Jülich: Verwirrung über Reaktor-Kosten

Von: Ralph Allgaier
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Jülich. Viel Lärm um nichts? Das Bundesforschungsministerium (BMBF) hat am Donnerstag bestritten, dass es beim Rückbau des früheren Kernforschungsreaktors in Jülich eine massive Steigerung der Kosten gibt.

Der Dürener Bundestagsabgeordnete der Grünen, Oliver Krischer, hatte diese Schlussfolgerung nach Erhalt einer Antwort aus dem Ministerium auf eine Kleine Anfrage seiner Fraktion zu diesem Thema gezogen.

Krischer errechnete einen zusätzlich Kostenbedarf von 213 Millionen Euro, in dem er die vom Bundesforschungsministerium genannten Rückbaukosten von 612 Millionen Euro mit der im Jahr 2006 von der NRW-Landesregierung erstellten Kalkulation verglich.

Christian Herbst, BMBF-Pressesprecher, sagt demgegenüber: „Es gibt seit einer Projektkostenschätzung aus dem Jahr 2007 keine Kostensteigerung.” Die Grünen hätten offenbar „Äpfel mit Birnen verglichen” und übersehen, dass zum Finanzbedarf für den eigentlichen Reaktorrückbau noch das Geld für die Entsorgung von radioaktiven Abfällen aus dem Reaktor in Höhe von 120 Millionen Euro aufgebracht werden müsse.

Krischer hatte diese Kosten allerdings mit Hinweis auf frühere Angaben der Bundesregierung in seine Berechnungen mit einbezogen, ebenso Vorauszahlungen für ein Atomendlager in Höhe von 48 Millionen Euro. Aus seiner Sicht sind die aktuell genannten Zahlen der Bundesregierung daher nicht nachvollziehbar.

Die Verwirrung über die Entwicklung der Kosten bleibt auch nach einem Anruf im NRW-Innovationsministerium bestehen. Eine Sprecherin erklärt, sie sehe „keine Notwendigkeit, zu dem Thema Stellung zu nehmen, weil der Bund der richtige Ansprechpartner ist.” Und dies obwohl das Land am Großteil der Kosten mit immerhin 30 Prozent beteiligt ist. Aber auch Herbert Hollmann, Kaufmännischer Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH, die den Rückbau durchzieht, weiß von einer ungewöhnlichen Kostenentwicklung nichts. Außer der üblichen Preissteigerungsrate verlaufe das Großprojekt nach Plan. „Da müssen die Grünen etwas fehlinterpretiert haben.”

Wie dem auch sei: Das bereits seit 1988 abgeschaltete Kernkraftwerk AVR (Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor) Jülich wird in den nächsten Jahren noch häufiger für Gesprächsstoff sorgen. Nach den aktuellen Planungen wird der ehemalige Reaktorbehälter 2011 in einem laut Krischer „weltweit bislang einmaligen Verfahren” um 200 Meter versetzt und in eine neue Zwischenlagerhalle manövriert.

Zu diesem Zweck muss der 2100 Tonnen schwere Behälter mit sieben Kränen und einem Luftkissentransportschlitten bewegt werden. Am neuen Standort soll er voraussichtlich 60 Jahre stehenbleiben, um anschließend von Robotern zerlegt und in ein Endlager überführt zu werden.

Störfall im Jahr 1978

Das aufwendige Prozedere ist erforderlich, weil das Erdreich unter dem Reaktor radioaktiv kontaminiert ist. Um den Schaden in Grenzen zu halten, ist eine Sanierung dieses Bereichs unumgänglich. Die Verseuchung geht auf einen Störfall aus dem Jahr 1978 zurück, als durch ein Problem am Dampferzeuger Strontium-90 den Boden kontaminierte.

Teuer für den Steuerzahler sind auch rund 300.000 verbrauchte Brennelementekugeln, die in 152 Castor-Behältern in einem Zwischenlager des Jülicher Geländes aufbewahrt werden.

Diese Castor-Behälter müssen demnächst in das Atom-Zwischenlager in Ahaus verlegt werden, da es für deren Deponierung in Jülich nur bis 2013 eine Genehmigung gibt. „Es ist schon erstaunlich, welcher Aufwand durch einen solchen Mini-Reaktor mit ehemals 15 Megawatt elektrischer Leistung entstanden ist”, empört sich der Grüne Krischer.

Technologie wurde in Jülich entwickelt

Von 1967 bis 1988 war das Jülicher Kernkraftwerk in Betrieb und der erste deutsche Hochtemperaturreaktor. Der basierte auf den in den 50er Jahren von Rudolf Schulten in Jülich entwickelten Ideen für einen Kugelhaufenreaktor.

Charakteristisch ist die Verwendung von Brennelementen in Form von Graphitkugeln, in die beschichtete Teilchen als Kernbrennstoff eingepresst werden. Die Brennelemente werden zu einem Haufen aufgeschüttet und von dort, nachdem sie ausgebrannt sind, wieder herausgezogen. In Jülich wurden während der gesamten Betriebszeit rund 1,7 Millionen Kilowattstunden Strom produziert.
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