Film über ein Schulkonzept der Zukunft

Von: Guido Jansen
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Thema in den Gesellschaftswissenschaften ist die Industrielle Revolution. Nach gemeinsamer Basisarbeit im Klassenverband werden kleine Gruppen gebildet. Jede trägt zu einem wichtigen Teilaspekt vor; beispielsweise zur Dampfmaschine. Neben den Daten und Fakten kommt es auch auf die Art der Präsentation an. Foto: Guido Jansen
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Nicole (2. v.l.) und Angelika Lafos erzählen dem Augenhöhe-Team, wie das pädagogische Konzept an der Sekundarschule Jülich funktioniert.

Jülich. Das Thema ist nicht neu im Schulunterricht. Schon Lehrer Bömmel fragte 1944 in der Verfilmung des Romans „Feuerzangenbowle“: „Also, wat is en Dampfmasching?“ Um eben jene Dampfmaschine, der Motor der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, ging es in einem Referat, das drei Mädchen an der Sekundarschule Jülich gehalten haben. Wie gesagt: ein altbekanntes Thema. Die Art, wie die Schüler an der Linnicher Straße sich der Dampfmaschine und allen anderen Themen nähern, ist anders.

So sehr anders, dass ein Filmteam sich entschlossen hat, der Schule einen Besuch abzustatten. „Augenhöheworks“ heißt die Filmgesellschaft, die sich das Ziel gesetzt hat, neue Ansätze in der Arbeitswelt zu dokumentieren. „Die Arbeitswelt ändert sich und damit die Anforderungen an jeden“, erklärt Geschäftsführer Daniel Trebien. Und weil die Vorbereitung auf die Arbeitswelt schon in der Schule beginnt, sammelt das Team positive Beispiele und glaubt, an der Jülicher Sekundarschule fündig geworden zu sein. „Hier ist ein lebendiges Beispiel, wie es gehen kann“, sagt Autorin Vanessa Christoffers-Trinks.

Was sie in Jülich vorgefunden haben ist eine Schul-Philosophie, die nicht mehr viel gemeinsam hat mit dem, was man gemeinhin mit Unterricht in Verbindung bringt. „Frontalunterricht findet bei uns nach Möglichkeit nicht statt“, erklärt Leiterin Angelika Lafos, die die Schule 2012 mit aus der Taufe gehoben hat. So, wie die Haupt- und Realschule auslaufen, wächst die Sekundarschule an der Linnicher Straße. 750 Schüler sind es im Moment, bis zu 900 ab dem nächsten Schuljahr. Angefangen hat die Schule mit zehn Lehrern, bald sollen es 75 sein.

Lernbüro statt Klassenraum

Angelika Lafos und die didaktische Leiterin Nicole Lafos – nicht verwandt oder verschwägert – erklären im Interview mit dem Augenhöhe-Team, wie der Unterricht funktioniert. Jeder Tag beginnt mit dem gemeinsamen Anfang, der 15 Minuten dauert und in dem organisatorische Dinge besprochen oder den Geburtstagskindern des Tages gratuliert wird.

Dann folgt das Individuelle Lernen in den Bereichen Deutsch, Mathematik und Englisch, eine Doppelstunde lang. Jeder Schüler hat in allen drei Bereichen Lernziele, die er innerhalb von vier Wochen erreichen muss. Die Klassen, in denen die Bereiche unterrichtet werden, heißen Lernbüros. Die Schüler sollen weitgehend selbst entscheiden, welches Lernbüro sie an welchem Tag besuchen, allerdings achten die Lehrer auf eine ausgewogene Mischung. Ab der dritten Stunde kommen Gesellschafts- und Naturwissenschaften dazu.

Von wegen Laissez-faire

„Hier haben die Schüler keine Konsumhaltung“, erklärt Angelika Lafos die andere Form des Unterrichts. Einfaches Beispiel. Früher hat der Lehrer in Geschichte über die Industrielle Revolution doziert, am Ende gab es einen Test. Jetzt erarbeitet der Klassenverband gemeinsam die Grundlagen, dann bilden die Schüler Gruppen. „Ziel ist es, pro Klasse vier Themen zu bearbeiten, auf drei unterschiedlichen Lernstufen“, sagt Angelika Lafos. So erarbeitet eine Gruppe einen Vortrag über die Dampfmaschine, eine andere über die Folgen für die Umwelt. Das geschieht in drei Lernstufen, damit schnellere Schüler nicht unter- und Schüler, die länger für das Thema brauchen, nicht überfordert werden.

Statt vorgegebener Stundenpläne lernen die Schüler schon jetzt Selbstorganisation. Freitags gibt es eine Tutorenstunde, in der Schüler und Lehrer prüfen, ob der Kurs Richtung Lernziel stimmt. „Das hat nichts mit Laissez-faire zu tun. Wenn die Schüler nicht genug getan haben, müssen sie am Wochenende nacharbeiten“, sagt die Leiterin. Ab der neuten Klasse kommt ein weiteres Lernziel hinzu: Verantwortung. Die älteren Schüler kümmern sich um jüngere, oder sie beteiligen sich an Projekten, die beispielsweise Senioren unterstützen.

All das dokumentiert das Augenhöhe-Team gestern und heute. Neben Jülich planen sie, noch eine Handvoll weiterer Schulen mit alternativen Lernkonzepten zu besuchen. „Augenhöhe macht Schule“, heißt das Projekt, das Ende 2018 fertiggestellt sein soll.

Veränderung notwendig

Am Ende soll eine Film- und Dialogveranstaltung entstehen, bei der mit Filmvorführung und Diskussion über die Möglichkeiten der Schule der Zukunft gesprochen werden soll. „Viele leben immer noch in einem Luftschloss, weil sie denken, dass Schule so funktionieren muss wie früher“, sagt Daniel Trebien. Schon jetzt, am Anfang des Projektes, habe das Team festgestellt, dass Veränderung notwendig ist.

„Wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass die Einwände gegen neue Konzepte in der Praxis an Relevanz verlieren“, fügt Vanessa Christoffers-Trinks hinzu. Die Jülicher Sekundarschule sei ein Beispiel von Schulen, an denen Schüler schon früh Selbstorganisation und Verantwortung lernen. Diese Beispiele will das Filmteam in den Mittelpunkt stellen, wenn es ab Ende 2018 durch Deutschland reist und zeigt, wie Schulmodelle der Zukunft schon heute funktionieren.

Um die Arbeit zu finanzieren, plant Augenhöheworks ein Crowd-funding. Mit einem kürzeren Vorab-Film, der neben Jülich auch in Lübeck gedreht wird, sollen mögliche Unterstützer für das Projekt gewonnen werden.

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