„Irres ist menschlich“: Réné Steinberg lotet den „Faktor Mensch“ aus

Von: ptj
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Als rechte Hand des Entertainers entpuppt sich der Jülicher Lokalpolitiker Jürgen Laufs (l.) als durchaus talentiert. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Zehn Minuten lachen verbraucht 50 Kalorien“, verkündete eine weibliche Animationsstimme im voll besetzten Saal des Kulturbahnhofs, bevor die Zuhörer in den Genuss eines Programms mit „Lach-dich-schlank“-Garantie kamen. „Irres ist menschlich“ heißt das „relativ frische neue Programm“ von Réné Steinberg, Insidern bekannt aus dem WDR 2 Kabarett.

Den „Faktor Mensch“, seine Interaktionen und gelegentlich segensreichen Fehlerquellen auszuloten, war Thema des selbstironischen Kabaretts. Das setzte Steinberg mit fabelhaften Geräusch- und Stimmenimitationen und gekonnter Pantomime mit einer Prise Slapstick um – und einer Botschaft, die sich als roter Faden durchs Programm zog.

„Wir Menschen sind nicht vernunftbegabt, wir sind von körperlichen Bedingtheiten gesteuert“, stellte der BVB-Fan heraus. Nur so können „so viele heißblütige Testosteron-Bunker jetzt plötzlich an die Macht kommen, nur nicht in Frankreich“, bedauerte er und erntete ein verständnisvolles „Oooch“ aus dem Publikum. Steinberg-Fans schätzen nämlich seine Parodie-Vorliebe von Nicolas Sarkozy nach Louis de Funes-Manier, die er im Anschluss zum Besten gab.

Als erster Sketchpartner auf der Bühne diente ihm dabei der Jülicher Lokalpolitiker Jürgen Laufs, der sich als durchaus talentiert entpuppte. Die „affektgeleiteten Menschen“ im Publikum stellten währenddessen anschaulich unter Beweis, dass „Lachen das schönste der menschlichen Affekte“ ist – neben der Empathie.

Als „komplett irre“ bezeichnete Steinberg den neuen Begriff „postfaktisch“, nach dessen Bedeutung die gefühlte Wahrheit von immer mehr Menschen mit den Fakten nicht übereinstimme, die Fakten also schlicht falsch seien, auch in der Politik: „Nur so konnte Trump Präsident werden.“ Nur die Stimmung zählt. Und wie ist die Stimmung „da draußen“? Aggressiv, „die Menschlichkeit geht flöten“. Das beste Beispiel dafür las der Kabarettist neulich unter einem Graffiti mit der Aufschrift: „Küssen ist die schönste Art, jemanden zum Schweigen zu bringen.“ Allerdings kritzelte jemand darunter: „Ein Schlag in die Fresse tut et aber auch.“

Im nächsten analysierten menschlichen Faktor „Rudeldenken“ klärte Steinberg zunächst die Zusammenhänge zwischen „Liebe und Doofheit“, dann die Meinungsmache durch diffuse Ängste, denn: „Doofe haben neue Kanäle. Was früher am Stammtisch blieb, tauschen sie heute bundesweit aus.“ Mit Sorge sieht Steinberg auch die zunehmende „Pervertierung des Essens“ und motivierte das Publikum zu einem „Glaubensbekenntnis für das Mettbrötchen“.

Zwei weitere gelungene Beispiele gelebter Interaktion wurden mit Aktiven aus dem Publikum umgesetzt. So empfand Steinberg die Lebensgeschichte des Düreners „Dieter“ nach, der dessen Fragen mit vorwärts oder rückwärts gewandten Schritten auf der Bühne beantwortete. Ferner stellte das Publikum seine „Kollektivpower“ unter Beweis, indem es „stakkatoartig“ Politikern zujubelte, die „einfach mal mehr in Schutz genommen werden müssen“. Steinberg instruierte sein Publikum, das „Peinlichsein als pädagogische Maßnahme“ in Betracht zu beziehen und plädierte für „das rheinische Grundgesetz als Kulturgut“.

In Mick Jagger-Manier

In seiner musikalischen Parodie-Zugabe drehte er noch mal richtig auf. Gekonnt imitierte er die Bewegungsabläufe diverser Stars und resümierte in Mick Jagger-Manier „I can get more Nettishfaction“. Wenn der Kabarettist auch keine Lösungen parat hat, ruft er doch dazu auf, „wenigstens an der Stimmung zu arbeiten“.

Natürlich erntete Steinberg die eingangs gewünschte „wilde Euphorie beim Schlussapplaus“ seines begeisterten Publikums. Abschließend sammelte er für die „Neven-Subotic-Stiftung“, die Kindern in den ärmsten Regionen der Welt eine bessere Zukunft ermöglichen will.

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