Jülich - Jülicher Tafel: Die Wertschätzung wird teilweise vermisst

Jülicher Tafel: Die Wertschätzung wird teilweise vermisst

Von: Laura Laermann
Letzte Aktualisierung:
16409714.jpg
Hinter der Arbeit der Tafel steckt ein großer logistischer Aufwand, der nicht immer wertgeschätzt wird, sagen die Mitarbeiter der Jülicher Tafel. Sven Kleer, Rohallah Malik Mohammed und Joshua Brendel (v. l.) räumen Waren in die neue Kühltheke ein, die mit Hilfe von Spenden finanziert wurde. Foto: Laermann
16408890.jpg
Hinter der Arbeit der Tafel steckt ein großer logistischer Aufwand, der nicht immer wertgeschätzt wird, sagen die Mitarbeiter der Jülicher Tafel. Sven Kleer, Rohallah Malik Mohammed und Joshua Brendel (v. l.) räumen Waren in die neue Kühltheke ein, die mit Hilfe von Spenden finanziert wurde. Foto: Laermann

Jülich. Die Entscheidung der Essener Tafel, keine Ausländer mehr bei der Tafel aufzunehmen, hat eine deutschlandweite Debatte ausgelöst. Zuletzt wurde am Donnerstagabend bei Maybrit Illner (ZDF) über das Thema diskutiert. Dabei gab es nicht nur Kritik für die Entscheidung der Essener Tafel, sondern auch für die verfehlte Sozialpolitik in Deutschland.

Illner stellte den Gästen ihrer Sendung die Frage: Lässt die Politik nicht nur die Armen, sondern auch die Helfer im Stich? Bei der Jülicher Tafel ist man sich einig: „Ja“. Die Überforderung nach der Flüchtlingswelle sei überall spürbar, sagt Edelgard Heidelberg, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins. „Angela Merkel hat gesagt: ,Wir schaffen das‘. Die wahre Integrationsarbeit leisten aber die Ehrenamtler und Vereine.“ Heidelberg ärgert es, dass ausgerechnet die Bundeskanzlerin die Essener Tafel kritisiert habe, ohne die Gründe zu hinterfragen. „Bevor man urteilt, sollte man die Fakten kennen.“

Warum die Essener Tafel einen Aufnahme­stopp für Ausländer verhängt hat, erklärte der Vorsitzende des Vereins, Jörg Sartor, in einem Video, das bei Maybritt Illner gezeigt wurde: Es gebe zu viele Ausländer, die sich nicht vernünftig benehmen, sich vordrängeln und schubsen. Eine Mitarbeiterin berichtete zudem von Beleidigungen.

In der Jülicher Tafel habe man Probleme wie diese nur selten. Einmal wurden die Mitarbeiter von einem jungen Ausländer als „Schweine“ beleidigt, danach gab es Hausverbot für ihn. Seit dem Flüchtlingsstrom sei der Ton aber insgesamt ruppiger geworden, sagt Maria Güldenberg, die Vorsitzende der Jülicher Tafel. Dem ein oder anderen mussten vor allem die weiblichen Mitarbeiterinnen erst einmal klar machen, dass Frauen hierzulande den gleichen Stellenwert wie Männer haben.

Anders als derzeit in Essen, darf in Jülich aber jeder die Tafel besuchen. Insgesamt gebe es aktuell etwa 1400 Kunden. Über einen Aufnahmestopp einer bestimmten Personengruppe musste bislang nicht nachgedacht werden, da es keine Lebensmittel-Engpässe gibt. Ausländer pauschal auszuschließen, sei nicht die richtige Lösung, meint Vorstandsmitglied Gerhild Lottner. So argumentierte auch der CDU-Politiker Paul Ziemiak bei Maybritt Illner: Es sei nicht fair, wenn man Bedürftige gleicher Nationalität ausschließe, nur weil sich einer daneben benimmt.

Dennoch betonen die Frauen der Jülicher Tafel auch, dass es nicht selbstverständlich sei, Lebensmittel fast umsonst zu bekommen. „Teilweise mangelt es an Wertschätzung“, sagt Güldenberg. Die Tafel sei keine staatliche Einrichtung, sondern ein privater Verein, der gegründet wurde, um Lebensmittel vor der Vernichtung zu retten, erklärt die Vorsitzende. Mittlerweile seien aber viele Menschen scheinbar der Meinung, sie hätten Anspruch auf das Angebot der Tafel. Teilweise kämen Neukunden bereits mit fertigen Anmeldevordrucken vom Sozialamt zu ihnen. „Wir sind keine Vollversorger“, stellt Güldenberg klar. „Wir geben ein Zubrot, um im Alltag Geld einzusparen.“

Die Politik sei gefragt: „Bürger sollten nicht zur Tafel gehen müssen“, sagt Lottner. Und ganz unabhängig von der Herkunft der Kunden sieht die Vereinsspitze ein weiteres Problem: Es gibt Leute, die das Angebot der Tafel ausnutzen, sagt Güldenberg, und andere, die wirklich Hilfe benötigen.

Wenn Kunden der Tafel mit Smartphones und iPads im Wartebereich sitzen oder mehrere Haustiere halten, ist das für die Vorsitzenden der Tafel ein Indiz dafür, dass in Deutschland einiges falsch läuft. „Woran es wirklich fehlt, ist Selbstverantwortung“, sagt Heidelberg. Daher müsse auch hier die Politik greifen und gerechter verteilen. Benachteiligt sieht Heidelberg vor allem Rentner: „Es darf nicht sein, dass jemand, der sein ganzes Leben gearbeitet hat, auf die Tafel angewiesen ist.“ Damit bringt sie wohl das größte Problem auf den Punkt: Altersarmut.

Leserkommentare

Leserkommentare (3)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert