Jülich - Jülich 2030: Vergreist, geschrumpft und „Multikulti”

Jülich 2030: Vergreist, geschrumpft und „Multikulti”

Von: Volker Uerlings
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Uber 100 Seiten stark ist der erste Demografie- und Sozialbericht der Stadt Jülich, den Christoph Tober (rechts) zusammengestellt hat. Nicht nur Dezernentin Katarina Esser und Bürgermeister Heinrich Stommel ist er künftig eine wichtige Entscheidungshilfe. Foto: Uerlings

Jülich. Kaum eine Diskussionsrunde kommt drumherum: Irgendwann ist sicher einmal die Rede vom „demografischen Wandel”. Frei übersetzt: Wir werden weniger, und wir werden älter, weil die Lebenserwartung steigt und die Zahl der Todesfälle höher ist als die der Geburten.

Es ist sicher keine Überraschung, dass das auch in der Stadt Jülich genau so kommen wird. In welcher Geschwindigkeit aber die Herzogstadt schrumpfen könnte, ist überraschend: 14,5 Prozent oder fast 4800 Einwohner weniger in 20 Jahren. Das ist die Prognose des „1. Demografie- und Sozialberichtes”, der über mehr als zwei Jahre im Rathaus erstellt worden ist. Der Vorhersage liegt zugrunde: Niemand wandert zu, und die Geburtenrate bleibt gleich.

Der Rapport und seine Ergebnisse sind dabei keineswegs als Aufschrei „Hilfe, wir sterben aus” zu verstehen. Auf über 100 Seiten hat der eigens dafür eingestellte Christoph Tober alles an Zahlen zusammengetragen, was verfügbar war. Die Ergebnisse des Berichtes sind als Entscheidungshilfen zu verstehen, die heute schon nützlich sein können.

Abseits von Wahlversprechen und taktischen Entscheidungen der Kommunalpolitik liefern die nüchternen Berechnungen wichtige Inhalte: Wo gibt es besonders viele Eltern mit Kindern und junge Einwohner? Die Antwort: In Güsten, gefolgt von Welldorf. Hier in Schulen und Kindergärten mehr zu investieren, könnte sinnvoller sein als andernorts.

Die Alten-„Zentren”

Wo genau leben besonders viele ältere Menschen? Das sind die Kernstadt, Lich-Steinstraß sowie die Bereiche Barmen-Merzenhausen sowie Kirchberg-Bourheim. Geht es um die Schaffung von altersgerechtem Wohnraum und/oder Pflegeplätzen, wären in diesen Stadtteilen Investitionen vermutlich kein Fehler.

Andererseits deutet eine wachsende „Überalterung” auch auf Probleme für Schul- und Kindergartenstandorte hin, weil der Nachwuchs ausgeht. Die Politik hätte also die Chance, gegenzusteuern (mit Neubaugebieten für Familien). Bis hin zum Sport- und Spielplatzbau oder bei der Verkehrswegeplanung lassen sich die Statistiken zu Rate ziehen.

Bürgermeister Heinrich Stommel und Dezernentin Katarina Esser warnen freilich davor, den Bericht zu dogmatisch zu betrachten. Denn letzte Sicherheit bieten die Zahlen nicht. Katarina Esser kommentiert lakonisch: „Was wir sicher wissen, ist, wer heute geboren ist.” Die Unwägbarkeiten lassen sich am Beispiel der Bevölkerungsentwicklung belegen. Neben der eigenen Berechnung liegen zwei weitere Prognosen vor - von den Statistikern des Landes (IT NRW) und der Bertelsmann-Stiftung. Wenig überraschend kommen alle zu einem anderen Ergebnis.

Nur in einer Aussage sind sie deckungsgleich: Alle sehen sinkende Einwohnerzahlen, wenn auch in einer großen Bandbreite. IT NRW prophezeit, dass 2030 im Stadtgebiet 30.430 Menschen leben werden, die Bertelsmann-Stiftung geht von 32.114 Einwohnern aus. Der Autor des Demografieberichtes weiß, dass er den schlimmsten anzunehmenden Fall (worst case) mit 28250 Bürgern vorhersagt, sieht ihn aber „im Bereich des Möglichen”.

Eine große Unbekannte im Bericht ist die Quote der „Wanderungen”, die gewissen Trends unterliegt (vom Land zur Stadt und zurück). Hier sieht Dezernentin Esser einen Punkt „mit Packan”: „Das wäre der Ansatz, an dem wir Weichen stellen können.” Die Fachfrau denkt dabei an die Schaffung einer guten Infrastruktur, die Menschen aus der Region dazu bewegt, sich in Jülich niederzulassen.

Das sieht auch der Bürgermeister so: „Attraktivität ist sehr wichtig!” Er betrachtet die Landesgartenschau mit den Investitionen des „Programms ´98” vor diesem Hintergrund, dem weitere zum Teil privater Art gefolgt sind (Galeria Juliacum).

Auf einem Feld ist Jülich einigermaßen weit: Die Stadt hat sich seit Jahren der Seniorenfreundlichkeit verschrieben und Projekte angestoßen. Wie nötig das ist und bleibt, belegt der Demografiebericht ebenfalls. 2009 machten die Senioren (65 Jahre aufwärts) etwa 21 Prozent der Jülicher Bevölkerung aus. Bis 2030 steigt ihr Anteil auf 31 Prozent und mit ihm die Anforderungen an die Infrastruktur. Grundsätzlich gibt es in der Herzogstadt damit auch einen steigenden Bedarf zur Schaffung und Stärkung sozialer Netzwerke (Nachbarschaftshilfe beim Einkauf/Senioren helfen Senioren).

Jülich wird aber auch „bunter”, prophezeit der Bericht und meint das Miteinander verschiedener Kulturen. Wer hätte gewusst, dass die größte ausländische Gruppe inzwischen die Chinesen sind. Mit 374 Menschen stellen sie ein Achtel aller in Jülich lebenden Ausländer, gefolgt von Türken (238) und Russen (178).

Verglichen mit dem Kreis und dem Land ist der Ausländeranteil in der Herzogstadt unterdurchschnittlich - er liegt bei 9 Prozent (2982 aus 104 Ländern). Zählt man die Einwohner mit mehreren Staatsbürgerschaften hinzu, ergibt das 4418 Menschen mit Migrationshintergrund. Das entspricht jedem siebten Jülicher. Auch dieses Verhältnis dürfte sich verändern, wenn die Politik verstärkte Zuwanderung anstrebt. Dann gäbe es noch mehr „Multikulti”.
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