„Gesichter der Angst“ interessieren in Jülich

Von: ptj
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Referierte vor großem Publikum in Jülich zum Thema Angst: Thomas Hax-Schoppenhorst, Pädagoge an der LVR-Klinik in Düren.

Jülich. Das Herz rast, das Atmen fällt schwer, die Muskeln zittern, die Knie schlottern, Schweiß bricht aus. Derlei Symptome hat jeder Mensch irgendwann in seinem Leben schon empfunden, denn: „Angst ist eine Anlage seit Menschengedenken. Sie ist sinnvoll und von großem Stellenwert.“

Um einer lebensbedrohlichen Situation zu begegnen, werden schlagartig große Mengen Adrenalin ausgeschüttet. Das betonte Referent Thomas Hax-Schoppenhorst, pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik in Düren. Anlass war der siebte Jülicher Themenabend in der Reihe „Psychische Gesundheit“, diesmal unter dem Titel „Gesichter der Angst – Wege aus der Angst“ – erstmalig im Alten Rathaus.

Das Thema stieß auf großes Interesse – es fanden sich mehr Menschen im großen Saal ein als Stühle platziert waren. Nach einer aktuellen Statistik fürchten die Deutschen vor allem Naturkatastrophen und Terrorismus (letzteres ist seit 2014 um 13 Prozent gestiegen) und den Pflegefall im Alter. Spannungen durch den Zuzug von Mi­granten folge auf Platz vier, hieß es im Vortrag. Wichtigster Nährboden von Ängsten sei die Globalisierung und damit die Verwandlung der Industriegesellschaft in eine Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft. Unter den vielen Emotionen sei die Angst das „hässliche Entlein“.

Weil sich Angstfreiheit zu einem Ideal entwickelt habe, würden Ängste vertuscht. Wann beginnt aber die (krankhafte) Angststörung? Die Antwort des Experten: Wenn der Betroffene, obwohl keine objektive Gefahr droht, 80 Prozent des Tages über seine Ängste nachdenkt, in Bewegungsfreiheit und Lebensqualität erheblich eingeschränkt wird, oder wenn er immer trauriger wird und sich sogar mit Selbstmordgedanken trägt. Auch wenn er seine Ängste mit Alkohol oder anderen Drogen bekämpft oder seine Partnerschaft oder sein Berufsleben angstbedingt gefährdet sind.

14 Prozent der Menschen in der EU, das sind rund 61,5 Millionen, leiden unter einer Angststörung. Als Beispiele nannte Hax-Schoppenhorst neben Panikattacken die Agoraphobie (beide treten gerne zusammen auf) nämlich die Angst davor, öffentliche Plätze zu betreten, darunter auch Kino, Theater, Restaurant oder Bus, Zug, Straßenbahn. Oder die „soziale Phobie“, nämlich die Angst davor, im Zen­trum der Aufmerksamkeit zu stehen.

Weitere Beispiele seien spezifische Phobien wie die Angst vor Spinnen, Zahnärzten, Gewittern oder Krankheiten. Kardinalfehler sei immer die Vermeidung der Situationen oder Plätze der Angst oder deren Betäubung, denn: „Die Angst hat einen ganz fiesen Charakter.“ Als Wege aus der Angst nannte der Referent (tiefenpsychologische) Therapien, darunter Psychoanalyse, Gesprächspsychotherapie, systemische Therapie, Gestalt- oder Musiktherapie. Gute Erfolge habe die Verhaltenstherapie gezeigt. Oft sei auch die Kombination aus „einer verantwortungsvollen Dosis eines Medikamentes und einer Verhaltenstherapie“ eine gute Wahl.

Zum Thema psychotherapeutische Behandlung entbrannte eine Diskussion mit dem Publikum über das Missverhältnis zwischen Betroffenen und Behandlungsplätzen. „Der Mangel an Psychotherapeuten wird zu Recht bemängelt“, bestätigte Dr. Mechthild Pauels, Ärztin für Psychiatrie beim Gesundheitsamt, am Podiumstisch. Hax-Schoppenhorst zeigte sich leicht „ermattet“, weil er die Strukturen nicht zu ändern vermag. Vielleicht „sollten die Krankenkassen ihre Philosophie in Richtung Präventionsdenken ändern“. Spontan hielt er zwei „streng seriöse Buchtitel“ zur Soforthilfe bereit: „Ängste verstehen und überwinden“ von Dr. Doris Wolf und „Stärker als die Angst“ von Angela Weiss, Heike Alsleben und Michael Rufer.

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