Erdbeeren nach Möglichkeit nur einmal anfassen

Von: tm
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Während die Pflücker in Gummistiefeln retten, was zu retten ist, wächst der Berg unbrauchbarer Erdbeeren ständig an. Foto: Mauer

Jülich. Auf dem Tortenboden, als Marmelade oder flüssig als Lime, Erdbeeren haben in jeder Form ihre Liebhaber und Liebhaberinnen. Und die Erdbeeren haben gerade Saison. Die allerdings steht auf sehr unsicheren und schlammigen Beinen.

Der milde Winter, ein kühler Frühling und seit Wochen viel zu viel Regen machen es Pflanze und Frucht sehr schwer. „Wenn die Frucht einmal im Wasser hängt, ist es vorbei“, erklärt Beata Bellartz aus Broich. Die gebürtige Polin muss es wissen, sie kam früher als Pflückerin regelmäßig nach Broich. Dort fand sie ihre Liebe und blieb. Heute leitet sie einen Hofladen im Ort, ihr Mann Peter kümmert sich draußen um die Felder.

Durch verschiedene Sorten sind die Erdbeerbauern inzwischen in der Lage, von April bis Oktober die köstliche Frucht anbieten zu können. „Unser Rekord war eine Erdbeer-Ernte am 11. November, pünktlich zum Karnevalsbeginn“, erinnert sich Peter Bellartz und lacht. Blickt er auf seine verregneten Felder, vergeht ihm das jedoch schnell. Mit Hagelnetzen versuchen die Bauern, ihre Früchte ein wenig zu schützen.

„Es bleibt nur der verstärkte technische Einsatz“, erklärt Karl-Heins Klötergens von Charly’s Erdbeerhof. Den Lieferanten für die Großabnehmer trifft es in diesem Jahr besonders hart. Außer Erdbeeren wird nichts anderes produziert. Der erste Anbau von Kiwi-Bären lauft noch in der Experimentierphase. „Dem Großhandel ist die Witterung egal, das Risiko bleibt völlig an uns hängen“, lautet die nüchterne Bilanz von Klötergens. Fäulnis, Regenschäden und ein Kostenschub durch erhöhten Technikeinsatz zwingen zu scharfer Kalkulation. Wer in guten Zeiten nicht vorgesorgt hat, bekommt in diesem Jahr mächtig Probleme.

Aber der Großproduzent mit vielen Hektar Anbaufläche macht noch ein zusätzliches Phänomen in der „Erdbeerlandschaft“ aus. „Früher – vor 40 Jahren – begann die Ernte am 17. Juni“, erinnert sich Klötergens.

Durch Folieneinsatz, Züchtungen und auch klimatische Veränderungen kommen die Erdbeeren bereits am Mitte Mai in die Regale. Bedroht wird die Ernte durch die zunehmenden Witterungsextreme. Wenn 100 Liter Regen auf den Quadratmeter fällt, ersäuft die Erdbeere, schwimmen kann sie nämlich nicht.

„Wir können uns gegen Ernteausfälle versichern“, erklärt der Geschäftsführer von Charly’s, „der Einsatz von Technik kommt allerdings günstiger.“ Hinzu kommen noch gestiegene Kosten durch die Einführung des Mindestlohns; von Hand gepflückt wird die Erdbeere damit kostenintensiv.

Das ist für Peter Bellartz kein Problem, seine Pflückerinnen sind schon immer gut entlohnt worden. „Pflücken ist Frauensache“, erklärt er, „die sind einfach viel sanfter zu den Beeren.“ Für seinen Obsthof braucht er sehr gute Ware. Auf dem Feld wird vorsortiert, nebenan türmt sich der Ausschuss, der in diesem Jahr besonders groß ist.

Höhere Dämme sind riskant

Höhere Dämme nutzen da wenig, denn das Risiko ist hoch, dass der Frost im Winter die Pflanze vernichtet. Ertrinkt auch noch das zwischen die Dämme ausgebrachte Stroh im Matsch, hat die Erdbeere keine Chance bis in die Verkaufsregale.

„Nach Möglichkeit fassen wir sie nur einmal an“, weiß die erfahrene Pflückerin Beata Bellartz. Die verwöhnten Kunden mögen keine Druckstellen. „Die Überproduktion hat das Kundenverhalten verändert“, heißt es auf Charly’s Erdbeerhof. „Der Markt muss sich gesund schrumpfen.“

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