Jülicher Innenstadt rund um den Marktplatz muss attraktiver werden

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Innenstadt: Patient Jülich muss dringend in Reha

Von: Volker Uerlings
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Auf und um den Marktplatz soll sich die Jülicher City deutlich verändern. Das ist Ziel des angestrebten Handlungskonzeptes. Foto: Jansen
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Interner mit Außenblick: Der Jülicher Wirtschaftsgeograph Professor Michael Gramm betrachtet die Innenstadt – mit Sorge. Foto: Jansen

Jülich. Professor Michael Gramms Jülich-Anamnese war nicht grimmig, nicht bösartig, nicht geschönt, nicht unfair. Sie war deutlich. Die Innenstadt als Schwerpunkt im kommunalen Gefüge muss aber ganz dringend etwas für sich tun, sonst fällt die Prognose für den Patienten denkbar düster aus.

Schon innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre könnten „Verödungstendenzen“ in den heutigen City-Randbereichen, wachsender Investitionsstau durch überalterte Bausubstanz, Verlust an Branchenvielfalt, nachlassende Wohnattraktivität, unzureichende Auslastung der Infrastruktur und steigende Steuern und Gebühren die Folgen sein, die alle treffen.

Die Zustandsbeschreibungen des in Jülich ansässigen Wirtschaftsgeographen Michael Gramm erhielten am Montagabend in einer Sondersitzung des Ausschusses für Kultur, Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung von Mitgliedern und zahlreichen Gästen viel ­Applaus. Die Politiker – und das ist selten – handelten stehenden Fußes. Einstimmig empfahl das Gremium, ein Integriertes Handlungskonzept (IHK) für die Jülicher Kernstadt aufzustellen, um die City zukunftsfähig zu machen. Dafür sollen 100.000 Euro im Vorgriff auf den Haushalt 2018 bereitgestellt werden. Sowohl Haupt- und Finanzausschuss als auch Stadtrat müssen noch grünes Licht geben.

Einige Probleme sind laut Gramm nicht Jülich-typisch, sondern fast allen Städten mit weniger als 50.000 Einwohnern zu eigen. Der Einzelhandel steht massiv unter Druck. Die kleinen inhabergeführten Geschäfte seien vielfach durch den Online-Konkurrenzdruck massiv überfordert, zumal auch das Kundenverhalten kaum noch verlässlich vorherzusagen ist. „Der Kunde“ (Gramm: „Das sind wir alle!“) kaufe mal bequem von zu Hause aus online ein, oder gehe anderentags mit großer Erwartungshaltung in die Stadt, wo er vieles auf kurzen Wegen in attraktiver Umgebung erledigen möchte.

Genau diesen Ansprüchen müsse eine Stadt dann auch genügen, sonst sei sie im Konkurrenzgefüge vieler Alternativen in der nahen Umgebung verloren. Auch sei davon auszugehen, dass ein wachsender Bevölkerungsteil unter sinkenden Realeinkommen leide. „Das alles trifft am stärksten die eigentümergeführten Geschäfte.“

„Hochkompetenter Wissenschaftsstandort“

Selbstredend identifizierte Gramm auch Besonderheiten der Herzogstadt. Das Image als „historische Festungs- und moderne Forschungsstadt“ sei in der Außenwirkung zwar gut, werfe aber bislang kaum einen Nutzen ab. Jülich sei zweifelsfrei ein „hochkompetenter Wissenschaftsstandort“, aber keine Forschungsstadt, denn die „Leuchttürme“ seien an den Rändern, doch nirgends in der Stadt sichtbar.

Insgesamt lasse die Attraktivität dieses Herzstücks eines Mittelzentrums stark zu wünschen übrig. Der Patient Jülich muss dringend in Reha. Ansonsten wenden sich viele Menschen von der Stadt ab und setzen laut Michael Gramm gleich mehrere Abwärtsspiralen in Gang.

Der Wirtschaftsgeograph nannte die Marktplatzdebatte im Frühjahr als Beispiel, die sich um Symptome (Bäume) drehe, nicht aber an Lösungen orientiert sei. „Der Marktplatz ist ein Platz des Handels. Er ist kein Aufenthaltsraum. Da stehen weder Bäume noch Spielgeräte“, sagte der Referent. Die hätten natürlich ihre Berechtigung und Notwendigkeit, allerdings nicht dort. In Jülich habe es 1998 zur Gartenschau aus damals nachvollziehbaren Gründen eine Möblierung der Marktfläche gegeben, die heute Entwicklungen entgegenstehe. Der Experte beließ es nicht bei einer Beschreibung, sondern zeichnete Perspektiven auf: „Jülich hat durchaus Pfeile im Köcher.“

Die Stadt verfüge über eine hohe Kaufkraftbindung im Seniorensegment und müsse nun endlich die Zielgruppe der Studierenden aktivieren. Grundsätzlich gelte: „Jülich braucht Einwohner, Einwohner, Einwohner. Das hält die Stadt am Leben.“ Dazu bedürfe es einerseits der verstärkten Werbung um den Zuzug junger Familien („durch gezielte Förderpolitik“) und andererseits der Zugänglichkeit und Erreichbarkeit aller Ziele in der City für ältere Semester. Ein großes Einwohnerpotenzial biete zugleich eine große Zahl an möglichen Kunden, die alteingesessene Händler oder auch neue Angebote in Anspruch nehmen: zum Beispiel Erlebnisgastronomie oder kleine Manufakturen. Gramm: „Das ist die Idee des Kunsthandwerkerinnen-Marktes in Permanenz.“

Multifunktionales zentrales Gebäude

Neben dem Dialog mit Bürgerschaft und allen Beteiligten – von den Händlern über Forschungsträger bis hin zu den Haus- und Grundbesitzern – müsse die Stadt mit ihren Pfunden wuchern und sowohl ihre Festungen als auch die Forschungseinrichtungen in der City erlebbar machen. Vor allem aber: die Innenstadt mit einem Bündel an Maßnahmen attraktiver machen, die in einer Strategie zusammengeführt werden. Ein prominentes Beispiel nannte Michael Gramm: Jülich brauche ein multifunktionales zentrales Gebäude. Eine Idee gibt es schon. Bürgermeister Axel Fuchs verriet, dass im Lenkungskreis Stadtmarketing, der den Gramm-Vortrag vor gut drei Wochen hörte, der Gedanke eines „sozio-kulturellen Treffpunkts“ betrachtet wurde, „Arbeitstitel: Stadthalle“.

Der Verwaltungschef: „Ein Integriertes Handlungskonzept ist unausweichlich. Bei wachem Blick durch die Stadt mangelt es wirklich an vielen Dingen.“ Und ein IHK, das über einen längeren Zeitraum mit Bürgerbeteiligung erstellt werde, ermögliche Fördermittel von 70 Prozent. Ausschussvorsitzender Peter Capellmann (CDU): „Das ist die Grundlage, um an die Fördertöpfe ranzukommen.“

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