Jülich - Erinnerung an die Pogromnacht: Gedenkfeier beschreitet neue Wege

Erinnerung an die Pogromnacht: Gedenkfeier beschreitet neue Wege

Von: ptj
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Zwei Schülerinnen nehmen sich die Zeit, alle durch den Wind erloschenen Kerzen am Mahnmal wieder anzuzünden. Foto: Jagodzinska
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Besucher der Pogrom-Gedenkfeier betrachten die Plakatwände der Ausstellung in der Christuskirche. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Was konnten sie tun?“ So ist die Wanderausstellung überschrieben, mit der die Kirchen beider Konfessionen gemeinsam mit der Jülicher „Gesellschaft gegen des Vergessen und für die Toleranz“ neue Akzente bei der Gedenkfeier zur Progromnacht vor 76 Jahren setzten.

Auf Initiative von Anne Gatzen wurde die Ausstellung von der Berliner „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ in die Jülicher Christuskirche geholt. Das Gotteshaus war in rotes Licht getaucht. Umrandet von Kerzenarrangements mit Namen und Daten und selbstgestalteten Kerzenständern war das Urmodell der „Gedenktafel an der Synagoge“ aufgebaut. Bildimpressionen von brennenden Synagogen wurden von melancholischen Kontrabassklängen begleitet, der Chor der jüdischen Gemeinde „Le chaim“ besang in hebräischer Sprache etwa das „Goldene Jerusalem“.

„Es war das Maß an Gier, an Hass, an Verblendung, das am 9. November 1938 zum Überlaufen kam. Heraus schäumten das sauer gewordene Blut des Rassismus und die bitter gewordene Galle des Faschismus“. So deutete Marco Maria Emunds von der Jülicher Gesellschaft den damals vom „Westdeutschen Beobachter“ beschriebenen „Volkszorn“. Als die Synagogen brannten, „applaudierte das Volk nicht. Es protestierte aber auch nicht, es schwieg“, so Emunds weiter. Es gab aber auch die „Hand des Guten“, die „Frauen und Männer des Widerstandes“, einige davon sind in der Ausstellung benannt.

„Es hat zuwenig Widerstand gegeben und er kam auch zu spät“, stellte Heinz Spelthahn heraus. Andererseits habe es „wesentlich mehr Widerstand gegeben, als gemeinhin kollektiv gedacht wird“. Denn Widerstand in einer Diktatur sei all das „was die Diktatur nicht zu ihrem vollen Erfolg kommen lässt. Der Widerstand beginnt im Kopf, der nicht vernebelt sein darf“. Spelthahn setzte nach: „Es darf nicht sein, dass auch heute noch ein Lehrer in Jülich verehrt wird, der von der Überlegenheit der arischen Rasse faselte...“.

Eine Diktatur ließe sich am besten bekämpfen, bevor sie entstanden sei, mahnte Spelthahn. Als erste Jülicher Widerständler bezeichnete er 16 Männer, die bereits im März 1933 von den Nazis durch ihre rechtswidrige Verhaftung „geadelt“ worden seien, Kommunisten, Gewerkschaftler, Sozialdemokraten.

Als prominente Jülicher, die das Nazitum kritisierten und/oder jüdischen Mitbürgern aktiv halfen, nannte er folgende Namen: Den evanglischen Pfarrer Hermann Barnikol, die katholischen Geistlichen Propst Karl Theodor Bechte und Franz Coenen aus Stetternich, den Jülicher Juristen Werner Stumpf, Stadtdirektor Heinrich Casson und Bürgermeister Heinrich Röttgen. „Die gute Hand fehlte aber auch in Jülich am 9. November. Die Flammen an der Jülicher Synagoge bleiben ein Zeichen der Schande“, schloss Spelthahn.

Angezündet an der Taufkerze, reichten die vielen Besucher der Gedenkfeier die Flamme weiter und zogen singend und mit brennenden Grablichtern zum Mahnmal auf dem Propst-Bechte-Platz. Dort las Pfarrer Dr. Peter Jöcken Psalm 121 und betete das jüdische Totengebet „Kaddisch“ vor. Angestimmt wurde das Lied „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht“. Die offizielle Eröffnung der Wanderausstellung in der Christuskirche schloss sich an.

Die 25 Schautafeln wollen vor allem die junge Generation ansprechen. Sie erzählen die Geschichten von Menschen, die aus unterschiedlicher Motivation den Mut fanden, sich unter den schwierigen Bedigungen der Diktatur auf vielfältige Weise zu widersetzen. Die Überschriften der einzelnen Plakatwände reichen von „Flugblätter verteilen“ und „Ausweise fälschen“ über „Feindsender hören“ oder „Kriegsdienstverweigerer verstecken“ bis hin zu „den Volkermord bezeugen“ und „den Tyrannen stürzen“.

Ein nennenswertes Beispiel für Jülich ist Dietrich Bonhoeffer, der „in die Niederlage seiner Nation einwilligte, damit die christliche Zivilisation weiterleben kann“.

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