In Jülich neue Ansätze zur Behandlung von Psychosen vorgestellt

Von: ptj
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Ein völlig neues Bild der Behandlung von Psychosen zeichnet Dr. Wassili Hinüber, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Links im Bild ist Diplom-Sozialarbeiterin Petra Schmitz-Blankertz zu sehen, eine von vier Fachkräften in der Jülicher Nebenstelle des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Kreises Düren. Foto: Jagodzinska

Jülich. Was ist Soteria? Ein alternativer Ansatz zur klassischen Psychiatrie ohne Zwang und mit weniger Medikamenten. Darüber referierte im Neuen Rathaus Dr. Wassili Hinüber, leitender Oberarzt im „Maria Hilf“-Fachkrankenhaus in Gangelt und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Anlass war der dritte Themenabend des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes des Kreises Düren und der Jülicher Nebenstelle unter der Überschrift „Psychische Gesundheit“. Dabei ging es weniger um die Krankheit Psychose, sondern um „neue Ansätze“, wie Mitveranstalterin Susanne Becker es ausdrückte. Die Grundlagen einer optimalen Psychosebehandlung stießen auf große Resonanz.

„Ich bin hier, weil ich im beruflichen Kontext mehr über diese Krankheit erfahren wollte“, begründete etwa Daniela Kasimir, Beraterin von Menschen im Langzeitarbeitslosenbezug, ihren Besuch. Der Begriff „Soteria“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet Wohl, Geborgenheit, Rettung.

Der oppositionelle Psychiater Loren Mosher gründete die erste Soteria-Einrichtung 1971 in Kalifornien, sie musste jedoch nach zwölf Jahren wegen Einstellung staatlicher Hilfen geschlossen werden. Mosher hatte über eine Stiftung Geld gesammelt und zehn Laienmitarbeiter engagiert, die einfach „Spaß daran hatten, mit Menschen zu arbeiten“. Sie ließen sich als 1:1-Betreuung in heute unvorstellbaren 48-Stunden-Schichten darauf ein, „was der Patient gerade machen wollte. Eine sehr anstrengende Arbeit, vor allem in einer akuten Phase“, betonte Hinüber.

Seit 2008 wird auf der Lukas- Station im Krankenhaus Maria-Hilf nach dem Soteria-Prinzip gearbeitet. Sie ist die flächenmäßig kleinste von fünf derartigen Einrichtungen, die größte befindet sich in München. In Soteria-Häusern gibt es nicht mehr als zehn Betten. Es wird eine „sehr kleine Umgebung geschaffen, ähnlich einem Zuhause“. Äußerst kontraproduktiv seien nämlich Akutstationen, wie man sie aus dem US-amerikanischen Drama „Einer flog über das Kuckucksnest“ kennt.

In der Soteria-Station darf der Patient, der „in der Regel freiwillig kommt, erst mal ankommen“ – ohne belastende Datenabfrage. Wenige Bezugspersonen garantieren eine personelle Kontinuität von der Aufnahme bis zur Entlassung. Es gibt keine Stationsordnung, die festlegt, was der Patient darf und was nicht, stattdessen wird ein individueller Therapieplan geschrieben. Für den einen Patienten eignet sich etwa die Arbeitstherapie, für den anderen die Ergotherapie. Aus Platzgründen muss in Gangelt allerdings extern therapiert werden.

„Man kann ohne Medikamente eine Psychose durchleben, sie begleiten und wieder herauskommen“, betonte der Referent. Was nicht heiße, dass keine Medikamente verabreicht werden – allerdings nur in Absprache mit dem Patienten. „Wir lassen den Patienten entscheiden, wie lange er ohne Medikamente leben will. Wenn sich nach sechs Wochen ohne Medikamente der Zustand verschlechtert hat, dann raten wir zur Medikamenteneinnahme.“

„Weiches Zimmer“ im Angebot

Im bereits reizarmen Haus existiert zusätzlich ein weiter abgeschirmtes „weiches Zimmer“, das nur mit einer Liege ausgestattet ist, aber nicht mit einer Gummizelle zu verwechseln sei. Wahlweise kann der Patient dieses Zimmer bei Bedarf mit oder ohne Bezugsperson aufsuchen. Hinüber bescheinigte eine deutliche länger Verweildauer von 35 bis 65 Tagen in Soteria-Häusern (im Vergleich sind es rund 25 Tage auf einer „normalen“ Station) und weniger Abbruchzeiten.

Wünscht der Patient die Entlassung, stecke oft ein zusätzliches Drogenproblem dahinter. Auch dann sei die Entlassung nicht „disziplinarisch“, jeder könne wiederkommen. Der Aufenthalt im Soteria-Haus wird eingeteilt in die Akutphase, in der die Anwesenheit des sich eingewöhnenden Patienten ausreicht. Dann folgt die Alltagsphase mit Diensten wie Kochen, Einkaufen, Aufräumen.

Gleichzeitig wird der Patient „aktiviert“, also aufgeklärt über seine Erkrankung, bindende Behandlungsvereinbarungen werden getroffen. Die dritte Phase befasst sich als „ambulante Überleitung“ in Gesprächen bereits mit der Zukunft, der Zeit der Entlassung. Eine Nachbehandlung im Hause sei wegen Personalmangels nicht möglich, gerne dürften die Patienten aber zu Besuch kommen, ein weiterer Kontakt sei erwünscht.

Wichtig bei der Behandlung sei außerdem die Einbeziehung der Angehörigen, wenn der Patient es wünsche. Nach dem ausführlichen Vortrag darf die im Vorfeld geäußerte Frage: „Ist eine Psychose nur mit Psychopharmaka behandelbar?“ grundsätzlich verneint werden.

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