Jülich - Jülicher Forscher: Den Klimawandel ohne Leidensdruck stoppen

Jülicher Forscher: Den Klimawandel ohne Leidensdruck stoppen

Von: Guido Jansen
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Prof. Andreas Wahner präsentiert ein Modell von Helo, einem Forschungsflugzeug, das im Auftrag aller führenden Klimaforschungseinrichtungen in Deutschland Messflüge absolviert. Foto: Guido Jansen

Jülich. Die Weltklimakonferenz in Paris hat sich vertagt. Heute nun sollen die Vertreter von 196 Staaten ein Abkommen unterzeichnen, in dem festgelegt wird, wie die fortschreitende Erderwärmung gebremst werden soll.

Prof. Andreas Wahner ist der Direktor des Instituts für Energie- und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich. Die Zahl, die im Abkommen vermutlich als Zielvorgabe festgehalten wird, bewertet Wahner positiv. Das Klima auf der Welt soll sich bis zum Jahr 2100 schlimmstenfalls um 1,5 Grad erhöhen. Vor dem Komma steht keine Zwei und keine Drei. „Es besteht die Hoffnung, dass die Vorgabe 1,5 Grad eine Art Initialzündung ist, dafür, dass nicht mehr so in Kohlekraftwerke investiert wird wie bisher“, sagt Wahner. Denn aus Sicht des Jülicher Forschers steht fest, dass das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels mit Kohlekraftwerken nicht möglich ist. „Das ist aus wissenschaftlicher Sicht mit Kohlekraftwerken beinahe nicht mehr möglich. Dann bräuchten wir irgendwelche negativen Emissionen“, erklärt Wahner. Also Verfahren, die Kohlenstoffdioxid (CO2) und andere Treibgase in der Atmosphäre abbauen. Bisher gibt es eine solche Technik auf dem Markt nicht. Und wenn es sie gäbe, wäre sie sehr teuer. Sollen die 1,5 Grad erreicht werden, ist dauerhaft kein Platz mehr für Kohlekraftwerke.

Um die Sorgen zu mindern, die gerade im rheinischen Revier vor dem möglicherweise vorzeitigen Aus der Braunkohle umgeht, sagt Wahner, dass Deutschland mit Blick auf die Klimaziele „gut auf Kurs liegt“. Eine Verschärfung ist nicht notwendig, bewertet Wahner. Trotzdem sieht Wahner das mögliche neue Klimaschutzabkommen auch als problematisch an. Denn zum einen seien weltweit derzeit 2440 neue Kohlekraftwerke geplant. Und alleine deren Ausstoß würde schon 20 Prozent der Emissionen bedeuten, die noch zulässig sind, wenn das Ziel 2100 erreicht werden soll.

Die bestehenden Kraftwerke, der Straßenverkehr und alle Küchen dieser Welt sind da noch nicht eingerechnet. Zum anderen enthält das Abkommen eine juristische Feinheit. Übersetzt wird direkt zu Beginn nicht stehen, dass die Nationen sich verpflichten, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Sie erklären vermutlich nur, dass sie es wollen. Eine Absichtserklärung, von der entweder die von Wahner erhoffte Initialzündung ausgehen, die aber genau so auch zu einem Papiertiger verkommen kann.

Wünschenswert für Paris wäre aus Wahners Sicht gewesen, wenn die Vereinbarung verbindlich gewesen wäre, nicht nur mit Blick auf das Ziel, sondern auch auf den Weg, wie das Ziel erreicht werden soll, beispielsweise mit dem Auslaufen von Kohlekraftwerken und einem Forcieren der Elektromobilität. Auch müsste Schwellenländern mit einem hohen Energiebedarf – Indien ist ein Beispiel – gezeigt werden, wie sie die Energiewende schaffen können. „Je später man anfängt, an der Wende zu arbeiten, desto weniger Zeit bleibt, die Ziele zu erreichen. Und desto teurer werden diese Ziele dann auch“, sagt Wahner.

Dass es in Ländern mit großem Entwicklungspotenzial und hohem Energiebedarf möglich ist, ambitionierte Ziele zu erreichen, das hat Wahner im Zuge seiner Forschungen in China gesehen. Er gehörte zu den Experten, die vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking begutachtet haben, warum die Luft in der Region so stark verschmutzt war. Zum bekannten Problem des Straßenverkehrs ermittelte das Team um Wahner noch ein weiteres: die Kochgewohnheiten von 30 Millionen Menschen im Großraum Peking. Die temporäre Abhilfe damals war einfach. Stark luftverschmutzende Industrien wurden geschlossen und an anderer Stelle mit neuen Nachreinigungssystemen wieder aufgebaut. Und viele Menschen rund um Peking sind während der Spiele in Urlaub oder zu Verwandten gefahren. Die Zahl der Kochstellen wurde so reduziert.

Peking bleibt eine Problemzone in Sachen Luftverschmutzung. Deswegen fliegt ein Jülicher Team um Wahner direkt nach dem Weihnachtsfest wieder nach Peking. Diesmal untersuchen sie die Selbstreinigungskraft der Atmosphäre und stellen einen Vergleich zwischen städtischem und ländlichem Bereich an. Unter anderem beobachten sie Nebenprodukte bei der Selbstreinigung, beispielsweise Ozon oder organischen Feinstaub, die als Abbauprodukte selbst zu einem Problem werden können.

Als nachhaltigen Erfolg wertet Wahner die Ergebnisse der Jülicher Arbeit in einer anderen Metropolregion Chinas, dem Delta des Perlenflusses, in dem mehrere Millionenstädte liegen. Seit dort geforscht wurde und die Ergebnisse der Forschung umgesetzt werden, gehöre die Region zu den Gegenden mit den moderatesten Reduktionszielen in China. Diese Ziele schreibt der Staat alle zwei Jahre neu vor. So hat Wahner beobachtet, dass innerhalb weniger Monate fast alle Zweitakt-Motorroller verschwunden waren und die Menschen stattdessen mit Elektrorollern unterwegs waren.

„Ein Student hat mir dann erklärt, dass die Zweitakter verboten worden sind und dass sie beschlagnahmt worden wären, wenn man sie weiter benutzt hätte. Die Menschen mussten umsteigen“, schildert Wahner den hohen Leidensdruck, den die Folgen der Umweltverschmutzung aufgebaut haben. Klimaschutz groß zu schreiben auch ohne unmittelbaren Leidensdruck zu spüren ergibt also Sinn. Ob das Paris-Abkommen diese Wirkung entfaltet, kann nur die Zukunft zeigen.

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