Jülich - Jülicher Laborbefund sorgt für Wachteleierkrise in der Schweiz

Jülicher Laborbefund sorgt für Wachteleierkrise in der Schweiz

Von: Volker Uerlings
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„Schweizer“ Wachteleier kamen eidgenössischen Journalisten spanisch vor: zu Recht. Sie waren falsch deklariert, wie die Lebensmitteldetektive von Agroisolab herausgefunden haben. Foto: Uerlings
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Gitarren aus zertifiziert angebautem Mahagoni-Holz? Die teuren Instrumente werden vom Team um Markus Boner untersucht.

Jülich. Lebensmittel eigener Herkunft und gutes Essen sind dem Schweizer lieb und teuer. Entsprechend empfindlich reagieren die Eidgenossen auf Unstimmigkeiten oder gar Betrug. Eine aktuelle Wachteleierkrise liefert dafür ein Beispiel. Die immer stärker nachgefragten Produkte sind derzeit nur schwer zu bekommen, weil sie von allen großen Handelsketten in der Alpenrepublik vorläufig aus dem Sortiment genommen worden sind.

Grundlage hierfür sind Laborbefunde der Jülicher Lebensmitteldetektive von Agroisolab. Das Unternehmen hat im Auftrag des Verbrauchermagazins „Kassensturz“ im Schweizer Fernsehen Fehldeklarationen nachgewiesen, die über Jahre erfolgt sein sollen.

Die großen Supermärkte (Migros, Coop, aber auch Lidl) haben Wachteleier eines Produzenten aus dem Kanton Thurgau verkauft, die in Schweizer Bodenhaltung hergestellt worden sein sollen. Tatsächlich aber stammt ein großer Teil aus Spanien – und zudem wohl auch aus Käfighaltung. Die Redaktion von „Kassensturz“ spricht vom „großen Eier-Betrug“, die Behörden prüfen strafrechtliche Ermittlungen gegen den Produzenten, der die Fehldeklarationen inzwischen eingeräumt und bedauert hat. Er habe die große Nachfrage nicht mehr allein decken können, wird er vom TV-Magazin zitiert.

Den Schwindel aufgedeckt hat das Jülicher Labor mit Hilfe des „Fingerabdrucks der Natur“, wie Agroisolab das eigene Verfahren beschreibt. Alle organischen Sub­stanzen enthalten Wasser, dessen schwere Kohlenstoffisotope regional unterschiedlich und damit prüfbar sind. In vier von acht Probepackungen hat das Unternehmen aus der Herzogstadt eindeutig Wachteleier spanischer Herkunft festgestellt, die als Schweizer Produkt deklariert waren.

Geschäftsführer Dr. Markus Boner im Gespräch mit unserer Zeitung: „Das ist Betrug. Inzwischen werden so gut wie keine Wachteleier mehr verkauft, weil sie aus dem Sortiment genommen worden sind. Die Schweizer kaufen sehr qualitätsbewusst ein und zahlen dafür auch mehr. Hier geht es um eine Schweizer Spezialität, die eben zum Teil gar nicht aus der Schweiz stammt.“

Er vergleicht das mit dem „deutschen Spargel“, der sehr früh in der Saison verkauft wird und entsprechend teuer ist, aber gelegentlich deutschen Boden nur auf der Autobahn gesehen hat, weil er aus Griechenland stammt. Agroisolab hat Beispiele hierfür nachgewiesen. „Wir nennen das ,germanisierten Spargel“, sagt Markus Boner.

Das Unternehmen selbst wächst nicht allein im Inland. Boner: „Wir werden mehr und mehr international.“ Jüngster „Spross“ ist ein Ableger in Großbritannien, die Agroisolab UK mit schon sechs Beschäftigten. Nachfrage durch sensible Kunden und sensibilisierten Handel gibt es laut Geschäftsführer auch in den USA und Taiwan.

Die Herkunftsdetektive haben inzwischen auch beim Holz einen Schlag weg, denn die Herkunftsnachweise für diesen Rohstoff sind sehr gefragt. Ein noch junger Auftrag dreht sich um teure Mahagoni-Gitarren, die jeweils über 1000 Euro kosten. Hier will das Handelsunternehmen wissen, ob das verwendete Holz – wie mit dem Lieferanten verabredet – aus zertifiziertem Anbau stammt oder eben doch wild im Urwald eingeschlagen wurde. Das Resultat der Untersuchung steht noch aus.

Ökologisch oder konventionell?

Agroisolab versucht nach Angaben von Dr. Markus Boner zur Zeit, ein weiteres Prüfverfahren aufzubauen, das Etikettenschwindel aufdeckt, den etliche Konsumenten bei „Bioprodukten“ vermuten. Eher „per Zufall“ habe das Unternehmen herausgefunden, dass mit einem Lichtverfahren (Luminiszens/Abstrahlung) die Unterscheidung möglich ist, ob Getreide ökologisch oder konventionell angebaut worden ist. Bislang wurden die Untersuchungen stationär im Labor vorgenommen. Nun arbeitet Agroisolab an der Entwicklung eines Handgerätes, das die Ergebnisse gleich auf dem Feld liefert.

Auch diese Entwicklung ist eine Dienstleistung, die das Jülicher Unternehmen wie bei den Wasserisotopen nur anbieten kann, weil es über Datensätze aus allen Regionen und Ländern verfügt, die über Jahre aufgebaut worden sind. Deshalb sagt Markus Boner über sein Unternehmen auch: „Agroisolab arbeitet auf dem Gebiet des Wissensmanagements.“

Die Datenbank half eben nicht nur dabei, die „Schweizer“ Wachteleier als Kuckucksprodukte zu identifizieren, die keinen einheimischen Fingerabdruck aufwiesen, sondern lieferte gleich auch den Hinweis darauf, dass hier den eidgenössischen Journalisten zu Recht etwas „spanisch“ vorkam.

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