Jülicher Beratungsstelle sieht Köln als Spitze des Eisbergs

Von: Daniela Mengel-Driefert
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Frauen helfen Frauen in Jülich: Diplom-Sozialpädagogin Sabrina Dicken (v.l.), Diplom-Psychologin Dagmar Ahrens und Diplom-Sozialarbeiterin Maria Brenner unterstützen Frauen und Mädchen in Problem-und Krisensituationen jeglicher Art. Die Beratung ist kostenfrei. Foto: Mengel-Driefert

Jülich. Sexuelle Gewalt in der Silvesternacht – diese Meldung habt das Land erschüttert. Die Frage wird laut, wie sich Frauen vor sexuellen Übergriffen schützen können? Sabrina Dicken von der Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“ in Jülich ist vorsichtig, wenn es um Ratschläge geht.

Eine Armlänge Abstand halten, wie es die Oberbürgermeisterin von Köln vorgeschlagen hat, impliziere, dass die Opfer etwas mit der Tat zu tun haben. Das sei falsch. Die Täter haben die Verantwortung für das, was sie tun. Sich anders anzuziehen oder nicht mehr feiern zu gehen, sei auch keine Lösung. Klar ist, dass die Frauen in Köln sich nicht schützen konnten.

„Wichtig ist, aufmerksam zu sein“, sagt Maria Brenner, Diplom-Sozialarbeiterin in der Beratungsstelle. „Bei Auffälligkeiten ist es gut, die Polizei hinzurufen.“ Hilfreich sei es auch, in einer Gruppe unterwegs zu sein und aufeinander zu achten. Von Pfefferspray halten die Beraterinnen nichts. Wer das nicht richtig handhabe, verletze sich selbst. Besser sei ein Selbstverteidigungskurs. Geeignet sei „WenDo – Der Weg zu mehr Selbstsicherheit für Frauen und Mädchen“.

Gerade um Karneval

Was in der Silvesternacht passiert ist, schockiert Sabrina Dicken. Andererseits ist es ein Thema, das in der Beratungsstelle alltäglich auftrete. „Gerade um Karneval haben wir damit zu tun.“ Sexualisierte Gewalt passiere hinter verschlossenen Türen, aber auch an offenen Plätzen, mal dort, mal dort, erklärt Dicken.

Die Statistik von 2014 zeigt deutlich, in welchem Umfang Gewalt im gesamten Kreisgebiet stattfindet: 349 Frauen und Mädchen suchten die Beratungsstelle in Jülich auf. Davon hatten 218 Mädchen und Frauen Gewalterlebnisse hinter sich. 132 wünschten Beratung nach sexualisierter Gewalt.

„Für mich ist das Maß an Gewalt, das hier sowieso passiert, herausragend“, sagt Dicken. „Wir hören da zum Teil schreckliche Sachen. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Köln ist die Spitze eines Eisberges, was Gewalt gegen Frauen angeht.“

Was kann eine Frau tun, wenn sie Opfer von sexualisierter Gewalt wurde? Hilfe bietet die Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“. Sinnvoll sei, den Fall bei der Polizei anzuzeigen. Darüber entscheidet allerdings die Frau. Sabrina Dicken fordert, dass das Sexualrecht verschärft wird.

Denn noch ist es so, dass Frauen sich bei sexuellen Übergriffen körperlich wehren müssen, ein Nein nicht ausreicht. Eine Schockstarre in einer sehr bedrohlichen Situation sei jedoch eine menschliche Reaktion, erklärt Brenner. Derzeit sinke seit Jahren die Verurteilungsquote für angezeigte Vergewaltigungen. 2012 wurden nur 8,4 Prozent der vermeintlichen Sexualstraftäter verurteilt, besagen Angaben des Bundesamtes für Justiz.

Eine gute Möglichkeit, den Täter zu überführen, ist die direkte Spurensicherung. Das ist auch anonym möglich, damit die Frau Zeit hat, zu überlegen, ob sie die Tat zur Anzeige bringen und ein Strafverfahren durchzustehen kann und möchte. In diesem Fall kann sie sich an die Krankenhäuser in Jülich oder Düren wenden.

Sucht eine Frau Hilfe in der Beratungsstelle, versichern sich die Beraterinnen zunächst, ob sie in Sicherheit ist. Nach häuslicher Gewalt ist das nicht unbedingt der Fall. Anschließend setzen sie darauf, die Frau zu stabilisieren, ihre Stärken und Fähigkeiten auszubauen. Sie zeigen ihnen Wege auf, sich selbst zu beruhigen. Dabei helfen konkrete Übungen und Strategien, um die eigenen Ressourcen wieder wahrzunehmen und sich selbstwirksam zu erleben.

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