Entsorgerwechsel war ein Kaltstart mit Überraschungen

Von: Volker Uerlings
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Die Jülicher Abfallberaterin Ulrike Caspar und Unternehmer Marcus May mit den neuen Tonnen und einem der neuen Müllfahrzeuge. Foto: Uerlings

Jülich. Ein Entsorgerwechsel in Jülich, der zweitgrößten Kommune des Kreises Düren, ist keine Kleinigkeit. Schon gar nicht, wenn der neue Partner der Stadt von außen kommt und wenig Vorbereitungszeit hat.

Über Jahrzehnte eingespielte Abläufe, die Gewohnheiten der Bürgerschaft in über 10000 Haushalten und ein Abfuhrplan, den ein Mitbewerber für seine Logistik konzipiert hat, waren sozusagen die Mitgift der May Biopower GmbH, die vor knapp drei Wochen einen waschechten Kaltstart in der Herzogstadt hinlegen musste. Nun dürfen Gebührenzahler durchaus davon ausgehen, dass Unternehmen vorbereitet sind, wenn sie sich um große Aufträge beworben haben. Aber ganz so einfach war das wohl nach Aussagen der Jülicher Abfallberaterin Ulrike Caspar und dem Kopf von May Biopower, Geschäftsführer Marcus May, nicht. Unsere Redaktion hat mit beiden – auch über die mit der Umstellung einhergehenden Probleme – gesprochen.

Die größte Schwierigkeit war nach Schilderung der städtischen Fachfrau der Faktor Zeit. Der Vertrag hätte eigentlich zum 1. Januar 2016 beginnen sollen; nach der Vergabeentscheidung wären hier gut drei Monate Zeit geblieben, was wohl auch dafür gereicht hätte, einen neuen Abfuhrplan und -kalender zu erstellen. Aber durch juristische Interventionen eines unterlegenen Mitbewerbers verging Zeit.

Nachdem die Jülicher Vergabeentscheidung vor der Vergabekammer der Bezirksregierung voll umfänglich bestätigt worden war, bemühte der Klageführer die Justiz. Schließlich bestätigte auch das Oberlandesgericht Düsseldorf die Vergabe an May Biopower. Das Urteil erlangte erst am 28. September Rechtskraft. Bis zum Start des Auftrags blieben knapp vier Wochen. Das war – bildlich gesprochen – so etwas wie eine große Operation an der offenen Tonne.

May ist eigentlich ein kleines Unternehmen aus Jülich (siehe Info rechts) und hätte möglicherweise die unvorhergesehene Wartezeit allein nicht schadlos überstanden. Da aber ein großer Gesellschafter der Firma das hessische Entsorgungsunternehmen Knettenbrech + Gurdulic ist, das unter anderem die kompletten Entsorgungsdienstleistungen des „Fraport“ (Frankfurter Flughafens) seit Jahren gewährleistet, war Unterstützung gewiss. Marcus May: „Wenn man so will, ist das unser ,großer Bruder‘, der uns mit Knowhow und Technik unterstützt.“

Über diese Schiene war auch eine weitere Schwierigkeit des neuen Jülicher Dienstleisters zu lösen: der Tausch von knapp 20.000 Tonnen, der nicht zwingend absehbar war. Dieser Kraftakt sei gelungen, sagt Abfallberaterin Ulrike Caspar: „Die Tonnen innerhalb von 14 Tagen zu tauschen: Chapeau!“ Es gibt auch Beispiele dafür, dass der neue Entsorger die Gefäße des alten übernimmt, aber in Jülich sei das nicht möglich gewesen. Der vorherige Vertragspartner habe darauf bestanden, sein Eigentum zurückzunehmen.

Nach Angaben von Marcus May sind geschätzt noch bis zu fünf Prozent alte Behälter im Umlauf, weil manche Bürger ihre Tonnen nicht rechtzeitig rausgestellt hätten oder auch halbvolle Gefäße nicht an die Straße rollen wollten. Fakt ist, dass die „flammneuen Fahrzeuge“, die nun durch Jülich fahren, die alten Tonnen nicht entleeren können und dürfen. „Das ist kein böser Wille von uns, das ist eine Spielregel, an die wir uns zu halten haben“, erklärt Marcus May. Zudem: Die Software an den neuen Lastern erkennt sie nicht, so dass der Entleerungsmechanismus nicht ausgelöst würde. Wer noch alte Behälter hat, muss die Firma Schönmackers kontaktieren, die sie abholt: Telefon 02237/97424514.

Das größte Problem in den ereignisreichen ersten Wochen war die Einhaltung der Zeitpläne, die oft nicht funktioniert hat. Auch Grünschnitt und Biotonnen, die an den Straßen stehen geblieben sind, hat es gegeben. „Wir haben die Menge unterschätzt“, räumt May mit Blick auf den Biomüll ein und bedauert das. „Wir lernen daraus.“ Abfallberaterin Caspar erklärt, dass das Volumen vor allem im November in den Jahren stark geschwankt habe: zwischen 100 und 225 Tonnen im Stadtgebiet in den vergangenen fünf Jahren (im November). „Bis Freitag war aber alles abgefahren“, berichtet May, der auch selbst auf dem Laster gesessen hat. Mittelfristig soll für den Fuhrpark – drei bis fünf Fahrzeuge – eine Fläche in Jülich gefunden werden, derzeit stehen sie auf einer gemieteten Fläche im Kreis Düren.

Bleibt die Frage nach dem Warum der Aktion, die in den sozialen Medien oft gestellt wurde. Der Grund klingt banal, aber einleuchtend. Ulrike Caspar: „Der Vertrag war nach acht Jahren ausgelaufen. Wir sind gesetzlich gezwungen, den Auftrag auszuschreiben – und bei unserer Größenordnung europaweit.“ Den Zuschlag müsse nicht zwingend der preisgünstigste Anbieter erhalten, sondern der „wirtschaftlichste“. Im jüngsten Jülicher Beispiel sei das wirtschaftlichste Angebot aber auch das preisgünstigste gewesen.

Die 20000 neuen Restmüll- und Biotonnen in Jülich sind mit einem Chip ausgestattet. Persönliche Daten (Namen) seien nicht gespeichert, aber die Adresse, zu der das Gefäß gehört. Caspar: „So können wir nachvollziehen, ob Tonnen tatsächlich geleert oder auch zweimal rausgestellt worden sind.“ Und sie widerspricht einer Sorge mancher Bürger: „Es wird nichts gewogen.“

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