Früher nicht denkbar: Orte ohne Kneipe

Von: Silvia und Günter Jagodzinska
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Stimmung im Titzer „Haus Buchholz“, der einzig verbleibenden von ehemals sieben Titzer Kneipen. Links: Eigentümerin Nadia Müller-Buchholz.
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Heute geht nihts mehr: Die ehemalige „Brennereigaststätte“ Jürgen Dederichs in Ameln. Foto: Jagodzinska

Jülicher Land. Sie hatten sich den Bauch vor Lachen gehalten und noch eine Runde bestellt. Da hatte doch tatsächlich jemand das Gerücht in die Welt gesetzt, ihre Kneipe würde geschlossen. Die Kneipe, in der sie sich schon treffen, seitdem sie sich kennen. Und das ist wirklich verdammt lange her.

Zum Skatabend oder zur Geburtstagsfeier – beide mit feuchtfröhlichem Ende zu später Stunde. Taufen, Erstkommunionfeiern, Junggesellenabschiede inklusive folgender Hochzeiten oder auch das Beisammensein nach Beerdigungen – die Dorfkneipe war der einzig wahre Ort. Und die sollte nun geschlossen werden? Undenkbar.

„Die sollen die Kirche mal im Dorf lassen und nicht so einen Blödsinn reden“, war die übereinstimmende Meinung der Stammgäste in der Dorfkneipe. Inzwischen ist einige Zeit vergangen, die Kirche steht noch immer im Dorf. Da, wo sich unsere (in diesem Fall erfundenen) Freunde Jahr für Jahr getroffen haben, ist heute ein Parkplatz. Das Kneipensterben hat auch hier dafür gesorgt, dass es im ganzen Dorf die viel besungene kleine Kneipe nicht mehr gibt.

„Drink doch eine met, stell dich net esu ahn...“, heißt es etwa im Songtext der Kölner Mundart-Band Bläck Fööss. Fest steht, ein Dorf ohne Dorfwirtschaft war in vergangenen Zeiten nicht denkbar. Heute jedoch ist es mehr und mehr Realität geworden. In der Region sind viele Dörfer vom Kneipensterben betroffen. Gründe gibt es viele, wie etwa die oftmals geringe Rentabilität, die eine Übernahme des Betriebs beim altersbedingten Ausscheiden der Wirtsleute für jüngere Nachfolger unattraktiv scheinen lässt, oder der Rückgang der Kneipenbesucher in Folge des strikten Rauchverbots.

„Das ist halt der Lauf der Zeit, heute gibt es ein viel größeres Freizeitangebot“, sagt der Kalrather Ortsvorsteher Wolfgang Schnitzler über die Ursachen. Das 160-Seelen-Dorf zählte nach Bekunden Schnitzlers vor 50 Jahren doppelt so viele Einwohner und hatte drei Kneipen. Der Ortsvorsteher erinnert sich gut an das Lokal Dohmen, wo es für Heranwachsende wie ihn früher auch Eis und Schokolade gab. Außerdem war in der Gaststätte die Poststelle untergebracht und es gab ein Telefon.

Als die letzte Kneipe starb, versammelten sich jahrelang sonntagmorgens etliche Dorfbewohner in der Alten Schule, wo wechselnde Veranstalter einen Frühschoppen auf die Beine stellten. Dieser sei besser besucht gewesen als die Gaststätten in Titz, aber „mit der Zeit sind uns die Kneipenbesucher weggestorben“. Die Kalrather besuchten Lokalitäten in Rödingen, Kirchherten oder Alt-Lich-Steinstraß.

„Titz war damals Ausland“, sagte Schnitzler. Heute kommen die Dorfbewohner gelegentlich zu Veranstaltungen wie der Karnevalssitzung in der Alten Schule zusammen. Ein zweites Beispiel für ein Dorf ohne Kneipe ist das benachbarte Ameln, mit rund 800 Einwohnern deutlich größer. Die Schließung der Kneipen „Hages Eck“ und der „Brennereigaststätte“ Jürgen Dederichs, die nebenberuflich geführt wurde, liegen wenige Jahre zurück.

Tankstelle als Ersatz

Dederichs-Sohn Kim-Marius (19) jobbt an der Avia-Tankstelle Jürgen Lehan in Ameln. Voll im Trend der Zeit wurde auch die Amelner Tankstelle vom ausschließlichen „Kraftstoff-Anbieter“ zu einer Art Service-Shop mit Bistro-Angebot erweitert und dient in gewisser Weise als Kneipenersatz.

Dederichs bedient, unter anderem im Wechsel mit Alexander Burmann (20), zu verschiedenen Tageszeiten einige Besucher, die sich in der Sitzgruppe am Spielautomat niederlassen. Sie bestellen Kaffee, Cola oder Bier, manchmal auch eine Kleinigkeit zum Essen, etwa Fleischbrötchen, Croissants oder Pizza.

Sie sind entweder um die 20 oder zählen zur Altersgruppe der 50- bis 60-Jährigen. „Ein paar Verdächtige sitzen hier mehrere Stunden am Tag, ein anderer trinkt immer eine Dose Cola und quatscht solange, dann geht er wieder“, beschreibt der junge Mann die Situation.

Bedauert werde bei diesen Treffen immer wieder das Fehlen einer Kneipe. Gemeint ist damit nicht der große Landgasthof mit touristischem Durchgangspublikum, sondern die Dorfwirtschaft, eventuell mit einem überschaubaren kleinen Speiseangebot, in der man sich am Wochenende oder nach Feierabend auf ein Bierchen trifft.

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