Frenzer Nachbarschaftsstreit ohne Nachbarn

Von: Guido Jansen
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Die Schälmühle sollte ihr Lebensprojekt werden: Mareike und Peter Wollschläger haben den Hof 2012 gekauft. Derzeit sind ihre Umbaupläne auf Eis gelegt, weil die Gemeinde Inden ihr Eigentum überplant und mit einer Veränderungssperre belegt hat. Foto: Guido Jansen
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Der Ort des Grenzstreits: links die Fläche des Sportplatzes, rechts die Ländereien, die zur Schälmühle gehören. Foto: Guido Jansen

Frenz. Die Nachbarn sind noch gar nicht da. Und es steht auch gar nicht fest, ob überhaupt welche kommen. Trotzdem gibt es in Frenz einen Nachbarschaftsstreit, der über Anwälte und vor Gericht ausgetragen wird.

„Wir sind zu keinen Zugeständnissen mehr bereit. Das Maß ist eindeutig voll“, sagen Mareike und Peter Wollschläger, die Nachbarn, die schon da sind, seit sie 2012 das alte Gehöft namens Schälmühle zwischen Lamersdorf und Frenz gekauft haben.

Der Kompromiss-Stoff scheint aufgefressen zu sein zwischen zwischen Familie Wollschläger auf der einen sowie Politik und Verwaltung im Indener Rathaus auf der anderen Seite. Der Konflikt besteht aus der möglichen unmittelbaren Nachbarschaft des alten Gehöfts aus dem 16. Jahrhundert und dem Baugebiet, das die Gemeinde Inden auf dem Frenzer Sportplatz entwickeln will. Die Wollschlägers arbeiten an einem Bio-Bauernhof mit Verkauf vor Ort. Es wäre der erste Bio-Betrieb in der Gemeinde Inden.

Veränderungssperre

Die Gemeinde, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie 70 Prozent ihrer Fläche an den Tagebau verloren hat, kämpft um jedes mögliche Baugebiet. So auch um das, das auf dem Frenzer Sportplatz entstehen soll. Der wird kaum noch genutzt und könnte umgewidmet werden. Außerdem gehört er der Gemeinde, die mit dem Verkauf der Grundstücke Geld für die arg gebeutelte Kasse gewinnen könnte. Das so entstehende Baugebiet würde direkt an die Schälmühle grenzen. Und weil Politik und Verwaltung befürchten, dass die Tiere mit Lärm und Gestank mögliche Käufer verscheuchen, versuchen sie, gegenzusteuern.

Höhepunkt des Streits und aktueller Sachstand ist die sogenannte Veränderungssperre, die der Rat im vergangenen Juni beschlossen hat.

Mareike (40) und Peter (56) Wollschläger haben im vergangenen Juni einen Bauantrag gestellt. Sie wollen offene Stallungen und eine Mistplatte anbauen, um ihren Bestand an Perlhühnern auszuweiten und mit der Rinderzucht zu beginnen. Die Gemeinde hat darauf reagiert, indem sie den 2015 aufgestellten Bebauungsplan verändert hat. Ursprünlich umfasste dieser das Sportplatzgelände, in der Fassung von Juni 2016 ist zusätzlich der Hof enthalten.

Und auf diese neu abgegrenzte Fläche hat der Rat der Gemeinde Ende Juni die Verändeurngssperre gelegt. „Das ist ein völlig normales Verfahren, das viele Kommunen anwenden, wenn sie verhindern wollen, dass Fakten geschaffen werden“, sagt Bürgermeister Jörn Langefeld und macht auch keinen Hehl daraus, dass es darum gehe, den Anbau an der Schälmühle zu verhindern.

„Die Gemeinde versucht, uns hier aushungern zu lassen“, sagen die Eheleute. „Das wird ihr aber nicht gelingen.“ Aushungern, weil den Wollschlägers, die beide Beamte sind und den Hof im Nebenerwerb betreiben, längst weiter sein wollten. Der Bio-Hof mit Verkauf ab Hof sollte längst laufen. Eine Gänsemast hatte das vergangene Weihnachtsgeschäft als Ziel. Mittlerweile wird auch das kommende Weihnachten immer unrealistischer.

