Gemeinsame Reise in die Vergangenheit macht viel Spaß

Von: ptj
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„Wären Sie vielleicht bereit für ein wenig Höflichkeit?“ Als vermeintlich „alte Schachteln“ ziehen Claudia Stump (l.) als Louise und Maria Maschenka als Hilde in den Saal des Kulturbahnhofs ein. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Wären Sie vielleicht bereit für ein wenig Höflichkeit?“ Mit diesen Worten auf den Lippen und bewaffnet mit Teekanne und Pralinen, zogen zwei vermeintlich „alte Schachteln“ auf die Bühne des Kulturbahnhofs. Mit Unterstützung des Publikums weckten die Schauspielerinnen Maria Maschenka und Claudia Stump als Hilde und Louise, beide Baujahr 1945, die Vergangenheit.

Für die Veranstaltung im Rahmen des Welt-Alzheimertages hatten sie ihr Improvisationstheaterstück „Zwei alte Schachteln packen aus“, ganz auf das Publikum zugeschnitten.

Die Rechnung ging auf. Die zumeist älteren Damen und Herren im fast voll besetzten Saal des KuBa hatten merklich Spaß am Teekänzchen zweier vergesslicher Damen und der gemeinsamen Reise in die Vergangenheit. Sie lachten beim schwungvollen Tanz oder köstlichen Sketch, der die bewegte Vergangenheit von Hilde und Louise veranschaulichte, und beim vermeintlichen stechenden Gelenkschmerz bei der Rückkehr in die Gegenwart. Gerne waren Zuschauerinnen aus der ersten Reihe behilflich beim Öffnen der beiden Zigarrenkisten, ohne deren Inhalt sich die Damen auf der Bühne kaum an irgendetwas erinnern konnten, und halfen beim Wiederentdecken ihrer Biografie.

So stammt die vergleichsweise brave Louise (Claudia Stump) aus Alt-Steinstraß. „Da gab es den Moppe-Bäcker Bonjartz“, half eine Zuhörerin ihrer Erinnerung auf die Spur. Schon hatte Louise den „Heimatgeruch“ wieder in der Nase. In einer Szene aus Kindheitstagen kaufte sie von ihrem selbst verdienten Zeitungsgeld „Moppe“ (Teilchen) bei Maschenka als Bäcker „Bonjards“ und musste im Anschluss mit Mutter und Schwester teilen.

Hilde, einstige Herzensbrecherin mit „Revoluzzer-Seele“, erinnerte sich dank des Inhalts ihrer Pappschachtel an ihre reimende Mutter und deren Vorliebe zum Theater. „...weiß ich doch, hier darf ich sein, spielerisch im Heimatreim“, rezitierte Maschenka im Paarreim. „Haben Sie Gedichte, die Sie noch kennen?“, fragte Stump ihr Publikum. Gedichte waren weniger in Erinnerung geblieben, dafür aber Lieder.

Mit gegenseitiger Unterstützung besann man sich auf Liedtext und Melodie und stimmte gemeinsam „Heho, spann den Wagen an“ – sogar im wohlklingenden Kanon. Weitere rückblickende Szenen hatten die damals demonstrationswütige Hilde 1968 beim Erstürmen der Aachener Theaterbühne zum Inhalt, natürlich von Louise unterstützt. Kampfeslustig forderten die jungen Damen „Freie Bühne für freie Bürger“.

In der zweiten Halbzeit gelangten Schwarz-Weiß-Filme und Stars wie Anneliese Rothenberger und Trude Herr ins kollektive Gedächtnis zurück. Gesungen wurde unter anderem „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ und „Ich will keine Schokolade“. Wie Louises Zigarettenkistchen verriet, war ihre erste Liebe ein „Bernie aus dem Kohlenpott“. Aufgeregt rief eine Zuschauerin aus: „Beim Ball der einsamen Herzen in Essen habe ich auch Bernie getroffen“. Sogleich widmete sich Stump dessen Personalbeschreibung.

Kurzerhand übernahm Maschenka die Rolle des zunächst anständigen Bernie, der allerdings nach der ersten gemeinsamen Nacht mit Louise unauffindbar blieb. „Deine Augen sprühen so von einer Leichtigkeit der Unwissenden der Welt“, lautete Bernies schönstes Kompliment für Louise. Köstlich waren die Kussszenen auf der Parkbank, die Maschenka und Stump zur allgemeinen Erheiterung mimten. Das letzte gemeinsame Lied im Programm war das in Lokalkolorit getauchte „Ja, dat is Jülich, Jülich an der Rur“. Als die „alten Schachteln“ nach kräftigem Applaus wieder auf die Bühne traten, wünschte sich das begeisterte Publikum als Zugabe das Lied „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“.

Der volle Erfolg des einfühlsamen Theaterstücks war offensichtlich. „Sehr zufrieden“ zeigte sich auf Nachfrage Beatrix Lenzen vom städtischen Amt für Familie, Generationen und Integration auch mit der Akzeptanz des gesamten bisherigen Programms zum Welt-Alzheimertag.

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