Interview mit Melanie Raabe: „Gelesen werden, ist total toll“

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Melanie Raabe ist immer noch ein wenig erstaunt über den Erfolg ihres Thrillers „Die Falle“. Foto: Broderius

Jülich. Aufgewachsen in Jena/Thüringen und nach dem Mauerfall in Wiehl in Nordrhein-Westfalen studierte Melanie Raabe Medienwissenschaft und Literatur in Bochum und lebt zurzeit in Köln. Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin spielt sie Theater, verfasst selbst Theaterstücke und ist auch noch Bloggerin.

Sie bloggt vor allem über Begegnungen mit Menschen. Mit Melanie Raabe sprach unsere Mitarbeiterin Laura Broderius.

Sie haben sehr plötzlichen Erfolg gehabt – erst den Kurzgeschichtenpreis 2011, dann der Vertrag mit btb. Haben Sie da schon im Gefühl gehabt, dass Sie mit ihrem Debütthriller „Die Falle“ den Durchbruch schaffen würden?

Raabe: Nein, überhaupt nicht. Ich habe ja vorher schon vier komplette Manuskripte geschrieben, „Die Falle“ war ja schon mein fünfter Roman. Natürlich habe ich nach zehn Jahren Arbeit, als ich dann endlich den Vertrag hatte, gemerkt: Da passiert jetzt was. Aber ich war schon verwundert, dass es bei einem relativ großen Verlag geklappt hat. Eigentlich hätte es bei mir klingeln müssen, dass ich sogar ein Angebot über zwei Bücher bekommen habe. Aber mir steckten einfach diese zehn Jahre Absagen über Absagen so in den Knochen, dass ich nicht mehr dieses Selbstbild hatte, dass ich noch ein Riesenerfolg haben werde. Aber wenn man es nicht erwartet, dann ist es super, dann kann man ja nur positiv überrascht werden.

Also ist der Erfolg das Ergebnis jahrelanger Erfahrung oder Glück?

Raabe: Eine Mischung von beidem. Natürlich ist es hilfreich, viel zu machen, immer wieder zu schleifen, viel zu lesen, aber ohne ein Quäntchen Glück funktioniert es nicht. Es gibt ganz viele brillante Autoren, die noch keinen Verlag haben und vielleicht auch nie einen finden werden, weil sie eben nicht genau im richtigen Moment zur richtigen Person gelangen. Es gibt halt auch mehr tolle Autoren als Programmplätze bei Verlagen.

Was würden sie denn als Ihr Markenzeichen bezeichnen, das die Leute am meisten dazu gebracht hat, ihre Bücher zu lesen?

Raabe: Ich glaube, das ist die Tatsache, dass ich eine Thriller-Autorin bin, die nicht vom Thriller kommt. Dass ich Spannung schreibe ohne Gewalt, fast ohne Blut. Dass mir die Figuren wichtiger sind als ein bestimmtes Verbrechen, und dass ich mich für Psychologie interessiere und über meinen Büchern immer ein großes Rätsel schwebt, hinter das man gerne kommen möchte. Ich arbeite gern mit unzuverlässigen Erzählerinnen, was für Leser ein interessantes Stilmittel ist, wenn sie am Anfang nahe bei der Ich-Erzählerin sind und dann merken, dass sie ihnen nicht immer die Wahrheit erzählt. und dann nicht mehr wissen, wem sie glauben sollen. Es sind einfach diese Psychospielchen, die meine Leser mögen.

Gibt es denn überhaupt die Wahrheit?

Raabe: Jein. Davon handelt dieses Buch, davon handelt auch im Grunde ein bisschen „Die Falle“. Ich glaube, dass es sehr schwer ist, eine wirklich objektive Wahrheit zu ermitteln. Man kann natürlich eine juristische Wahrheit ermitteln, und jeder hat seine subjektive Wahrheit, aber wenn man fünf Leute in eine Situation steckt, dann erzählen die zehn Jahre später etwas komplett anderes, eigentlich auch schon zehn Minuten später. Irgendwer hat mal gesagt „Wir sehen die Welt nicht so, wie sie ist, sondern wie wir sind.“ Und daran glaube ich total. Und davon handelt auch „Die Wahrheit“.

Sie haben sich ja auch mit Journalismus über Wasser gehalten und waren schauspielerisch unterwegs. War das ihre primäre Berufstätigkeit und das Schreiben lief nebenbei in der Hoffnung, dass daraus was wird? Oder war es umgekehrt?

Raabe: Das Schreiben war mir definitiv das Wichtigste. Ich habe in meinen anderen Jobs auch nur so viel gemacht, wie ich brauchte, um gut überleben zu können. Aber ich habe nicht versucht, aufzusteigen oder eine Redakteursstelle zu kriegen. Die Zeit für das Schreiben habe ich dann immer morgens abgezwackt. Wenn es länger nicht geklappt hätte, hätte es sich vielleicht auch wieder umgekehrt.

Wie sehr hat der Erfolg ihr Leben verändert?

