Jülich - Forschung von morgen, Technik von gestern

Forschung von morgen, Technik von gestern

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
Zukunftstechnologie? Ein Mitar
Zukunftstechnologie? Ein Mitarbeiter mit kugelförmigen Brennelementen im Versuchsreaktor in Jülich. Die Aufnahme entstand im Dezember 1969. Heute befindet sich der 1988 stillgelegte Reaktor im Rückbau. Foto: dpa

Jülich. Die Altlasten aus der Zeit der Kernforschungsanlage sind noch längst nicht beseitigt, da wird am Forschungszentrum Jülich (FZJ) in bewährter Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen wieder an der Zukunft der nuklearen Energieversorgung gebastelt.

Dass sich dort trotz beschlossener Energiewende weiterhin mit der Entwicklung der umstrittenen Hochtemperaturreaktoren befasst wird, ist ein bisschen überraschend. Und neu ist auch, dass die Bundesregierung eine entsprechende Promotionsstelle, die zum laufenden Juli ausgeschrieben war, finanziell unterstützt. Warum wird in Jülich weiterhin an einer Technik geforscht, die auf absehbare Zeit nirgendwo auf der Welt und schon gar nicht in Deutschland eingesetzt werden wird, wenn überhaupt?

Die Bundesregierung unterstützt die neue Forschung an der veralteten Jülicher Nukleartechnologie mit rund 500 000 Euro, wie das Bundeswirtschaftsministerium auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt. Titel der Arbeit: „Transport, Ablagerung und Resuspension graphitischen Staubes in Edelgasatmosphäre bei hohen Temperaturen”. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Insgesamt, heißt es in der Antwort aus Berlin weiter, fördere das Haus von Minister Philipp Rösler (FDP) im Rahmen nu-klearer Sicherheits- und Endlagerforschung circa 110 Projekte zur Reaktorsicherheitsforschung mit einer Fördersumme im laufenden Jahr von etwa 22 Millionen Euro.

Sicherheitsbewertung - oder mehr?

Die Entwicklung des Hochtemperaturreaktors mit kugelförmigen Brennelementen ist in den 60er und 70er Jahren im Wesentlichen in Jülich vorangetrieben worden. Spiritus Rector war Rudolf Schulten, RWTH-Professor und Institutsdirektor an der Kernforschungsanlage. Er war auch verantwortlich für den Bau des Prototyps durch die Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH (AVR, siehe Infobox). Allerdings hat der Kugelhaufenreaktor bis heute keine Marktreife erlangt. Einige Probleme dieser Technik sind schlicht nicht gelöst.

1988, zwei Jahre nach der Kata­strophe von Tschernobyl, wurde der AVR-Reaktor stillgelegt. Bislang konnte angenommen werden, dass damit auch das Kapitel Hochtemperaturreaktoren in Deutschland beendet ist.

China, das als einziges Land auch einen Kugelhaufenreaktor zu Forschungszwecken betreibt, hat zwar angekündigt, 30 solcher Reaktoren bis zum Jahr 2020 auch zu kommerziellen Zwecken bauen zu wollen. Ob die Pläne aber realisiert werden, ist fraglich. Eine erste Teilerrichtungsgenehmigung für einen Prototypen wurde nach der Katastrophe von Fukushima wieder zurückgezogen. Die Regierung in Peking verlangt weitere Sicherheitsnachweise.

Das Bundeswirtschaftsministerium antwortet auf eine schriftliche Frage des Dürener Bundestagsabgeordneten Oliver Krischer (Grüne) zum aktuellen Jülicher Promotionsvorhaben: „Sicherheitsfragen im Zusammenhang mit Hochtemperaturreaktoren sind Bestandteil der internationalen Reaktorsicherheitsforschung. Die Förderung des Projekts der RWTH Aachen dient damit der Absicherung unabhängiger deutscher Kompetenz hinsichtlich der sicherheitstechnischen Beurteilung international in Entwicklung befindlicher Reaktorkonzepte.”