Das Ehepaar, das nach eigenen Angaben rund 1,5 Millionen Euro in den Hof investiert hat, spricht von immer größer werdenden finanziellen Verlusten, weil sie hinter ihrem Zeitplan liegen.

Eine Frage steht in der Mitte des Grenzstreits: Was oder wer war zuerst? Das Interesse der Wollschlägers, einen Bio-Hof aufzubauen, oder die Pläne für das Baugebiet? „Wir haben der Gemeinde schon 2012, als wir den Hof gekauft haben, mitgeteilt, was wir vorhaben“, sagen die Eheleute. Damals seien sie – so sagen sie – darauf hingeweisen worden, „dass irgendwann vielleicht mal was gebaut werden könnte. Aber man wollte rechtzeitig auf uns zukommen, wenn sich was abzeichnet.“ Das sei auch dann nicht passiert, als die Gemeinde 2015 den Beschluss zum Baugebiet aufgestellt hatte. Da sei das Ehepaar schon mitten in der Umstellung des Betriebs auf Bio-Produktion gewesen. Der erste Kontakt sei über die Veränderungssperre 2016 geschehen.

Bio-Hof als Vorwand?

Langefeld stellt das anders dar, spricht davon, dass die Wollschlägers von Anfang an von dem möglichen Baugebiet gewusst hätten. „Dass sie von Anfang an einen Bio-Hof geplant hatten, bezweifle ich. Ursprünglich hatten wir Kenntnisse von einer Hundeschule. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sie mit dem Bio-Hof verhindern wollen, dass sich das Baugebiet annähert.“ Die Wollschlägers bestreiten das.

Mittlerweile liegt ein von der Gemeinde in Auftrag gegebenes Gutachten vor, in dem als Lösung eine bepflanzte Pufferzone und ein Schutzwall zwischen Schälmühle und Baugebiet vorgeschlagen werden. „Je nachdem ist vorstellbar, dass sich die Gemeinde an den Kosten für eine solche Maßnahme beteiligt“, sagt Langefeld. Der Ball liege bei den Wollschlägers, deswegen auf die Gemeinde zuzugehen.

Das Paar erklärt, diesen Ball noch zugespielt bekommen zu haben, weil die Gemeinde deswegen bisher nicht auf sie zukommen sei. Und wenn das geschehen sollte, sei es immer noch schwierig, einen Kompromiss zu erkennen, wenn sie für die Pufferzone auf eigenes Land verzichten oder den Wall aus eigener Tasche bezahlen müssten. „Unser Vertrauen in die Gemeinde ist erschüttert. Wir reden jetzt nur noch über Anwälte“, sagen die Wollschlägers, die vor dem Oberverwaltungsgericht Münster Klage eingereicht haben gegen die Veränderungssperre.

Die Gemeinde ist seit Ende Januar aufgefordert, dazu Stellung zu nehmen. Das sei bisher nicht passiert, sagt das Ehepaar. Mareike und Peter Wollschläger sind davon überzeugt, dass die Gemeinde sich verrannt hat. Sie habe bereits viel Geld in das Entwickeln eines Baugebietes inverstiert, das problembehaftet sei, und wolle deswegen wohl nicht mehr zurück.

Neben der Nachbarschaft zu ihrem geplanten Bio-Betrieb spielen sie auf ein Bodengutachten an, das eine deutlich erhöhte Blei-Belastung im Bereich Sportplatz nachweist. Da, wo heute der Sportplatz liegt, verlief früher die Inde. Sie wurde verlegt, der Altarm mit Asche aus dem Kraftwerk Weisweiler verfüllt. Damals hat man das so gemacht. Daher die Bodenbelastung.

Laut Langefeld ist das bekannt, sei aber kein Hinderungsgrund für das Baugebiet. Untersuchungen hätten ergeben, dass bedenkenlos gebaut werden könne, wenn vorher eine Bodenschicht aufgeschüttet werde. „Wir entwickeln doch kein Baugebiet, wenn ein Gutachten dagegenspricht“, sagt der Bürgermeister.

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