Jülicher Brandbrief sorgt für landesweite Neuregelung

Von: Guido Jansen
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Der Hilferuf wurde gehört. Schüler, Freiwillige, Eltern und Lehrer der Selgersdorfer Stephanus-Schule bedanken sich mit einem Kettenbrief bei Thomas Rachel. Foto: Guido Jansen

Jülich. Angefangen hat alles als Hilferuf aus Jülich. Jetzt schallt das Ergebnis durch das ganze Land. Weil die Schüler der Förderschule in Selgersdorf einen Brief an den Bundestagsabgeordneten Thomas Rachel geschrieben haben, hat das Bundes-Familienministerium eine wichtige Entscheidung gefällt.

Förderschulen haben jetzt höchste Priorität beim Verteilen der Bundesfreiwilligen-Stellen.

Der Reihe nach: Seit Anfang des Jahres gibt es keinen Zivildienst mehr. An dessen Stelle tritt der Bundesfreiwilligendienst. Der Name sagt es: Menschen können sich dazu verpflichten, freiwillig fünf Tage pro Woche zu helfen, wo Not am Mann ist. Auch den 70.000 Zivi-Stellen sind 35.000 BFD-Stellen geworden. Weniger also.

Für die Einrichtungen, die auf die Arbeit von BFDlern angewiesen sind, bedeutet, dass sie jede Stelle neu beantragen müssen. Das dauert und ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Für die Stephanus-Schule, die dringend so viele helfende Hände braucht wie zu Zeiten des Zivildienstes, nämlich mindestens 15 Paar, war das ein Problem. 174 Schüler brauchen Hilfe, sei es beim Umblättern einer Seite, beim Essen oder dem Gang zur Toilette. „Wir mussten bisher jede BFD-Stelle, die bei uns ausläuft, wieder neu beantragen”, erzählt Rektor Dieter Joußen von der Situation bisher.

Die Gefahr, dass die Schule auf Dauer nicht so viele BFDler finden könnte wie nötig, war da. Denn im Stellenplan waren keine neuen Plätze vorgesehen. Und deswegen haben die Schüler einen Hilferuf losgelassen, indem sie einen gemalten Brief an Thomas Rachel geschickt haben. In diesem haben sie mit einer Zeichnung zum Ausdruck gebracht, dass es brennt. Die Elternpflegschaft aus Selgersdorf hat sich mit der Christopherus-Schule Düren zusammengetan und ebenfalls einen Brief an Rachel geschrieben, mit dem sie zum Ausdruck brachten, dass die Versorgung der körperlich und geistig behinderten Kinder in Gefahr sei. „Ich habe erkannt, dass hier Not am Mann ist”, sagte Rachel jetzt bei einem Besuch in Selgersdorf.

Der Staatssekretär im Forschungsministerium hat seinen Amtskollegen im Familienministerium, Herman Kues, auf dem kurzen Dienstweg auf den Hilferuf aufmerksam gemacht. „Wir sitzen im Bundestag häufiger nur ein paar Plätze voneinander entfernt.”

Rachels Eingabe hat unmittelbar Konsequenzen gehabt. Das Familienministerium legte fest, dass Förderschulen flächendeckend eine hohe Priorität beim Verteilen der BFD-Stellen erhalten. Die Stellen verfallen jetzt nicht mehr wie bisher nach dem Ende der Dienstzeit eines Freiwilligen. Stattdessen haben Joußen und die stellvertretende Schulleiterin Angela Riemekasten jetzt die Möglichkeit, die Stellen selbst neu zu besetzen. Die Bewerber sind da. „Im Moment suchen wir vielleicht noch zwei bis drei Leute”, so Riemekasten.

Noch erstaunter waren die Schüler, Lehrer und Eltern der Schule allerdings ob der geringen Zeit, die seit ihrem Hilferuf vergangen war. „Damit haben wir nicht gerechnet”, sagte Tanja Sodekamp, die Vorsitzende der Elternpflegschaft. „Die Schüler haben ihrem Anliegen mit den Zeichnungen ordentlich Nachdruck verliehen. Außerdem bedeutet die Sommerpause ja nicht, dass in Berlin gar nichts passiert.” Als Dank für seinen Einsatz erhielt Rachel eine Sonnenblume und einen langen Kettenbrief, auf dessen Seiten die Schüler gemalt und unterschrieben haben.

Der Bundesfreiwilligendienst kommt für Frauen und Männer jeden Alters in Frage. Er bedeutet eine Bindung von mindestens sechs Monaten und den Arbeitsumfang einer Vollzeitstelle. Die Entlohnung beträgt maximal 330 Euro pro Monat.

Unter Umständen kann er für diejenigen, die keinen Studienplatz gefunden haben, als Wartesemester oder sogar als Praktikum angerechnet werden. „Für uns ist wichtig, dass die Freiwilligen Offenheit, Teamfähigkeit und Zuverlässigkeit mitbringen”, sagte Riemekasten, die bestätigte, dass die Selgersdorfer Förderschule mit den Freiwilligen bisher gute Erfahrungen gemacht habe.
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