Raabe: Sehr. Ich kann jetzt wirklich vom Schreiben leben. Das konnte ich von einem Tag auf den anderen. Eigentlich muss ich gerade gar nichts, weil ich nur noch Dinge mache, die ich gerne mache. Ich bin auf Lesereise, ich schreib mein nächstes Buch, ich gebe Interviews, und das ist es eigentlich. Klar, hat man Nebenprojekte, aber das ist schon eine große Veränderung, dass man wirklich eine komplette Woche zum Schreiben hat. Gelesen zu werden, ist auch eine großartige Veränderung. Es war für mich gar nicht so schmerzhaft, keinen Erfolg zu haben, aber immer über Jahre hinweg was zu produzieren und hart dran zu arbeiten, zu feilen und zu schleifen, und dann so gespannt zu sein, was die Leser sagen werden – und dann liest es keiner. Das war für mich viel schlimmer. Gelesen werden und Feedback bekommen, das ist total toll.

Wenn man eine gewisse Bekanntheit erlangt, erkennen einen ja auch mehr Leute ...

Raabe: Ja wenn das viel wäre, fände ich das unangenehm. Aber egal wie berühmt man als Autorin wird – und ich glaube ich bin so mittel-berühmt –, erkannt werde ich, wenn ich gerade frisch im Fernsehen war oder wenn ich in der Buchhandlung bin oder auf der Buchmesse, wo einfach sehr buch-affine Menschen sind. Aber darüber hinaus ist alles wie immer, und das ist eine fantastische Mischung. Man hat als Autor das Glück, dass man unter Leuten, die mit Büchern zu tun haben oder sich dafür interessieren, eine gewisse Prominenz hat, aber im Alltag vollkommen unbehelligt bleibt.

Fühlen Sie sich denn unter Druck, mit ihren weiteren Büchern an ihren Erfolg anknüpfen zu müssen?

Raabe: Nein, gar nicht. Ich habe da auch gar keine Messlatte. Ich denke nicht drüber nach, dass das nächste Buch auf der Bestsellerliste sein muss. So funktioniert das nicht. Ich weiß, dass Verkaufszahlen nicht das Kriterium für Qualität sind. Für die Qualität kann ich sorgen, indem ich hart arbeite, und für den Verkaufserfolg kann ich viel mehr nicht tun. Sonst macht man sich auch echt jeck, ich lese zum Beispiel auch keine Kritiken. Ich könnte jeden Tag nachgucken, wie sich meine Bücher verkaufen, aber ich mache das nie. Ich habe viele Kollegen, die glauben mir das nicht. Klar, bestimmtes Feedback kann man ohnehin nicht ausblenden, die großen Artikel muss man sich angucken und man macht auch Lesungen, wo man direkte Rückmeldung bekommt, und das ist auch gut. Aber mehr brauche ich nicht.

Was, würden Sie sagen, brauchen junge Autoren, um das zu schaffen, was sie geschafft haben?

Raabe: Es ist schwer Rat zu geben, weil jeder anders ist, aber ich glaube, das ist auch das Wichtigste: Zu wissen, wo man anders ist, was seine Stärken sind, und das nicht zu ändern und zu denken, man müsste das jetzt so machen, wie andere bereits erfolgreiche Autoren das machen. Es ist gut, sich Zeit zu lassen. Ich glaube auch im Nachhinein, dass es ein Geschenk war, dass nicht mein erstes Buch erschienen ist, sondern mein fünftes, weil ich dadurch besser geworden bin. Ich rate immer: Dran bleiben, weitermachen, so viel wie möglich lesen. Ich habe nie eine Schreibschule besucht oder irgendetwas in der Art. Ich komme vom Lesen. Da weiß man irgendwann, wie man schreibt. Man weiß, wie ein Cliffhanger funktioniert. Und was auch wichtig ist: Die Texte nicht zu früh anderen zu zeigen. Bevor man rausgeht mit dem Text, egal bei wem, ist es wichtig, bereits eine eigene Haltung zu haben.

Wollten Sie denn schon immer Autorin werden?

Raabe: Nein. Also unterschwellig schon. Eigentlich wollte ich immer schreiben, aber ich hätte realistisch einfach nie gedacht, dass das ein Job werden könnte, dafür war ich zu bodenständig. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, niemand von uns ist irgendwie auch nur annähernd in einem künstlerischen Beruf unterwegs. Deswegen wollte ich das auch niemandem erzählen, dachte, die zeigen mir einen Vogel, wenn ich sage, dass ich Schriftstellerin werden will. Deswegen hat sich das ganz langsam entwickelt.

Und wie sieht ihre weitere Planung aus? Werden Sie in der Thriller-Branche bleiben oder auch mit anderen Genres experimentieren?

Raabe: Ich werde bestimmt auch mit anderen experimentieren. Die ersten Bücher, die ich geschrieben habe, waren gar keine Thriller, das fing erst mit dem vierten Buch an. Das nächste Buch, das ich gerade schreibe, wird auf jeden Fall ein psychologischer Thriller. Es wird ganz anders funktionieren als „Die Wahrheit“. Es hat aber auch wieder keine Gewalt und wieder eine große seltsame Situation, hinter die der Leser kommen muss. Das macht mir halt einfach Spaß. Etwas über Menschen und das Leben zu erzählen, aber mit dem Mittel der Spannung. Ich glaube, das werde ich noch eine Weile machen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich irgendwann auch etwas anderes schreiben werde.

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