Gemeint ist damit in erster Linie aber nicht das Vorhaben in China, sondern das Projekt „Generation IV”, die Entwicklung von Reaktoren der vierten Generation. Das sollen aufbauend auf Schultens Kugelhaufen-Technik Höchsttemperaturreaktoren sein, effizienter, sicherer, entsorgungsärmer. Entwickelt werden sie aber nicht in Deutschland, sondern in Kooperation von Nationen wie USA, Japan, Frankreich und Großbritannien. Nach Lesart der Bundesregierung geht es in dem aktuellen Jülicher Forschungsvorhaben darum, in Deutschland eine eigene Expertise zu ermöglichen, die solche Entwicklungen bewertet.

Oder geht es vielleicht doch um mehr? Schon der damalige RWTH-Rektor Burkhard Rauhut befand im Dezember 2006: „Es wäre leichtfertig und unverantwortlich, die weltweit anerkannten Forschungsarbeiten von Herrn Professor Schulten im Bereich des Hochtemperatur-Reaktors HTR und die in diesem Zusammenhang aufgebauten Kompetenzen aufzugeben.”

Diese Feststellung lag ganz auf der Linie, die die bis 2010 verantwortliche schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen vorgegeben hatte. Der damalige Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP) hatte zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit FZJ und RWTH eine Offensive gestartet, in der es darum ging, drei Professuren im Bereich der Kernenergieforschung wiederzubesetzen, die die rot-grüne Vorgängerregierung auf Eis gelegt hatte. Zudem wurde eine vierte Professur eingerichtet. Aber das war vor Fukushima und vor der Energiewende.

Natürlich auch Exportchancen

Hans-Josef Allelein, Inhaber des RWTH-Lehrstuhls für Reaktorsicherheit und -technik, der die Promotionsstelle ausgeschrieben hat, führt ebenfalls das Argument der Sicherheitsbewertung an. Im Gespräch mit unserer Zeitung sagt er aber auch: „Hier sind Erkenntnisse gewonnen worden, die für weitere Entwicklungen von großem Nutzen sein können.” Natürlich gehe es auch um Exportchancen. Immerhin seien in den letzten 30 Jahren - vor allem zu den Hochzeiten von Rudolf Schulten - bereits zwei Milliarden D-Mark in die Technologie gesteckt worden. Und der Atomausstieg? Wozu muss man in Deutschland Hochtemperaturreaktoren entwickeln, wenn es hier bald keine Kernkraftwerke mehr geben wird? Allelein hält die Frage für kleinkariertes nationalstaatliches Denken: „Eine nachhaltige Energieversorgung ist von allgemeinem globalen Interesse.”

Insgesamt, erklärt Allelein, gebe es vier Promotionsstellen an der RWTH in Kooperation mit dem FZJ, die sich mit dem Hochtemperaturreaktor befassen. Eine davon werde vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Die anderen drei finanziert übrigens das Land NRW mit, schlicht, weil es die Hochschulen mit Mitteln ausstattet - obwohl die derzeitige Regierung sich gegen derartige Forschung ausspricht.

Die Meinung revidiert

Die seit 2010 amtierende rot-grüne Landesregierung hat die Haltung ihrer Vorgängerin revidiert. Svenja Schulze (SPD), Pinkwarts Nachfolgerin im Wissenschaftsministerium, verweist auf Anfrage unserer Zeitung auf den aktuellen Koalitionsvertrag vom Juni dieses Jahres. Darin heißt es: „Das Land NRW wird keinerlei Atomforschung mehr finanzieren, mit Ausnahme der Forschung für Sicherheit, Endlagerung und Rückbau. Dies gilt insbesondere für jedwede Finanzierung von Forschung für neue Kugelhaufenreaktoren und andere Reaktortechnik sowie für Transmutation. Die Errichtung entsprechender Forschungsanlagen und -reaktoren in NRW bleibt ausgeschlossen.”

Vor diesem Hintergrund erachte die Landesregierung auch das Promotionsprojekt an der RWTH nicht für sinnvoll.
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