt. Zwischen denen, die ein Leben im Überfluss führen und denen, für die es kein Morgen gibt, wenn sie nicht irgendwo eine Handvoll Reis auftreiben.

Auf der linken Seite des Hugli liegen Kalkuttas Slums. Hunderttausende Menschen leben dort, wie viele es genau sind, weiß niemand, es möchte auch niemand wissen.

„Für diese Menschen ist keiner da, den indischen Staat interessiert einfach nicht, ob sie leben oder nicht”, sagt Lokhande-Durbach. Ihr aber sind diese Menschen nicht gleichgültig. Deswegen ist sie in die Slums gereist. Lokhande-Durbach war dort im Dienst der Organisation Ärzte für die Dritte Welt, sie war dort, um zu helfen und nicht zuletzt wohl auch, um ein Versprechen einzulösen, das sie vor langer Zeit gegeben hatte.

Lokhande-Durbach ist Gynäkologin, hatte 25 Jahre lang ein Praxis in Jülich, in der Kleinen Rurstraße. 1974 reiste sie zum ersten Mal nach Indien, ein Land, zu dem sie eine besondere Beziehung hat, weil ihr Mann, den sie im gleichen Jahr heiratete, dort geboren wurde.

Schon damals lernte Lokhande-Durbach die Armut kennen. Die junge Medizinstudentin fasste einen Entschluss: „Ich dachte mir: Wenn ich einmal mehr Erfahrung habe und richtig etwas kann, komme ich zurück”, erinnert sich die 60-Jährige.

Der richtige Zeitpunkt war gekommen, als Lokhande-Durbach beschloss, ihre Praxis einer Nachfolgerin zu übergeben. Nach siebenmonatiger Vorbereitung im Bereich Allgemeinmedizin bestieg sie das Flugzeug nach Kalkutta.

Es folgten sechs Wochen Arbeit in den Slums. Täglich um halb neun wurde sie und fünf weitere Ärzte zu verschiedenen Medizinzentren gebracht. Dort erwartete sie jeden Morgen das gleiche Bild. Die Menschen standen in langen Schlangen. Bis zu 200 waren es, die über Nacht ausgeharrt hatten, um versorgt zu werden. Die stärksten von ihnen belegten stets die vorderen Plätze.

Es folgte das, was Lokhande-Durbach als „stempeln” bezeichnet. Die Ärzte gingen die Reihen ab und ordneten die Patienten nach medizinischer Notwendigkeit. Eine Aufgabe, die für die Jülicherin nicht angenehm war: „Es tat mir weh, wenn ich 50 Menschen abweisen musste.”

Aus ihrer Zeit in den Slums nahm Lokhande-Durbach die Erkenntnis mit, dass es gar nicht viel kosten würde, den Menschen eine Menge Leid zu ersparen, dass die Armut Krankheiten verursacht, die es gar nicht geben müsste. Eines der größten Probleme ist mangelnde Hygiene, die dazu führt, dass sich die Menschen fortlaufend gegenseitig anstecken. Es gebe keine Fäkalienentsorgung, und Klopapier (Preis 45 Rupien) sei unerschwinglich. „Dafür bekommen sie zwei Kilo Reis”, rechnet Lokhande-Durbach um.

Die mangelhafte Ernährung mache das Immunsystem der Menschen zudem äußerst anfällig, weswegen die Ärzte die Patienten in den Slums immer mit Vitaminen versorgten. „Das sind Dinge, die so wenig kosten, die man so einfach aus der Welt schaffen könnte”, sagt Lokhande-Durbach.

Seit sie wieder zurück in Deutschland ist, habe sich ihr Blick auf die Menschen in den Slums verändert. „Ich ging sehr sachlich dorthin, wollte einfach gute Medizin, gute Arbeit machen”, sagt die Gynäkologin und fügt hinzu: „Aber ich habe mich berühren lassen von diesen Menschen. Menschen, die mit so viel Würde und Anmut ihren Alltag bewältigen, obwohl er fast nicht zu bewältigen ist.”

Dr. Paulette Lokhande-Durbach hat wieder einen Entschluss gefasst. Sie wird zurückkehren in die Slums von Kalkutta. Zu den Menschen, die die Welt vergessen hat. Die Ärztin möchte ihnen zeigen, dass das nicht so ist.
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