Jülich - Hoch mit dem Lazarus: 312 Jahre alt und enorm modern

Hoch mit dem Lazarus: 312 Jahre alt und enorm modern

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
Hoch mit dem Lazarus: Zwölf
Hoch mit dem Lazarus: Zwölf Stunden lang hat die Tuchgruppe am Dienstag die Strohpuppe in die Höhe gepreckt. Am Abend wurde der Lazarus unter lautem Wehklagen in die Rur geworfen. Foto: Guido Jansen

Jülich. Der Karneval hat am Dienstag in Jülich sein nasses Grab gefunden. Traditionell - sehr traditionell, zum 312. Mal. Als es gerade dunkel geworden war, flog der Lazarus ein letztes Mal durch die Luft. Die Mitglieder der Historischen Gesellschaft Lazarus Stromanus stießen ihren Strohmann nach vielen Klagelauten in die Rur.

Damit vertreibt die Gesellschaft auch den Winter aus Jülich. Zuvor hatten sie ihn entkleidet.

Die tollen Tage sind vorbei. Sie endeten mit einem Akt, für den Jülich weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Das spiegelt sich auch innerhalb der Gesellschaft aus dem Gründungsjahr 1700 wieder. Die Mitglieder sind nicht nur eingefleischte Rheinländer. Einige stammen gebürtig aus dem Norden der Republik, andere gar aus der Schweiz. Die einen sind Lehrlinge und Studenten, die anderen Ärzte und Dozenten. Und sie alle haben sich der Tradition verschrieben.

Zum Beispiel Wilfried Gorisek. Der ist noch gar nicht so lange Mitglied. In diesem Jahr feiert er närrische elf Jahre. Da haben andere an Jahren viel mehr zu bieten. Präsident Hein Ningelgen zum Beispiel war zum 57. Mal in Folge dabei, als der Lazarus am Veilchendienstag von morgens früh bis abends durch die Jülicher Luft geflogen ist. Gorisek hatte bis 2001 jeden Veilchendienstag Lazarus-Einsatz. Er war Polizist und hat den Umzug der Gesellschaft durch Jülich, der gute zehn Stunden dauert, 25 Jahre lang begleitet. Seit Gorisek aus dem Dienst ausschied, wurde er Mitglied bei Lazarus Strohmanus. Und seitdem ist er als Lazarus-Schutzmann unterwegs. Zu erkennen ist der 71-Jährige an der orginalen blauen preußischen Polizisten-Uniform und der ebenso echten Leder-Pickelhaube aus dem 19. Jahrhundert.

„Auf unsere Tradition sind wir stolz”, sagte Karl-Heinz Schmidt. Zurecht, denn Lazarus Strohmanus beweist in jedem Jahr wieder, dass Tradition nicht gleichbedeutend ist mit verknöchert daherkommenden Bräuchen. Das, was die Historische Gesellschaft am Dienstag auf Jülichs Straßen getrieben hat, ist mordern. Und zwar seit 1700. Jedes Jahr wird die Strohpuppe gepreckt. Das bedeutet, dass der Lazarus von den Männern in den blauen Bauernkitteln und den weißen Hosen mit Hilfe eines großen Tuchs in die Höhe katapultiert wird. Das passiert an markanten Punkten in der Stadt. Die Precker sagen dabei Sprüche auf, die mit einer Frage beginnen. Was hat Lazarus mit zur Welt gebracht? Dann folgen die Reimchen der Precker, die am Dienstag beispielsweise die teure Miete für die Stadthalle oder des Bürgermeisters Eigenschaft, Probleme gerne auszusitzen, kritisierten. Oder mysteriöse Vorgänge im Forschungszetrum, wo „en janze dehl Kugele” verschwunden sein sollten. „Do nötz och ke gugele.”

Lazarus Strohmanus ist Teil von Jülich. Das wurde am Dienstag wieder deutlich, als Tuchgruppe, Besengruppe und die übrigen Mitglieder des 70 Männer starken Gesellschaft durch die Stadt zogen. An jeder Stelle, an der der Lazarus gepreckt wurde, kamen die Jülicher zusammen, um den Abschluss und einen der Höhepunkte im Karneval zu feiern.
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