Jülich - Friseurmeister erfüllt sich Traum und wird Barbier

Friseurmeister erfüllt sich Traum und wird Barbier

Von: Helmut Schiffer
Letzte Aktualisierung:
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Während sich der Barbier der Bartpflege von André widmet, schaut Kommilitone Tobias interessiert zu. Für beide ist die vernünftige Bartpflege ein Muss. Foto: hfs.
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Heinz Kleusch erfüllt sich mit der Eröffnung eines Barbiershop, bei dem Authentizität groß geschrieben wird, in Jülich einen großen Traum. Foto: hfs

Jülich. Am Kopf eine leichte Tolle mit streng gezogenem Seitenscheitel. Nassrasur am Hals, Schnäuzer und gestutzter Bart an den Seiten. Tobias, 21-jähriger Chemiestudent aus Krefeld, findet sich gut beim Blick in den Spiegel, der in dem vor kurzem eröffneten „Herren-Salon“ auf der Düsseldorfer Straße in Jülich hängt. Und von Heinz Kleusch geführt wird. Der 64-jährige Friseurmeister erfüllte sich mit der Eröffnung seines Barbiershops einen Traum.

„Ja, sie sprechen mit Heinz dem Barbier.“ Wenn man telefonisch Jülichs ersten Barbiershop erreicht hat, meldet sich die sonore Stimme des Inhabers. „Nein, Terminabsprache gibt es nicht, kommen Sie einfach vorbei.“ Damit das schon einmal klar ist: Termine gibt es nicht beim Jülicher Barbier, wie auch nicht bei seinen Kollegen, weltweit. „Wenn man hier hinkommt, muss man Zeit mitbringen.“ Sagt Tobias, und sein Kommilitone André nickt zustimmend. Beide studieren an der hiesigen Fachhochschule, haben sich aber erst im Barbiershop kennen gelernt. Auch André ist Bartträger, studiert Maschinenbau und legt viel Wert auf gutes Aussehen.

Wobei er das speziell auch auf seinen üppig sprießenden Bart bezogen wissen will. „Ich gönne mir eine professionelle Pflege, ich lasse mich klassisch rasieren. So sauber und glatt kriege ich es selbst nicht hin. Zudem genieße ich hier die Wohlfühl-Atmosphäre unter Gleichgesinnten“, umschreibt der Maschinenbau-Student sein Kommen. Beiden Kunden gefällt die Atmosphäre im Shop. Hier und da etwas auf Retro abgestimmt, aber zumeist echte 60er Kultur, mit der die Shops in England und Amerika berühmt wurden.

„Ich wollte nichts Kitschiges, wollte Authentizität“, sagt Heinz Kleusch und weist zum Beispiel auf seinen hölzernen Rasursessel hin, der in seinem Ist-Zustand jede alte Handwerker-Ausstellung aufwerten würde. Außerdem zeigt er auf antike Ledersessel und Marmorwaschtische oder auf ein Rasuretui, ohne das vor Jahrzehnten kein Mann eine Reise angetreten hätte. „Einiges habe ich von meinen alten Kunden geschenkt bekommen, vieles andere mit Hilfe der hiesigen Antikbörse beschafft“, sagt der Jülicher Barbier und ist stolz, nicht nur in kürzester Zeit echte Barbiershop-Ausstattung sein Eigen nennen zu dürfen. „Ich bin auch stolz darauf, in kürzester Zeit viele neue Kundschaft begrüßen zu dürfen.“

Freude und Stolz sind verständlich, wenn man sich in schon etwas reiferem Alter einen Jugendtraum erfüllen kann. Ein Traum, dem er schon seit vielen Jahren anhängt, der ihn fast genau 20 Jahre verfolgte. Damals war Heinz Kleusch noch viel unterwegs – zusammen mit den damaligen Friseurweltmeistern Eberhard Josten und „KD“ Kaiser fuhr er zu Welt- und Europameisterschaften, heimste auch in Deutschland viele Titel und Trophäen ein. „Es war eine schöne Zeit, Paris und Turin, Mailand oder aber London kennenzulernen.“ Kleusch erinnert sich an das Déjà-vu Erlebnis im Jahre 1995. „Da betrat ich zum ersten Mal im Londoner Stadtteil Soho einen Barbiershop, ich war sofort begeistert von der Atmosphäre, von dem Klientel, von dem ganzen Drum und Dran.“ Ein Kurzbesuch genügte, um danach von einem Lebenstraum nicht mehr loszukommen.

Der Traum konnte aber erst realisiert werden, als nach der Gesellen- und späteren Meisterprüfung ab 1982 die Selbstständigkeit folgte. „Schließlich braucht man auch eine gewisse Erfahrung, um ein eigenes Geschäft zu führen.“

Sein Handwerk zu beherrschen, ist natürlich Voraussetzung. „Ich liebe meinen Beruf, meine Welt sind Haarmode und Haarpflege im Herrenfach.“ Woran sich auch die beiden Studenten Tobias und André alle fünf bis sechs Wochen erfreuen. „Als Mann bist du doch in einem normalen Friseursalon nur geduldet“, spricht Tobias aus seiner persönlichen Erfahrung und nennt den Barbiershop „eine Männerdomäne schlechthin“. Dass dazu nicht nur die klassische Bartpflege gehört, ist ebenso selbstverständlich wie der Small Talk mit Gleichgesinnten an der Bar bei einem Bier, einem Whiskey, Rum oder Kaffee.

Wie gesagt, Zeit haben ist alles beim Barbier. Während der noch dabei ist, der Frisur einen präzisen Schnitt zu geben, kann man als Kunde schon von der Rasur träumen. Dabei geht es stilistisch zu, auf das Gesicht werden heiße, feuchte Tücher aufgebracht, ehe diese beginnt. Selbstverständlich nass – Elektrorasierer sind verpönt – mit Echthaarpinsel und Messer. Tief durchatmen sollte man dabei, die zitronige Luft durch den Tuchstoff einatmen, ehe Barbier Heinz beginnt. Er trägt immer Weste über dem nach oben gekrempelten Hemd. Mit Krawatte oder Fliege. „Das ist einfach in unserem Metier die Berufskleidung“ sagt er überzeugt. Er deutet nicht auf seine guten und auch exquisiten Schuhe, denn auch die braucht der Barbier-Mann. „Ein gepflegter Bart ist wieder modern. Vor allem der Dreitagebart mit rasierten Konturen.“

Dass der Mann nach seinem Besuch gut riechen wird, dies setzt dem Ganzen das I-Tüpfelchen auf. Auch da sind sich die beiden Studenten einig, nach Sandelholz oder Rosmarin, beides ist gut. Zum Abschluss dann noch der abschließende Drink an der Bar. Wobei danach immer noch die Frage im Raum steht, welches Öl denn nun dem Bart den Glanz und den „unwiderstehlichen“ Geruch verleiht?

Über alles kann man mit Heinz diskutieren und debattieren, nicht aber über die Zusammensetzung seiner Öle...

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